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Vertriebene kongolesische Mutter findet Trost im Helfen

Georgine ist stellvertretende Oberschwester im Gesundheitszentrum in Lopa. Im Hintergrund sind die Hütten des informellen Vertriebenenlagers zu sehen. Starke Regenfälle verleihen der Region zwar ein saftiges Grün, doch für die dürftigen Unterkünfte stellt das viele Wasser eine Bedrohung dar.

Georgine erzieht ihre drei Kinder alleine. Ihr Mann kam während des Konflikts im Djugu-Distrikt (Provinz Ituri) ums Leben. Der jungen Mutter und ihren Kindern gelang die Flucht – seither leben sie im Dorf Lopa, rund 40 Kilometer nördlich der Hauptstadt Bunia. Trotz ihrer eigenen Not ist Georgine für andere da: Als liebevolle Mutter und mitfühlende Nachbarin, aber auch als stellvertretende Oberschwester im Gesundheitszentrum vor Ort.

«Unser Haus stand in Flammen und wir rannten und rannten. Mein Mann kam dabei ums Leben. Bewaffnete töteten ihn. Ich blieb mit unseren Kindern allein zurück», erzählt Georgine.

«Seit seinem Tod ist bereits ein Jahr vergangen, aber meine Trauer sitzt noch immer tief. Wenn ich an ihn denke, überkommt mich grosse Angst.» Georgine versucht, ihre Tränen zurückzuhalten: «Aber es ist jetzt wichtig, dass ich nach vorne schaue und mich gut um mich selbst und unsere Kinder kümmere.»

 Da Georgine im Gesundheitszentrum Arbeit gefunden hat, kann sie alleine für ihre Kinder sorgen. «Meine Arbeit erfüllt mich sehr. Ich bin dankbar, dass ich die Chance erhalten habe, anderen Vertriebenen zu helfen. Wir alle teilen dasselbe Schicksal.»

Georgine gehört zu den Tausenden von Vertriebenen, die während des Konflikts im Djugu-Distrikt in die Flucht gezwungen wurden. Bewaffnete Männer hatten ihr Dorf mit Gewehren und Macheten angegriffen. Ich frage Georgine, ob sie mir das informelle Lager zeigen würde, in dem sie wohnt und das direkt an das Gesundheitszentrum grenzt. Sie willigt ein. Während sie uns durchs Camp führt, fallen mir die vielen Mütter und jungen, schwangeren Frauen auf, die vor ihren Unterkünften auf dem Boden sitzen. Ihre Kinder spielen in der sengenden Sonne.

Georgine stellt mir eine Bekannte vor, Josephine. Die 50-Jährige ist vor drei Wochen Grossmutter geworden, und die Kleine, Josephine Bahati, trägt den Namen ihrer Oma. Josephine bittet uns, einzutreten. Ihr Haus, eigentlich eher eine Hütte, ist aus Gras und Stöcken gebaut. Der kleine Raum dient tagsüber als Wohnzimmer und Küche, nachts verwandelt ihn Josephine in ein Schlafzimmer.

Stolz wiegt Josephine ihre Enkelin auf dem Schoss. Georgine erzählt: «Josephine Bahati wurde in unserem Spital geboren. Als ihre Mutter in den Wehen lag, stand ich ihr zur Seite und assistierte dem Arzt bei der Entbindung. Auch wenn ein Kind gesund zur Welt kommt, rate ich der Mutter, es im Gesundheitszentrum untersuchen und impfen zu lassen. Dies ist besonders wichtig, da hier im Camp aufgrund des Wassermangels ein erhöhtes Risiko für Durchfall und andere Erkrankungen besteht.»

Dass das Leben im Lager auch für sie nicht einfach ist, daraus macht Georgine kein Geheimnis: «Unser Alltag im Camp ist voller Herausforderungen. Oft haben wir nicht genug zu essen, das Haus ist zu eng für uns alle und die Gefahr, dass sich Krankheiten wie Masern oder Ebola verbreiten, ist gross. Dennoch lebe ich lieber hier als in Djugu. Pläne, in unser Dorf zurückzukehren, haben wir nicht. Auch wenn wir keine angemessene Unterkunft haben, weiss ich, dass meine Kinder hier in Sicherheit sind. Für den Moment ist dies unser Zuhause.»

Georgine spricht mit Patientinnen vor dem Gesundheitszentrum in Lopa.

Beide Frauen wissen nicht, was die Zukunft bringen wird. Aber sie schöpfen Trost aus der Hilfe, die sie von anderen erfahren. Josephine ist dankbar für Georgines Mitgefühl und Anteilnahme, die sie ihr trotz ihrer eigenen Probleme entgegenbringt. Georgine ihrerseits ist froh, dass sie im Spital eine Arbeit gefunden hat. Sie ist dankbar, dass die Gastgemeinschaft ihr diese Möglichkeit gibt und dass Medair für einen Teil ihres Lohns aufkommt. «Die Menschen in Lopa haben uns wohlwollend und rücksichtsvoll aufgenommen. Dafür sind wir sehr dankbar, genauso wie für den kostenlosen Zugang zu medizinischen Leistungen, den wir hier bekommen», so Georgine.

Dennoch kennen beide Frauen Momente der Verzweiflung. Aber sie geben den Mut nicht auf. Sie glauben fest daran, dass sie die vielen Herausforderungen bewältigen und ihren Kindern ein gutes Leben ermöglichen können – ein Leben in Gesundheit und Frieden.


Dank der Unterstützung von USAID kann Medair 16 Gesundheitszentren in den Provinzen Ituri und Nord-Kivu unterstützen und damit bedürftigen Menschen eine medizinische Grundversorgung ermöglichen. Das Projekt leistet einen Beitrag dazu, die Erkrankungs- und Sterblichkeitsraten bei Binnenflüchtlingen, Rückkehrern und aufnehmenden Gemeinschaften zu reduzieren.

Medair unterstützt lokale Gesundheitszentren in finanzieller Hinsicht, stellt Medikamente und Ausrüstung bereit und bietet Schulungen für medizinisches Personal (inkl. Supervision) an. Auch führen unsere Teams kleinere Reparaturarbeiten durch, um angemessene sanitäre und hygienische Verhältnisse sowie eine ordnungsgemässe Abfallentsorgung zu gewährleisten.