Weltfrauentag

Seit sechs Jahren ist Medair im Mittleren Osten im Einsatz. Viele beeindruckende Frauen haben wir in dieser Zeit kennengelernt. Im Zuge der anhaltenden Krisen in Syrien und dem Irak haben diese Frauen alles verloren.

Seit sechs Jahren ist Medair im Mittleren Osten im Einsatz. Viele beeindruckende Frauen haben wir in dieser Zeit kennengelernt. Im Zuge der anhaltenden Krisen in Syrien und dem Irak haben diese Frauen alles verloren. Dennoch blicken sie tapfer in die Zukunft und sind fest entschlossen, die Bruchstücke ihres Lebens wieder zusammenzufügen.

Anlässlich des Weltfrauentages möchten wir Ihnen einige dieser starken Frauen vorstellen.

Irak: Samira – Anmut und Würde zeichnen sie aus

Wer Samira begegnet, der fühlt sich sofort wohl. Das liegt nicht nur an ihrem hübschen Lächeln. Es ist die Art, wie die grossgewachsene Lady mit Menschen umgeht, wie sie Fremde und Freunde aufs Herzlichste willkommen heisst – sei dies inmitten eines schlammigen Flüchtlingscamps im Nordirak

Samira erinnert sich gern an ihr schönes Leben vor 2014. Ihr Ehemann leitete die nahegelegene Schule in Hawiga, der älteste Sohn besuchte die Universität. Im Garten wuchsen Obstbäume, die grosse Familie wohnte ganz in der Nähe. Bei Samira zuhause kamen die Kinder zusammen und wurden von ihr mit Tee und Süssem versorgt.

„Ich freute mich immer, wenn mein Sohn am Wochenende von der Universität heimkam“, erinnert sich Samira. „Dann kochte ich ihm etwas Feines und wusch seine Kleider, damit er saubere Wäsche mitnehmen konnte. Ich war so stolz auf ihn.“

Auch in ihrem Zelt im Camp Laylan 2, wo die Familie jetzt lebt, verwöhnt Samira die Gäste mit ihrem besten Tee und Süssigkeiten. Aber nichts ist wie damals in Hawiga. Heute kauft Samira das Gebäck auf einem Markt im Lager, eine eigene Küche besitzt sie nicht. Dennoch finden alle Kinder aus der Nachbarschaft den Weg in ihr Zelt. Sie wissen: Samira hat immer etwas zum Knabbern und einen Platz auf ihrem Schoss.

Im Camp Laylan 2 betreibt Medair eine Klinik für die medizinische Grundversorgung. Samira hilft dort freiwillig aus. Sie wird wöchentlich im Bereich Gesundheit und Hygiene geschult und gibt ihr Wissen an Familien weiter. Sie besucht sie in ihren Zelten und informiert sie zum Thema Stillen, Familienplanung, Händewaschen und Krankheitsprävention.

Die neunjährige Lamia möchte in die Fussstapfen ihrer Mutter treten und Ärztin werden. Samira freut sich darüber. Doch ihr Lächeln verblasst, als sie sich daran erinnert, was ihre Kinder in Hawiga haben miterleben müssen.

„Sie haben viel zu viel gesehen“, sagt sie. „Zweimal haben wir versucht, aus Hawiga zu fliehen. Beide Male wurden wir erwischt und zurückgetrieben. Meine Tochter musste mitansehen, wie ihr Vater und der Bruder geschlagen wurden. Sie flehte die Peiniger an, ihren Vater nicht zu erschiessen. Lamia hatte furchtbare Angst. Bis heute wird sie von Albträumen geplagt und kann nicht ohne mich schlafen.“

Samira und ihre Familie haben einen starken Zusammenhalt. Das ist offensichtlich und hängt nicht von einem schönen Haus oder hübschen Garten ab. Es ist ganz einfach die unerschütterliche Liebe, die sie füreinander empfinden. Samira ist eine starke Irakerin. Trotz Trauer und Verlust gibt sie ihrer Familie Halt und lehrt sie, die Hoffnung zu bewahren.

Jordanien: Hoffnung statt Verzweiflung

Syrische Flüchtlinge, die in Jordanien leben, haben viele Verluste zu verkraften. In den Unruhen zu Beginn der Syrienkrise verloren sich Freunde und Verwandte oft aus den Augen. Auf der Flucht nach Jordanien mussten die Menschen das vertraute Zuhause zurücklassen. Untergekommen in einem Flüchtlingscamp oder Rohbau in einer fremden Stadt sehen sie sich nun gezwungen, auf ihren gewohnten Lebensstil zu verzichten. Und je weiter die Krise voranschreitet und die Ersparnisse schwinden, desto mehr trübt sich die Hoffnung auf eine sichere Zukunft.

Die Menschen erleben einen Verlust nach dem anderen.

In Ost-Amman trifft sich jedoch eine Gruppe syrischer Frauen, die entschlossen an der Hoffnung festhält.

Die Frauen sitzen im hinteren Teil eines Gemeindezentrums beieinander und basteln Fotocollagen. Darin bringen sie ihre Hoffnungen und Wünsche für die Zukunft zum Ausdruck. Die Treffen finden im Rahmen eines psychosozialen Unterstützungsprogramms von Medair statt. Seit elf Wochen nehmen die Frauen daran teil.

Sie blättern in alten Zeitschriften, schneiden Bilder aus und tauschen sich darüber aus, was die Motive für sie persönlich bedeuten.

Sorgfältig schneidet Rahlat ein Foto aus, auf dem ein Heissluftballon über eine weite, grüne Fläche hinwegschwebt. „Ich wünsche mir einen Bauernhof mit Kühen und ein Haus mit einem eigenen Schlafzimmer“, sagt sie. „Und ich möchte gerne einmal nach Kanada reisen.“

„Ich liebe es, zu nähen“, sagt Ara, die Bilder mit verschiedenen Kleidungsstücken neben sich stapelt. „In Syrien hatte ich Nähunterricht und besass eine eigene Nähmaschine. Ich hoffe, dass ich eines Tages als Schneiderin arbeiten kann.“

„Meine Kinder geben mir Hoffnung“, entgegnet Rima, die ein Bild einer glücklichen Familie ausschneidet. „Vor meiner Hochzeit war es mein innigster Wunsch, Mutter zu werden. Wenn meine Tochter meinen Namen ruft, gibt mir das ganz viel Mut.“

Die Fröhlichkeit in der Frauenrunde kann nicht über den steilen Weg hinwegtäuschen, den jede Einzelne bis hierhin gegangen ist. Medair-Mitarbeiterin Duha leitet die Sitzungen und erklärt: „Trauer und Verlust sind die schwierigsten Themen.

Vor nur drei Wochen war die Stimmung im Raum noch ganz anders: Jede Teilnehmerin setzte sich einem leeren Stuhl gegenüber und stellte sich einen geliebten Menschen vor, zu dem kein Kontakt mehr besteht. In vielen Fällen war das jemand, der gestorben oder ermordet worden war oder der noch in Syrien ausharrt und nicht erreichbar ist. So konnten die Frauen der Person mitteilen, was ihnen schon lange auf dem Herzen lag.

Angesichts dessen, was sie durchgemacht haben, kostet es die Teilnehmerinnen viel Kraft und Mut, sich den schmerzvollen Erinnerungen zu stellen. Noch mehr Mut erfordert es, Woche für Woche zurückzukehren, nicht aufzugeben und weiter in sich selbst, die eigene Familie und die Gruppe zu investieren.

Die Wünsche und Hoffnungen dieser Frauen kreisen oft um ähnliche Themen: Es geht um Kinder, Bildung, ein eigenes Bett und eine Küche, in der die ganze Familie zusammenkommen kann. Träume, die einerseits zeigen, wie sehr sich das Leben der Frauen seit Beginn der Syrienkrise gewandelt hat. Und die andererseits ihre Entschlossenheit zum Ausdruck bringen, Traumata, Verluste und Unsicherheit zu überwinden und sich ganz der Familie und der Gemeinschaft zu widmen. Es sind die Träume und Ziele von Menschen, die ihr Leben wiederaufbauen – und sich dazu entschieden haben, niemals aufzugeben.

Libanon: Innerlich fest entschlossen

Sabeen floh 2012 mit ihrer Familie aus ihrer syrischen Heimatstadt Hamah. So lange es ging, harrten sie zuhause aus. Als immer mehr Freunde und Familienmitglieder verschwanden, begriffen sie, dass es Zeit war, zu fliehen.

Gemeinsam mit ihrem Mann und den Kindern stieg Sabeen in einen Bus, der die Familie an die libanesische Grenze brachte. Das Fahrzeug war randvoll. Alle wollten die Flucht in den Libanon wagen.

„Ich hatte nichts dabei“, erinnert sich Sabeen. „Nur meine Kinder.“

Sabeen und ihre Familie schlossen sich mit anderen syrischen Familien zusammen. Ein libanesischer Landbesitzer erlaubte ihnen, auf seinem Grundstück die Zelte aufzuschlagen. In dieser provisorischen Siedlung wollten sie bis zur sicheren Rückkehr nachhause ausharren.

Zwei Jahre später lebten sie noch immer auf dem Grundstück – doch der Vertrag mit dem Besitzer lief aus. Ein zweites Mal zogen sie um – und wieder hatte Sabeen nichts als ihre Familie dabei.

Sie liessen sich mitten auf einem Weinberg nieder – eine ganz besondere Idylle: Das Zelt der Familie reihenweise umringt von kleinen Weinstöcken und ein Blick auf die schneebedeckten Berge, die einen Teil der Grenze zu Syrien markieren.

Die Weinbergbesitzer zahlen Sabeen, ihrem Mann und dem ältesten Sohn für ihre Arbeit auf den Feldern ein kleines Gehalt. Gemeinsam verdienen sie etwa zwölf US-Dollar im Monat – ein wichtiger Teil ihres Einkommens. Die älteste Tochter Amal leidet an Epilepsie. Zur Behandlung ist sie auf Antiepileptika angewiesen.

„Im Alter von vier Jahren hatte Amal ihren ersten Epilepsie-Anfall. In Syrien war das Medikament umsonst“, sagt Sabeen. Im Libanon kostet die Behandlung 150 US-Dollar im Monat.

Zurzeit fliesst das ganze Geld der Familie in die Medikamente für Amal. „Alles, was wir besitzen, wurde uns geschenkt“, sagt Sabeen. Sie deutet auf ihre Kleider und die Matratzen im Zelt, in dem wir uns befinden. „Aber das ist egal. Die Gesundheit meiner Tochter steht für mich über allem.“

Medair übernimmt die Kosten für Wasserlieferungen in die Siedlung von Sabeen. Auch haben wir die Familie mit Baumaterial für ihre Unterkunft ausgestattet. Tochter Rasha ist im achten Monat schwanger. Sie wird in einer von Medair unterstützten Klinik medizinisch versorgt.

Sabeen freut sich zwar auf die Geburt ihres ersten Enkelkindes, macht sich insgeheim aber grosse Sorgen.  Auch um ihre eigene Gesundheit ist es nicht so gut bestellt: Vor zwei Jahren entdeckte sie im Nacken ein Knötchen, das rasch wuchs. Ein Arzt diagnostizierte Krebs und entfernte den Knoten sechs Monate später. Vor kurzem hatte Sabeen Grippe und der Knoten in ihrem Nacken ist wieder spürbar. Sie fürchtet, dass der Krebs zurückgekommen ist. Zugleich ist sie fest entschlossen, sich nicht entmutigen zu lassen.

„Jeden Morgen, wenn ich aufwache, spüre ich Gottes Kraft“, erzählt sie. „Auch mein Vater gibt mir Kraft. Er ist in Syrien geblieben. Ich telefoniere täglich mit ihm. Er hilft mir, nicht aufzugeben. Er sagt immer: ‘Wer geduldig ist, wird belohnt.’ Meine Kinder geben mir ebenfalls Energie. Ich bin alles, das sie haben. Würden mein Mann und ich uns nicht so hart für sie einsetzen – wer würde es sonst tun?“


In weiten Teilen des Mittleren Ostens unterstützt Medair von Gewalt betroffene Familien mit humanitärer Hilfe. Unsere Teams versorgen notleidende Menschen mit sauberem Wasser sowie lebensrettenden Leistungen im Bereich Gesundheit und Unterkunft. Unsere Arbeit wird gefördert von der Generaldirektion für Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der EU-Kommission, dem Madad Fund der Europäischen Union, dem Deutschen Auswärtigen Amt, Global Affairs Canada IHA, der Gebauer Stiftung (CH), SlovakAid, der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, der Glückskette, dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge, dem Büro der Vereinten Nationen zur Koordinierung der humanitären Hilfe sowie der US-Agentur für Internationale Entwicklung.