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Reden wir über psychische Gesundheit

Weltweit treffen Hilfsorganisationen auf Menschen, die schwer traumatisiert sind und grosse Schwierigkeiten haben, ihr Leben wiederaufzubauen. Dennoch hat die psychische Gesundheit von Menschen bei Nothilfeeinsätzen nicht immer die Stellung zu, die sie verdient. Riët Kroeze, leitende Beraterin für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung bei Medair, hat uns erklärt, warum das so ist und ob sich dies ändern wird.

Die psychische Gesundheit von Menschen steht bei humanitären Einsätzen selten im Vordergrund. Warum ist das so?

Humanitäre Arbeit wird oft so verstanden, dass es um Bedürfnisse geht, die man sofort erkennen und befriedigen kann. Zum Beispiel der Wiederaufbau eines Hauses oder sauberes Wasser für eine Gemeinschaft. Die Ergebnisse sind greifbar. Bei der psychischen Unterstützung ist das anders, weil das Ergebnis nicht direkt sichtbar und messbar ist. Es dauert länger und manchmal Jahre, bis eine Person oder eine Gemeinschaft psychisch heilt.

Dazu kommt, dass das Thema auch in sogenannten westlichen Ländern mit Vorbehalten behaftet ist. Für manche ist es ein Tabu, überhaupt darüber zu reden. Wir vermeiden das Thema und tun so, als gäbe es das nicht. Das betrifft auch Hilfsorganisationen.

Trotzdem werden auch Fortschritte gemacht. Die Pandemie hat mehr Bewusstsein für die psychische Gesundheit geschaffen. Lockdowns, Isolation, Einsamkeit … Vielen Menschen ist zum ersten Mal bewusst geworden, wie sich Umstände auf die psychische Gesundheit auswirken und wie wichtig sie ist.

Frauen treffen sich in einer Selbsthilfegruppe im Oktober 2019 in Ost-Amman, Jordanien. ©Medair

Warum ist psychische Gesundheit genauso wichtig wie körperliche Gesundheit?

Man kann beides nicht voneinander trennen, denn beide beeinflussen sich gegenseitig. Depressionen, Ängste oder Trauma können sich negativ auf den Alltag und sogar das Immunsystem auswirken. Auch körperliche Leiden oder plötzlichen Erkrankungen wie Behinderungen oder Krebs wirken sich häufig auf die psychische Gesundheit aus. Sich auf eine neue Situation einstellen zu müssen, kann psychisch sehr belastend sein. Wie oft gesagt wird, gibt es keine Gesundheit ohne psychische Gesundheit.

 

Welchen Beitrag leistet die psychosoziale Unterstützung bei humanitären Einsätzen?

Wir alle wünschen uns ein sicheres Zuhause, sauberes Wasser und Essen. Diese Dinge sind essenziell. Aber selbst wenn wir das haben, können wir niedergeschlagen oder deprimiert sein. Um Menschen zu helfen, braucht es mehr als eine sichere Unterkunft und Essen, besonders nach traumatischen Erlebnissen. Ich erinnere mich, wie mir ein Kollege einmal von einem Mann im Kosovo erzählte. Dieser Mann sagte zu ihm: «Es ist toll, dass unsere Häuser wieder aufbaut. Aber wer hilft uns, uns selbst wieder aufzubauen?» Das fasst es ganz gut zusammen. Man kann eine Gemeinschaft Stein für Stein wieder aufbauen, aber wenn man sich nicht um die psychische Gesundheit kümmert, hat man das Wesentliche verpasst.

 

Du berätst humanitäre Organisationen in verschiedenen Ländern in Fragen der psychischen Gesundheit. Ändert sich dein Ansatz je nach Land oder Krise?

Projekte für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung müssen, wie alles in der humanitären Hilfe, an die Kultur und den Kontext angepasst werden. Man sollte nicht davon ausgehen, dass alle Menschen auf der Welt genauso reagieren wie wir. Jeder Kontext, jede Gemeinschaft kann sehr unterschiedlich sein, und das müssen wir berücksichtigen. Wie drücken sich die Menschen zum Beispiel am liebsten aus? Wie gehen sie mit Verlust oder Trauer um? Welche Resilienzmechanismen haben sie, um mit traumatischen Erlebnissen umzugehen? Das sind Fragen, die wir stellen müssen. Zuerst muss man den Menschen zuhören. Man darf nicht davon ausgehen, dass man schon alles weiss.

 

Der Schwerpunkt von Medair liegt auf Nothilfe. Traumatische Erlebnisse aber können Menschen ihr ganzes Leben lang begleiten. Wie kann man sicherstellen, dass psychische Gesundheitsversorgung nachhaltig ist?

 

Ich weiss ehrlich gesagt nicht, ob wir das können. Was wir können, ist Menschen besser für die Herausforderungen des Lebens ausrüsten. Wenn man ein neues Haus für jemanden baut, kann man auch nicht sicher sein, dass es nachhaltig ist. Es könnte bei einem anderen Konflikt zerstört werden. Wenn Menschen eine Ausbildung als Maurer haben, können sie das Haus aber selbst wieder aufbauen. Genauso kann man Menschen auch Techniken und Werkzeuge an die Hand geben, um ihre psychische Gesundheit zu erhalten und mental stark zu bleiben. Ihre Lebensumstände mögen unverändert sein, aber mit den richtigen Instrumenten können sie besser damit umgehen. Wir geben den Menschen sozusagen ein Handbuch, mit Hilfe dessen sie ihr Leben wieder aufbauen können.

Eine Freiwillige von Medair bei der Besprechung der Ergebnisse einer Übung während einer psychosozialen Betreuungssitzung in Amman, Jordanien, im März 2020. ©Medair

Wie machst du das konkret?

Die Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen und Gemeinschaften hat für uns oberste Priorität. Wir orientieren uns an bestehenden Strukturen wie dem Gesundheitsministerium oder zivilen Organisationen, um sicherzustellen, dass das Wissen und die Fähigkeiten auch nach unserem kurzen Einsatz in der Gemeinschaft bleiben.

Wichtig sind auch Selbsthilfegruppen, in denen sich Menschen zusammenfinden, die mit ähnlichen Problemen konfrontiert sind. Für einen Grossteil der psychosozialen Unterstützung braucht es nicht unbedingt Spezialisten. Familien, Bekannte und Nachbarn leisten einen wertvollen Beitrag, deshalb sind diese Selbsthilfegruppen so wertvoll. Die Betroffenen unterstützen sich gegenseitig und wissen, an wen sie sich in schwierigen Zeiten wenden können.

Natürlich ist der Prozess noch nicht abgeschlossen. Es muss noch mehr getan werden. Ich bin aber überzeugt, dass es Schritte in die richtige Richtung sind.

 

Riët Kroeze arbeitet derzeit als leitende Beraterin für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung bei Medair in den Niederlanden. Sie ist seit 2006 bei Medair.


Medair ist eine internationale humanitäre NGO, die Nothilfe- und Wiederaufbaumassnahmen für Familien leistet, die durch Naturkatastrophen, Konflikte und andere Krisen in Not geraten sind. Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am Hauptsitz von Medair verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Standpunkte anderer Hilfsorganisationen übertragbar.