Afghanistan: Das Unmögliche möglich gemacht

16 Februar 2017

Afghanistan: Das Unmögliche möglich gemacht

Als ein Schädlingsbefall die Ernten vieler Bauern im zentralen Hochland von Afghanistan vernichtete, blieb den Familien nur wenig bis gar nichts zu essen für den Winter. Ohne schnelle Hilfe wäre ihr Leben gefährdet. Wir machten uns auf in extrem entlegene Bergregionen, um die bedürftigen Familien mit Hilfe zuversorgen - bevor der Winter und die Schneemassen die Strassen unpassierbar machten. Katherine, eine Nothelferin von Medair in Afghanistan, war auf dieser Mission dabei. 

Anfang November 2016

Die eisige Kälte in Afghanistan steckt uns tief in den Knochen. Tagelange Reisen über Gebirgsstrassen und etliche Nächte auf harten Böden liegen hinter uns. Wir suchen die Siedlungen und Dorfgemeinschaften ab und haben nur ein Ziel: Notleidende Menschen ausfindig zu machen und ihnen zu helfen. Die Region ist extrem abgelegen – wir kommen uns vor wie auf einem anderen Planeten.

Aufgrund von extremen Missernten ist die Existenz zahlreicher Familien bedroht. Durch Bargeld-Hilfen ermöglichen wir ihnen, sich mit Lebensmitteln für den harten Winter einzudecken. Auch geben wir ihnen Saatgut für einen erfolgreichen Start in den Frühling. Heute wird das Bargeld verteilt. Konzentriert füllen wir die Umschläge mit je 9800 Afghanis. Das entspricht inetwa CHF 150 bzw. 141 Euro. Mit dem Geld kann sich eine Familie einen Winter lang ernähren. 

Mitte November

Wir sind auf dem Weg zu einer hilfsbedürftigen Frau. „Wohnt sie weit weg?“, erkundige ich mich. „Sehr weit“, entgegnet mein Teamkollege und deutet hinauf in die Berge. Wir steigen aus unserem Allradfahrzeug und gehen zu Fuss weiter. Wind und Schnee peitschen uns ins Gesicht. Eine Stunde lang stapfen wir den steilen Hang hinauf. Endlich erreichen wir das Haus von Amina. Eigentlich ist es lediglich ein Raum, den sie sich mit ihrem Sohn und ihrer Mutter teilt. Es ist stockdunkel: Mit der Taschenlampe meines Handys leuchte ich uns den Weg.

Bereits seit zwei Wochen reisen wir durch diese extreme Gegend. Manchmal fühlt es sich an, als wäre unser Bemühen nur ein Tropfen auf den heissen Stein – den Familien fehlt es an so vielem. Dennoch ist es beruhigend zu wissen, dass ihnen das Geld helfen wird, den nahenden Winter zu überleben. 

Ende November

Weiterhin sind wir Tag und Nacht im Einsatz. 1300 Familien haben wir aufgesucht, registriert und mit Bargeld unterstützt. 9100 Menschen in den verschiedensten Siedlungen und Dörfern können sich damit selbst versorgen. Wir haben das Unmögliche möglich gemacht!

Aber noch immer warten 400 Familien auf unsere Hilfe  - und 18 Tonnen Saatgut und Düngemittel müssen in die entlegensten Gebiete transportiert werden. 

Anfang Dezember

Wir verlassen unsere Basis für die letzten Güterverteilungen. „Diese Aktion ist wohl eine der härtesten. Noch nie sind wir so spät im Jahr losgezogen“, sagt eine Teamkollegin. „Wie kommen wir wieder weg, wenn es anfängt zu schneien?“, frage ich sie. „Raus aus dem Auto und rauf auf einen Esel.“ Sie lacht. Aber ihre Worte sind ernst gemeint.

Stunden später sehen wir den Medair-Lastwagen mit Saatgut und Dünger. Er ist auf einem Bergpass steckengeblieben, mit gebrochener Achse und kaputtem Rad. Wir stecken fest im Niemandsland und es wurde viel Schnee angekündigt. Eine Weile lang schweigen wir – dann machen wir uns an die Arbeit. 

36 Stunden später

18 Tonnen verbessertes Saatgut und Dünger sind verteilt, 224 Bauern im Ackerbau geschult; dies alles in nur eineinhalb Tagen! Wir verabschieden uns von den Familien und treten die Rückreise an. Unser Fahrer stellt die Musik laut. Erleichtert lacht jeder auf – noch etwas ungläubig zwar, aber froh und endlos erschöpft zugleich. Gemeinsam haben wir es geschafft: Familien werden diesen Winter genug zu essen haben und im Frühling mit der Aussaat loslegen können. Sie haben allen Grund, dem neuen Jahr hoffnungsvoll entgegenzusehen.  

– Katherine, Mitarbeiterin Nothilfe bei Medair, Afghanistan


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