Geschichten

Die Stärke einer Mutter

Inmitten der sich verschärfenden Krise im Libanon setzt die syrische Geflüchtete Khadija alles daran, ihren Kindern ein angemessenes Leben zu ermöglichen.

A Syrian community sits on the ground in her tented home.

Die 32-jährige Khadija in ihrer Zeltunterkunft im libanesischen Bekaa-Tal, in welcher sie mit ihren sechs Kindern lebt. Ihre Familie ist vor mehreren Jahren vor dem Konflikt in ihrer Heimat Syrien in den Libanon geflüchtet. (Bild vom 20. Juni 2023) ©Medair/Abdul Dennaoui

«Ganz gleich, was dafür nötig ist, wir brauchen dringend ein Einkommen, und ich bin bereit, alles zu tun, um dieses Einkommen zu sichern», sagt Khadija.

Das Bekaa-Tal beherbergt eine grosse Anzahl syrischer Geflüchteter, die auf der Suche nach Sicherheit vor dem anhaltenden Konflikt in ihrem Heimatland geflohen sind. Die Krise dauert nun schon fast dreizehn Jahre an und die Menschen, die in den Zeltsiedlungen im Libanon leben, sind nach wie vor mit einer extrem harten Realität konfrontiert. Die Bevölkerung kämpft mit dem Zugang zum Nötigsten. Die Menschen sind nicht in der Lage, sich Essen, Miete, eine Stromversorgung oder Medikamente zu leisten. Inmitten einer sich zuspitzenden Krise tragen die gegenwärtigen Verhältnisse im Libanon wesentlich zu den anhaltenden Herausforderungen für die Geflüchteten bei.

Die 32-jährige Syrerin Khadija lebt in einer dieser überfüllten informellen Siedlungen im Bekaa-Tal. Zum ersten Mal traf ich sie, als ich mit einigen Medair-Kollegen die Siedlung besuchte. Unser Team stattete mehreren geflüchteten Familien Hausbesuche ab, um eine Umfrage durchzuführen. Die gesammelten Daten sollten anschliessend in das «Vulnerability Assessment for Syrian Refugees» [zu Deutsch «Vulnerabilitätsanalyse syrischer Geflüchteter»] einfliessen.

A Syrian community member sits on the ground in her tented home surrounded by her children.

Khadija sitzt zwischen ihrem ältesten und jüngsten Kind. Medair hat sie in ihrer Zeltunterkunft besucht, um eine Umfrage im Rahmen der «Vulnerabilitätsanalyse syrischer Geflüchteter» durchzuführen. (Bild vom 20. Juni 2023) ©Medair/Abdul Dennaoui

Was mich an Khadija vom ersten Moment an beeindruckte, war ihre Tatkraft; ihr mütterlicher Instinkt, ihre Kinder zu beschützen. Sie sprach so leidenschaftlich über sie. Während wir die Umfrage durchführten, erzählte uns Khadija ein wenig über sich selbst. Wie Millionen andere packte sie damals ihr Hab und Gut zusammen und floh vor dem Konflikt in Syrien in den Libanon, auf der Suche nach Hoffnung und einem Neuanfang. Obwohl Khadija grosses Heimweh hatte, wusste sie, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte – für die Sicherheit ihrer Kinder. Schnell wurde ihr jedoch klar, dass das Leben im Libanon alles andere als einfach war. Aus Monaten wurden Jahre, und sie tat alles, was sie konnte, damit es ihren Kindern gut ging. Die Bedingungen waren schon von Beginn an herausfordernd. Mit der Zeit geriet der Libanon jedoch in eine lähmende Krise, und die Bedingungen in der Siedlung wurden immer schwieriger. Ungefähr zwei Jahre nach ihrer Ankunft wurde Khadija schwanger. Trotz allem war die Freude über den neuen Familienzuwachs gross. Leider verwandelte sich diese Freude schnell in Verzweiflung.

A Syrian community member comforts her baby boy in her tented home.

Khadijas Sohn und jüngstes Kind ist zwei Jahre alt. Als sie noch mit ihm schwanger war, verschwand eines Tages ihr Mann ohne ein Wort des Abschieds. Seitdem ist die sechsfache Mutter alleinerziehend. ©Medair/Abdul Dennaoui

Eines Tages während Khadijas Schwangerschaft verschwand ihr Mann ohne ein Wort des Abschieds. Sie war am Boden zerstört und konnte nicht verstehen, weshalb ihr Mann seine Familie im Stich gelassen hatte. Doch die Liebe zu ihren Kindern gab ihr die Kraft, weiterzumachen. Auch nach mehreren Wochen hatte sie noch immer keine Nachricht von ihrem Mann erhalten. Allein und verängstigt brachte sie einen kleinen Jungen zur Welt.

Als alleinerziehende Mutter von sechs Kindern tut Khadija jetzt alles, um ihre Kinder zu versorgen. Doch sie hat nur begrenzten Zugang zu lebensnotwendigen Dingen. Trotz der Lebensmittel- und Finanzhilfen der internationalen Gemeinschaft muss Khadija zusätzliche Gelegenheitsjobs ausüben, um Essen auf den Tisch zu bringen und die Grundbedürfnisse der Familie zu decken. Je mehr sich die Krise verschärft, desto weniger reicht die erhaltene Hilfe aus.

«Wo soll ich anfangen? Gott hat mich mit sechs wunderbaren Kindern gesegnet. Sie sind meine grössten Schätze. Mein Jüngster ist zwei Jahre, und mein Ältester vierzehn Jahre alt. Als alleinerziehende Mutter gebe ich mein Bestes, denn ich will nicht, dass meine Kinder unter einem zerbrochenen Elternhaus leiden. Wir sind damals als Familie vor den Unruhen in Syrien in den Libanon geflohen. Wir haben Hoffnung gesucht. Meine Hoffnung wurde zerbrochen, als mein Mann uns verliess und ich die Last allein tragen musste. Ich war schwanger, als er nach Syrien verschwand und nicht mehr zurückkam. Es kam kein einziges Wort von ihm. Weil die Krise sich immer weiter verschlimmert, ist es jeden Tag von neuem ein Kampf, die Kinder zu versorgen. Ich habe Schulden in Höhe von 150 USD, weil ich das Geld für Strom und andere lebenswichtige Dinge brauchte. Und trotzdem hat es nicht ausgereicht. Die plötzlichen Preiserhöhungen bringen uns in Nöte. Alle fünf Tage verbrauchen wir als Familie etwa drei Tüten Fladenbrot. Jede Woche benötige ich etwa zwei Säcke Kartoffeln, um meine Kinder satt zu kriegen. Die Situation wird immer unerträglicher und ich kann nicht mehr mithalten.»

Khadija fährt fort: «Früher konnten wir auf die Unterstützung von Nachbarn oder Bekannten zählen – die meisten Menschen waren bereit zu helfen. Mittlerweile hat sich die Situation völlig verändert. Jeder versucht, sich irgendwie über Wasser zu halten. Ich erhalte Unterstützung von der internationalen Gemeinschaft, aber trotzdem muss ich zusätzlich etwas dazuverdienen. Direkt gegenüber von unserer Siedlung ist ein unbebautes Grundstück. Dort schäle ich Knoblauch für 25 000 LBP (umgerechnet 0,27 USD zum Marktpreis) pro Kilogramm. Ich breite eine grosse Decke aus und verteilte den Knoblauch darauf. Ich stelle mir einen Eimer zur Seite, in den ich die geschälten Knoblauchzehen werfen kann. Das Maximum, das ich mit etwas Unterstützung an einem Tag schälen konnte, sind zehn Kilogramm. Dadurch verdiene ich insgesamt 250 000 LBP (entspricht 2,7 USD zum Marktpreis). Ich sitze in der prallen Sonne, ertrage die Hitze und den erdrückenden Knoblauchgeruch, um ein bisschen Geld zu verdienen. Ganz gleich, was dafür nötig ist, wir brauchen dringend ein Einkommen, und ich bin bereit, alles zu tun, um dieses Einkommen zu sichern. Was mich antreibt ist die Liebe zu meinen Kindern und meine Entschlossenheit, ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen und sie vor einem noch härteren Leben zu schützen.»

Während Khadija spricht, spüre ich die schwere Last, die sie täglich mit sich trägt. Sie weiss, dass sie für ihre Kinder stark bleiben muss, denn sie sind auf sie angewiesen. Die Krise im Libanon verschlimmert sich fortwährend, ein Ende ist nicht in Sicht. Die Notlage der syrischen Geflüchteten, die in der Zeltsiedlung leben, ist bittere Realität.

Als alleinerziehende Mutter und mit finanziellen Herausforderungen aufgrund der Krise im Libanon konfrontiert, trägt Khadija täglich eine schwere Last auf ihren Schultern. Für ihre Kinder tut sie alles, um ihr Leben so gut wie die Bedingungen es zulassen zu gestalten. ©Medair/Abdul Dennaoui


Die Arbeit von Medair im Bekaa-Tal im Libanon wird vom Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) und grosszügigen privaten Spendenden gefördert.

 

Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.

CONSULTEZ NOS DERNIÈRES HISTOIRES

Kerzen der Hoffnung

Kerzen der Hoffnung

Bei Medair freuen wir uns über jede Person, der wir mit unseren Hilfsmassnahmen Trost und Kraft spenden können. Kürzlich war Lyudmyla aus der Region Kiew eine von ihnen. «Ich dachte, wir würden alle auf der Strecke bleiben. Zum Glück bietet uns Medair ganz viel...