Geschichten

Ein Jahr bei Medair: Meine Erkenntnisse

Hallo, ich bin Rand, und ich habe fast mein ganzes Leben in Damaskus gelebt. Ich bin die erste Kommunikationsbeauftragte von Medair in Syrien. Heute möchte Ihnen erzählen, wie die Erfahrung in diesem Jahr mein Leben verändert hat.

Erkenntnis Nummer 1: Man könnte denken, dass man seine Leidenschaft und seine Träume zurückstellen muss, wenn man in Syrien lebt. Nun, das dachte ich auch. Aber wie sich herausstellte, ist das nicht immer der Fall.

Als ich Journalismus studiert habe, hätte ich nie gedacht, dass mich das dorthin führen würde, wo ich heute bin. Wissen Sie, für die Menschen in Syrien ging es schon immer ums Überleben. Niemand würde von einem erwarten, nach Studienabschluss in einem Bereich zu arbeiten, der mit dem Fach zu tun hat. Niemand würde irgendetwas von einem erwarten, ausser dass man versucht, jeden Tag aufs Neue zu überstehen.

Bei mir war es nicht anders. Seit Beginn der Krise steigen die Preise für den Lebensunterhalt fast täglich. Bei allem, was im Land passierte, hatte ich völlig vergessen, wie gerne ich Geschichten erzähle und Momente festhalte, die man nur einmal im Leben erlebt. Ich hatte vergessen, warum ich überhaupt Journalismus studiert habe.

Beruflich gesehen, hat das Leben diese Passion überdeckt Aber in meinem Herzen war der Wunsch, Fotos zu machen und Geschichten zu erzählen, nie erloschen.

Ich habe im Verkauf gearbeitet, was überhaupt nichts mit meiner Passion zu tun hatte. Es soll nicht angeberisch klingen, aber ich weiss, dass ich gut darin war. Warum sollte ich meiner Leidenschaft nachgehen, wenn es nur ums Überleben geht? In Syrien ist es nur wenigen Glücklichen vergönnt, ihre Träumen zu leben.

Dann kam Corona. Wie bei vielen anderen auf der Welt war auch mein Arbeitsplatz betroffen. Wir mussten für eine Weile schliessen.

Ich hatte grosses Glück, denn ich konnte die Auszeit positiv nutzen. Was ich noch nicht wusste, war, dass ich während des Lockdowns den Mut finden würde, meinen Job zu kündigen. Obwohl das Unternehmen schliesslich den Betrieb wieder aufnahm, beschloss ich, eine der Glücklichen zu werden, die auch in Syrien ihre Träume verfolgt.

Und hier begann die Reise. Ich begann nach einem Ort zu suchen, an dem ich der Mensch sein konnte, als der ich mich sah: Eine einfache Geschichtenerzählerin, die durch das Land zieht, den Menschen zuhört, sich dafür interessiert, was sie zu sagen haben, und Menschen durch ihre Geschichten und Fotos miteinander verbindet.

Ich will ehrlich sein, das Warten war kein Zuckerschlecken. Manchmal war es sogar deprimierend. Ich war irgendwann kurz davor, aufzugeben und einfach wieder irgendeine Stelle annehmen, um Arbeit zu haben. Mein Überlebensmodus war in Alarmbereitschaft, und zwar in grosser.

Das war meine zweite Erkenntnis: Das Warten hat mich gelehrt, dass sich Geduld auszahlt, dass es sich lohnt, sich anzustrengen, und dass Glück überbewertet wird.

Die meiste Zeit verbrachte ich damit, meine Interview-Kompetenzen zu festigen, Fotos zu machen und neue Fertigkeiten in dem Gebiet zu erlernen, das ich so liebe.

Dann entdeckte ich auf einmal eine Stellenausschreibung von Medair Syrien für eine/n Kommunikationsbeauftragte/n. Medair hat offensichtlich die Leidenschaft und das Potenzial, das in mir steckte, erkannt, und ich bekam die Stelle.

Mir wurde klar, dass die Reise mich zu einem Abenteuer geführt hatte, das ich in meinem Leben noch nie zuvor erlebt hatte.

Meine dritte Erkenntnis lehrte mich, dass eine Stellenbeschreibung nicht dasselbe ist, wie die eigentliche Arbeit zu leisten. Ich wusste schon vorher, dass ich gerne als Journalistin arbeiten würde, aber ich wusste nicht, dass ich mich so in den Beruf verlieben würde.

Ich fing an, mit verschiedenen Teams ins Feld zu gehen. Ich besuchte eine Familie in einer Siedlung, in der Medair die Wasserversorgung wiederhergestellt hatte. In einer weiteren Familie half unser Team den Kindern, besser zu laufen. Wir haben auch Familien besucht, deren Häuser vor Abwasser geschützt wurden, nachdem Medair das Kanalsystem instand gesetzt hatte.

Das sind Gefühle, die ich in Worte kleiden möchte. Die Freundlichkeit der Menschen, denen ich jeden Tag begegne; die Schönheit ihrer Worte, wenn sie mir ihre Geschichten erzählen, der Blick einer Mutter, wenn sie von ihren Kindern spricht. Das sind Dinge, die ich nicht missen möchte, und ich möchte sie mit Ihnen teilen.

Kurz gesagt, jeder Aspekt dieser Arbeit ist inspirierend. Dazu gehören auch Interviews mit anderen Mitarbeitenden über ihre Arbeit und die Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen, wenn für Menschen unterwegs sind, die auf auf Medair angewiesen sind. Ich sehe, dass alle in diesem Team ihr Bestes geben, um das Leben der Menschen zu verbessern. Ich habe grossen Respekt vor diesen Teammitgliedern und kann mit Sicherheit sagen, dass sich das Warten und das Risiko gelohnt haben. Meine Leidenschaft dient jetzt dem Ziel, anderen zu helfen.

Meine vierte Erkenntnis: Man muss keine ärzliche Ausbildung haben, um Menschen zu helfen. Den Menschen eine Stimme zu geben ist auch eine Hilfe.

Ich bin dankbar, dieses Jahr mit Medair gearbeitet zu haben. Als Kommunikationsbeauftragte von Medair in Syrien konnte ich miterleben, was wir unternehmen, um Menschen zu helfen. Die meisten von uns stammen aus Syrien, und ich kann ihnen die Gelegenheit bieten, über ihr Leben und ihre Erfahrungen zu sprechen. Ich gehöre zu einem globalen Team, das zeigt, wie unsere Arbeit Leben verändern kann und wie sich eine finanzielle Unterstützung auf das Leben der Menschen auswirkt. Ich kann es kaum erwarten, die wundervollen Familien zu treffen, die ich im kommenden Jahr kennenlernen werde, und die tollen Erfolge festzuhalten, die ich dokumentieren darf.

Die fünfte und vorerst letzte Erkenntnis, die ich gewonnen habe, ist, dass die Welt zwar voller Herausforderungen steckt und das Leben in Syrien nicht einfach ist, aber wenn man daran glaubt, kann man handeln und helfen. Wenn man daran glaubt, kann man etwas verändern.

Die Arbeit mit Medair gleicht einem Abenteuer, das mein Leben verändert und mir gleichzeitig hilft, das Leben anderer zu verändern. Wenn Sie herausfinden möchten, wie Sie etwas verändern können, klicken Sie hier


Die Arbeit von Medair in Syrien wird durch den Katastrophenschutz und die humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission, die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), die Glückskette, SlovakAid und grosszügige private Spendende wie Sie ermöglicht.

Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.