Geschichten

Syrien: Unser Leben nach der Flucht

Fawaz wischt sich die Tränen aus dem Gesicht, bevor er mit seiner Geschichte beginnt – einer Geschichte voll von Angst, Schmerz und Verlust.

Vor der Syrienkrise waren er und seine Frau Turkiya eine grosse, glückliche Familie mit fünf Töchtern und vier Söhnen. Das Glück war jedoch nicht von langer Dauer. Schon gleich zu Beginn der Syrienkrise verloren die beiden zwei Söhne und zwei Schwiegersöhne. Auf der Suche nach Sicherheit flüchtete die Familie daraufhin innerhalb des Landes von einem Ort zum anderen.

Nach all den traumatischen Fluchterlebnissen entschlossen Fawaz und seine Frau sich, ein letztes Mal zu fliehen, diesmal über die Grenze nach Jordanien. Ihre Kinder und ihr Haus liessen sie zurück. Das ursprünglich aus Homs stammende Ehepaar erreichte Jordanien im Jahr 2013. Die Not und Verzweiflung haben in ihren Gesichtern deutliche Spuren hinterlassen, die tiefen Sorgenfalten sprechen Bände.

In Homs war Fawaz als erfolgreicher Händler tätig: «Damals wohnte ich in einem dreistöckigen Haus – unserem Zuhause! –, besass drei Autos und hatte meine geliebte Familie jederzeit um mich. Mehr kann sich ein Mensch kaum wünschen», seufzt Fawaz und bedeckt sein Gesicht mit der Hand. «Wie soll ich, nach allem, was wir durchgemacht haben, den Mut nicht verlieren? Wie kann ich positiv in die Zukunft blicken, nachdem ich alles, was ich im Leben liebte von einem Moment auf den anderen verloren habe?»

In Jordanien angekommen, merkte Fawaz bald, dass das Leben noch viele weitere Herausforderungen für ihn bereithielt. Er musste die Miete bezahlen, Lebensmittel besorgen und Medikamente kaufen. «Manchmal wache ich nachts auf und fühle mich unruhig, meine Gedanken kreisen unentwegt um die gleichen Themen. Oft ziehe ich mich dann an und irre durch die dunklen Strassen in der Hoffnung, dass mir die kühle Nachtluft hilft, Klarheit in meine Gedanken zu bringen.» Fawaz erlitt vier Schlaganfälle und leidet an Diabetes und Bluthochdruck, hin und wieder verliert er sogar das Bewusstsein. Bei Turkiya wurde in diesem Jahr Darmkrebs diagnostiziert. Zudem hat sie sich vor einigen Monaten den Oberschenkel gebrochen. Seither ist sie bettlägerig und leitet ihren Mann nun vom Bett aus an, wie er ihre Unterkunft sauber halten und kochen kann.

Dank grosszügiger Spenden des Europäischen Amts für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz (ECHO) konnte Medair Turkiya eine Oberschenkel-Operation ermöglichen. Auch wurde das Ehepaar in unser Programm für psychosoziale Unterstützung aufgenommen und erhält jeden Monat Bargeldhilfe. Beide sind auch für unser Programm zur Behandlung nichtübertragbarer Krankheiten angemeldet, über welches die Rechnungen für die Diabetesmedikamente bezahlt werden können. Die Kosten für Turkiyas Krebsbehandlung sowie die Physiotherapieauslagen für die Behandlung ihres Oberschenkels tragen Partnerorganisationen von Medair.

Wir setzen alles daran, so vielen bedürftigen Syrerinnen und Syrern wie möglich zu helfen. 80 Prozent der Geflüchteten, die nicht in Flüchtlingslagern untergekommen sind, leben unterhalb der Armutsgrenze. Einige von ihnen betteln oder müssen sich Geld von Menschen aus ihrem Umfeld leihen. Nicht ohne Grund werden ältere Menschen vom UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) als besonders bedürftig eingestuft. Viele von ihnen benötigen medizinische Unterstützung, Zugang zu Gesundheitseinrichtungen und Hilfe bei der Deckung ihrer Grundbedürfnisse.


Die Arbeit von Medair in Syrien wird vom Europäischen Amt für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz (ECHO), dem Deutschen Auswärtigen Amt, dem UN Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten, der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und grosszügigen privaten Spenderinnen und Spendern unterstützt.

Die Inhalte dieses Artikels stammen von Medair Mitarbeitenden in den Einsatzgebieten sowie am internationalen Hauptsitz. Die Meinungen entsprechen ausschliesslich den Ansichten von Medair und damit nicht unbedingt dem offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen.