Etwas Normalität im harten Flüchtlingsalltag

Die militärischen Operationen kamen für die Mehrzahl der Menschen in Nordostsyrien völlig unerwartet.

Die militärischen Operationen kamen für die Mehrzahl der Menschen in Nordostsyrien völlig unerwartet. Zeit, ihre Flucht zu planen oder vorzubereiten, blieb betroffenen Familien nicht. Viele von ihnen flohen Hals über Kopf.

Die Erde bebte und dunkle Rauchwolken stiegen auf, als 75 Meter von Mohammed entfernt eine Bombe explodierte. Der ehemalige Bauarbeiter rannte nach Hause, um seine 15-köpfige Sippe zu warnen. Es sollte das letzte Mal sein, dass er sein Haus betrat: Noch am gleichen Tag verliess die Familie ihr Heimatdorf, in dem Mohammed seinen zwei Töchtern Yasmine und Dibler eine sichere und unbeschwerte Kindheit hatte ermöglichen wollen.

«Ich rannte nach Hause zu meiner Familie, wir packten unsere Sachen und flohen. In Syrien ist es nicht mehr sicher; wir werden dort nie mehr unbehelligt leben können», berichtet der Familienvater.

Die Syrienkrise hält nun seit bald neun Jahren an. 6,2 Millionen Menschen leben innerhalb ihres Landes als Vertriebene. Seit Ausbruch der jüngsten Krise am 9. Oktober 2019 im Nordosten Syriens haben mehr als 15 800 Menschen aus Angst vor den anhaltenden Militäroperationen die Grenze zum Irak überquert, die Zahl intern Vertriebener in Syrien stieg um 99 000*.

«Wir brauchen Hilfe in jedem Bereich unseres Lebens», erklärt Amed, ein schlanker Mann mit dichtem, schwarzgrauem Haar. Als in ihrer Heimatstadt die Bomben einschlugen, ergriffen auch er und seine Frau Solin die Flucht. Während ihr Mann von der beschwerlichen Reise in den Irak erzählt, wischt Solin sich mit ihrem gepunkteten Hijab die Tränen aus den Augen.

«Unsere Heimat werden wir nie vergessen», sagt Amed. «Die Dörfer, in denen wir geboren wurden, werden immer unser zu Hause sein. Seine Hand ruht auf seinem Herz, und seine Augen werden feucht. Er versucht angestrengt, die Tränen zurückzuhalten, doch sie laufen ihm ungehindert über die Wangen.

Die eigene Heimat Hals über Kopf zu verlassen – dafür entscheidet sich wohl kaum jemand freiwillig. Und einige Binnenvertriebene erleben dieses traumatische Erlebnis schon zum wiederholten Mal.

«Vor der Krise arbeitete ich als Mathematiklehrerin», erzählt Layla, die eigentlich ausgebildete Krankenpflegerin ist. Ihr Mann Razum gesellt sich zu uns, seinen 19 Monate alten Sohn Jude auf dem Arm und Töchterchen Haifa (3) an der Hand. Er berichtet, dass er in Syrien neben seinem Ingenieurstudium noch in einer Zahnarztpraxis arbeitete.

Doch das war früher – bevor die aktuelle Krise in Nordostsyrien die Familie aus ihrem Heimatland vertrieb.

Die dreijährige Haifa mit einem Medikament, das Medair ihrer Familie bei der Ankunft im Irak überreichte.

Laylas und Razums Flucht über die irakische Grenze ist bereits ihre dritte Vertreibung. Bei ihrer zweiten Flucht war Layla im neunten Monat schwanger.

«Uns war klar, dass wir nie wieder zurückkehren können. Kurz nach der ersten Flucht kam unser Sohn Jude auf die Welt. Seine Geburt war ein grosses Geschenk und hat uns neue Hoffnung gegeben», erzählt Layla. «In der schweren Situation schenkte das Baby uns viel Freude und symbolisierte einen Neuanfang.»

Zwei Jahre später musste die Familie jedoch erneut fliehen: «Wir versuchen, die Situation so gut es eben geht, zu bewältigen. Aber dass uns die anhaltende Gewalt immer wieder zur Flucht zwingt, setzt uns sehr zu. Schon die erste Flucht war sehr hart. Und jedes Mal wird es schlimmer», so Layla.

Razum hofft, im Irak nun endlich einen sicheren Zufluchtsort für seine Familie zu finden – eine weitverbreitete Hoffnung vieler Flüchtlinge auf ihrer Odyssee von Nordostsyrien in den Irak.

Syrerinnen und Syrer, die im Irak Zuflucht suchen, kommen zuerst in ein Transitzentrum. Dort müssen sie sich beim UNHCR und den lokalen Behörden registrieren. Verschiedene humanitäre Organisationen koordinieren hier ihre Hilfsleistungen, um die dringendsten Bedürfnisse von Neuankömmlingen wie warme Mahlzeiten, Impfungen, medizinische Leistungen und sichere Unterkünfte zu decken.

Stundenlange Fussmärsche sind eine körperliche Herausforderung. Vor allem, wenn sich die Reise über Tage hinzieht und das Ziel nicht in Sicht ist. Bei ihrer Flucht zu Fuss in den Irak verlor die 75-jährige Madia jedes Zeitgefühl. Mit zehn Verwandten kämpfte sie sich durch die Nacht, Knochen- und Gelenkschmerzen nahmen immer mehr zu. Mitten in der Nacht erreichte die Familie endlich ihr Ziel. «Mir tun die Knie so weh, ich denke, dass ich medizinische Hilfe brauche», berichtet Madia.

Flüchtlinge, die weite Strecken zu Fuss zurücklegen, leiden oftmals unter starken Knochen- und Muskelschmerzen. Erschwerend kommen die tiefen Temperaturen des nahenden Winters hinzu, ausserdem  überqueren die meisten Flüchtlinge im Schutz der Dunkelheit die Grenze und sind damit zusätzlich den eisigen nächtlichen Temperaturen ausgesetzt. Oft erreichen sie ihr Ziel dann mit Fieber und Erkältungen.

Am 25. Oktober wurde dieses sechs Monate alte Baby mit einer Infektion der oberen Atemwege ins mobile Gesundheitszentrum von Medair eingeliefert.

Ryan ist sechs Monate alt als er mit hohem Fieber ins Medair-Gesundheitszentrum eingeliefert wird. Das Baby hatte auf der Flucht die Nacht unter freiem Himmel verbracht. Als eine von zwei Organisationen versorgt Medair Flüchtlingsfamilien entlang der irakischen Grenze mit medizinischer Nothilfe. Momentan sind die gesundheitlichen Bedürfnisse, die unsere Teams antreffen zwar noch überschaubar, doch die Hilfsleistungen sind dennoch äusserst wichtig. Denn die Abgabe der Medikamente hat neben dem primären Ziel, physische Schmerzen zu lindern noch einen weiteren Effekt: Die Hilfe vermittelt den oft psychisch angeschlagenen Geflüchteten, dass die Welt sie nicht vergessen hat und ihnen jemand in dieser schweren Zeit ganz praktisch zur Seite steht.

Nach ihrer Ankunft im Irak werden syrische Flüchtlinge in die Lager Bardarash oder Galiwan überführt. Beide Camps sind bereits beinahe voll ausgelastet. Wo Menschen auf engem Raum zusammenleben, breiten sich Krankheiten schneller aus. Deshalb stellt Medair Hilfsgüter wie Wasserkanister, Eimer, Krüge und Seife bereit, die eine gute Hygiene ermöglichen.

«Wasser und eine gute sanitäre Versorgung helfen den Geflüchteten zudem, ihre Würde zu wahren. Wer die eigene Heimat verlässt und sich in einem Flüchtlingslager niederlässt, findet sich in einer sehr chaotischen Situation mit wenig Bewegungsfreiheit wieder. Mit unseren Hilfsgütern können Familien wenigstens ihre Kleider waschen oder Mahlzeiten zubereiten. Das bringt etwas Normalität in ihren Alltag. Wir sind froh, sie mit diesen Artikeln unterstützen zu können, denn dies ist auch für ihre psychische Gesundheit wichtig. Unsere Unterstützung gibt ihnen Hoffnung», erklärt Amalan Arulanantham, Medair-Projektleiter Nothilfe im Bereich Wasser, sanitäre Anlagen und Hygiene (WASH).

Innerhalb einer Woche konnten Medair-Teams 2910 WASH-Sets an Flüchtlinge in den Lagern Bardarash und Galiwan verteilen. «Es sind kleine, einfache Artikel – aber sie machen einen grossen Unterschied!», fügt Amalan hinzu.


Im Irak versorgt Medair bedürftige Menschen mit Unterkünften, medizinischen und psychosozialen Leistungen, sauberem Trinkwasser, Latrinen und Hygieneartikeln. Die Arbeit von Medair im Irak wird durch das Europäische Amt für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz (ECHO), die US-Behörde für Internationale Entwicklung (USAID) sowie grosszügige private Spenderinnen und Spender unterstützt.

Die Inhalte dieses Artikels stammen von Medair-Mitarbeitenden in den Einsatzgebieten sowie am internationalen Hauptsitz. Die in diesem Artikel geäusserten Meinungen entsprechen ausschliesslich den Ansichten von Medair und nicht zwingend auch dem offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen.

 

*2019 Humanitarian Needs Overview for Syria

North East Syria Humanitarian Crisis – New Population Displacement