Geschichten

Medizinische Nothilfe in humanitären Krisen

Jede Krise, auf die wir reagieren, ist einzigartig. Das gilt auch für Einsätze in der gesundheitlichen Notversorgung.

Jede Krise, auf die wir reagieren, ist einzigartig. Das gilt auch für Einsätze in der gesundheitlichen Notversorgung.

Der Bedarf an medizinischer Versorgung ist in humanitären Krisen besonders hoch. Warum? Konflikte und Naturkatastrophen beschränken den Zugang zu Gesundheitsversorgung. Dienste sind überlastet, Spitäler oder Gesundheitseinrichtungen beschädigt und Versorgungsketten unterbrochen. Bei Flucht und Vertreibung besteht in unterversorgten Gebieten immer die Gefahr von Krankheitsausbrüchen, ganz zu schweigen von dem hohen Bedarf in Bereichen wie der Gesundheitsfürsorge für Mütter und Kinder, der Behandlung nicht übertragbarer Krankheiten (wie Diabetes oder Bluthochdruck), Routineimpfungen, ebenso wie der psychosozialen Unterstützung.

Weil jede Krise einzigartig ist, gibt es auch kein Universalrezept, wie in humanitären Krisen grundlegende Gesundheitsdienstleistungen bereitgestellt werden können. Jeder Kontext ist anders. Die Zugangsschwierigkeiten können variieren und die bestehende Infrastruktur an einem Ort kann anders sein als in anderen Gebieten, in denen wir gearbeitet haben. An jedem Standort passen wir die medizinische Nothilfe daher den jeweiligen Bedürfnissen und dem Umfeld an.

Unserer Aktivitäten im Gesundheitsbereich fallen unter den Begriff der Notfallmedizin. Heutzutage umfassen sie auch die Reaktion auf Covid-19. So sieht unsere Hilfe in vier sehr unterschiedlichen Kontexten aus: Südsudan, Somalia, Syrien und Jordanien.

Südsudan

Aufgrund chronischer Unterentwicklung und anhaltender Konflikt ist der Bedarf an humanitärer Hilfe im gesamten Südsudan immens. Laut Büro der Vereinten Nationen zur Koordinierung humanitärer Hilfe (UNOCHA) benötigen rund 5,2 Millionen Menschen dort Unterstützung im Gesundheitsbereich. Der Zugang zu lebenswichtigen Gesundheitsdiensten ist durch Konflikte, Überschwemmungen und einer schwachen Gesundheitsinfrastruktur stark eingeschränkt. Das kann fatale Auswirkungen haben für Mütter, unternährte oder malariakranke Kinder, oder Familien, die sich gegen vermeidbare Krankheiten impfen lassen wollen.

Zusätzlich zu fortlaufenden Programmen in Orten wie Jonglei und dem Oberen Nil reagiert unser Nothilfeteam mit Sitz in Juba schnell auf Massenvertreibungen, Krankheitsausbrüche, hohe Unterernährungsraten oder Naturkatastrophen. Im Südsudan kann medizinische Nothilfe Vieles umfassen – von der Durchführung einer grossen Masernimpfkampagne bis hin zur Behandlung akuter Unterernährung in Kliniken, die wir mit Partnerorganisationen oder in Eigenregie betreiben. Dazu gehört auch der Transport von medizinischen Hilfsgütern per Flugzeug, auf Motorrädern oder durch Sümpfe. Derartige Dinge haben uns noch nie abgeschreckt.

Somalia

Die Lage in Somalia ist seit vielen Jahren prekär, hat sich jedoch aufgrund von Dürren, Überschwemmungen, Heuschreckenschwärmen und Hunger erheblich verschlechtert. Fast vier Millionen Menschen benötigen grundlegende Gesundheitsdienste, doch Vertreibung, Entfernungen, die Sicherheitslage oder Zugangsbeschränkungen behindern den Zugang. Obwohl die Sicherheitslage nach wie vor eine Herausforderung ist, können wir durch sorgfältiges Management somalische Familien weiter mit lebensrettender humanitärer Hilfe unterstützen.

Aufgrund der prekären Sicherheitslage haben wir für die gesundheitliche Nothilfe in Somalia einen etwas anderen Ansatz gewählt. Primäres Ziel ist die Verbesserung der in lokalen Gesundheitseinrichtungen angebotenen Dienstleistungen. So arbeiten wir eng mit nationalen Partnerorganisationen zusammen, um deren Kapazitäten bei der medizinischen Versorgung von Gemeinschaften auszubauen, sowie Rund-um-die-Uhr-Gesundheitsfürsorge für Mütter und die Behandlung von Unterernährung. Mittels Selbsthilfegruppen, sogenannten Care-Groups, sollen kritische Ernährungs-, Gesundheits- und Hygienepraktiken verbessert und traumatisierten Familien psychosoziale Unterstützung geboten werden. So konzentrieren wir uns auf die Stärkung lokaler Systeme und nationaler Kapazitäten, gleichzeitig betreuen und unterstützen wir Familien und deren Wohlergehen.

Syrien

Die humanitäre Lage in Syrien bestimmte vor zehn Jahren weltweit die Schlagzeilen. Der Bedarf ist immer noch hoch, auch wenn die Krise nicht mehr im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit steht. Rund 12,4 Millionen Menschen in Syrien benötigen nach Angaben des UNOCHA medizinische Nothilfe. Doch nach 10 Jahren Konflikt sind weniger als 60 Prozent der Spitäler im Lande funktionsfähig. Mehrere, sich gegenseitig verschärfende Krisen, die Kosten für Gesundheitsversorgung und der Mangel an medizinischem Material oder Personal schaffen erhebliche Hindernisse für den Zugang von Familien zu Gesundheitsdienstleistungen. Menschen mit Behinderungen sind überproportional betroffen.

Wir können keine medizinische Nothilfe leisten, wenn Spitäler und Gesundheitseinrichtungen stark beschädigt sind und Familien diese nicht nutzen können. Daher umfasst unsere Arbeit in Syrien die Instandsetzung und Ausstattung beschädigter Gesundheitseinrichtungen, sowie den sicheren Zugang für medizinisches Personal und Mitglieder der Gemeinschaft und die Lagerung von Medikamenten. Wir unterstützen nicht nur die Ausbildung von medizinischem Personal, sondern richten auch Gesundheitsprogramme für Gemeinschaften in den von uns betreuten Gebieten ein. Auf diese Weise sorgen wir für den Zugang von Familien zu verfügbaren Dienstleistungen und wichtigen Informationen im Bereich Gesundheit. Wo möglich, schulen wir auch einheimische Physiotherapeuten und sorgen für die Bereitstellung von Mobilitätshilfen für Menschen mit körperlichen Behinderungen, dass sie ihre Wohnung verlassen und sich würdevoll in ihrer Gemeinschaft bewegen können.

Jordanien

Laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk leben in Jordanien über eine Viertelmillion Geflüchtete. Die überwiegende Mehrheit unter ihnen stammt aus Syrien. Andere sind vor Krisen im Irak, Jemen, Somalia und anderen Ländern geflohen. Jordanien hat laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation aus dem Jahr 2016 eines der besten Gesundheitssysteme in der Region, aber dieses System ist für Geflüchtete oft unerschwinglich. Viele von ihnen verdienen mit Arbeiten im informellen Sektor nur ein paar Dollar pro Tag.

Das jordanische Gesundheitssystem ist gut ausgebaut. Deshalb suchten wir vor allem nach Möglichkeiten, den Zugang von geflüchteten Familien zu dringenden und wichtigen medizinischen Dienstleistungen im bestehenden Gesundheitssektor zu gewährleisten. Wir bieten Geld-für-Gesundheit-Dienste an, im Rahmen derer wir Kosten für dringende Operationen, Eingriffe und Behandlungen für geflüchtete Familien übernehmen. Das Programm konzentriert sich auf die Gesundheit von Müttern und Kindern, sowie die Behandlung nicht übertragbarer Krankheiten. Wir übernehmen Behandlungskosten entweder direkt im Spital oder in der Gesundheitseinrichtung oder erstatten bereits bezahlte Behandlungskosten. So können wir Familien den Zugang zu wichtigen Gesundheitsdienstleistungen ermöglichen, ohne das bestehende System zu untergraben.

Medizinische Nothilfe sieht in jedem Land, in dem wir arbeiten, anders aus. Das ist auch gut so, denn keine humanitäre Krise ist wie die andere. Unser Ansatz mag unterschiedlich sein, das Endziel aber ist immer das Gleiche: Gefährdeten Menschen den Zugang zu der benötigten Unterstützung und ein Leben in Würde zu ermöglichen sowie künftige Gesundheitskrisen zu vermeiden.

(P.S. – wir sind immer auf der Suche nach engagiertem Gesundheitspersonal zur Verstärkung unserer Teams. Werfen Sie einen Blick auf unsere Stellenangebote. Vielleicht passt eine der Ausschreibungen zu Ihnen?)

 


Titelbild: © Medair / Odile Meylan

Quellen für Statistiken:

UNOCHA, 2020.Global Humanitarian Overview 2021.

UNHCR, 2021. Jordan Fact Sheet – September 2021.

WHO, 2016. Comprehensive assessment of Jordan’s health information system 2016.

UNOCHA, 2021. Humanitarian Needs Overview 2021: Arabische Republik Syrien.

Die Dienstleistungen von Medair im Bereich Gesundheit und Ernährung im Südsudan werden aus Mitteln der britischen Regierung, der US-Behörde für internationale Entwicklung (USAID), des Europäisches Amtes für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz (ECHO), der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, der Slowakischen Hilfe und grosszügigen privaten Spendenden finanziert.

Medair-Einsätze in Syrien werden aus Mitteln der Europäischen Kommission für Katastrophenschutz und humanitäre Hilfe, der Glückskette sowie von privaten Spendeen finanziert.

Die Arbeit von Medair in Jordanien wird durch die Unterstützung der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, des UN-Amts für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten, der Europäischen Kommission für Katastrophenschutz und humanitäre Hilfe, des deutschen Auswärtigen Amtes und des US State Department’s Bureau of Population, Refugees, and Migration (PRM) ermöglicht.

Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.