Geschichten

Anood, die Junior BCC-Beauftragte

Eine zehnjährige Binnenvertriebene bemüht sich mit Unterstützung des WASH-BCC-Teams von Medair um gute Hygienepraktiken im Lager Al Auterra.

Der Jemen hat mit einer der grössten humanitären Krisen der Welt zu kämpfen. Das Land ist gezeichnet von gewaltsamem Konflikt, wirtschaftlichem Zusammenbruch, wiederkehrenden Naturkatastrophen und der schwerwiegenden Unterbrechung öffentlicher Dienstleistungen. Allein in diesem Jahr werden 21,6 Millionen Menschen auf mindestens eine Form von humanitärer Hilfe angewiesen sein. Frauen und Mädchen sind die Hauptleidtragenden der Krise. Schätzungsweise 80 % der 4,5 Millionen Vertriebenen im Jemen sind Frauen und Kinder, und etwa 26 % der vertriebenen Haushalte werden von Frauen geführt. 

 

Medair unterstützt Binnenflüchtlinge in den Gouvernements Aden, Lahj und Al Dhale’e mit Wasser-, Sanitär- und Hygienemassnahmen (WASH) sowie Gesundheits- und Ernährungsdiensten. Besonders in Flüchtlingslagern, in denen viele Menschen auf engem Raum leben, sind gute Hygienepraktiken essentiell, um Krankheiten vorzubeugen. Denn wenn eine Krankheit einmal ausgebrochen ist, können sich Infektionen bei solch einer hohen Bevölkerungsdichte rapide vermehren. Während der WASH-Aktivitäten zur Verhaltensänderung (Behaviour Change Communication, BCC) im Lager Al Auterra im Gouvernement Lahj hat das Medair-Team ein junges Mädchen kennengelernt, das sich stets besonders eifrig an der Reinigungsaktion im Lager beteiligt. Rasha, die leitende BCC-Beauftragte von Medair, sagt: «Dieses Mädchen verdient den Titel ‚Junior BCC-Beauftragte‘. Sie mobilisiert ihre Gemeinschaft und vor allem Gleichaltrige, sich an den von Medair geförderten Hygienemassnahmen zu beteiligen.» 

Rasha, die leitende BCC-Beauftragte von Medair, macht es glücklich, wenn Kinder durch ihre Botschaften begreifen, wie wichtig eine saubere Umgebung für die Gesundheit ist.

 

Anood ist 10 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie im Binnenvertriebenenlager Al Auterra. Hier haben sie Zuflucht gefunden, nachdem ihr Haus durch den Konflikt zerstört worden war. Als das WASH BCC-Team von Medair mit Schulungen zum Thema Hygiene im Lager begann, war Anood von Anfang an dabei. «Ich habe gelernt, wie man Trinkwasser aufbewahrt, damit es sauber bleibt, wie man sich die Hände richtig wäscht und wie man seine Umgebung sauber hält.» Schnell hat das junge Mädchen erkannt, wie wichtig eine saubere Umgebung ist. Nicht nur aus hygienischen Gründen, denn für die jüngeren Menschen im Lager wie Anood gibt es noch einen weiteren Vorteil: wenn das Zelt ordentlich ist, gibt es auch mehr Platz zum Spielen.  

 

Anood hat sich die Schulungen so zu Herzen genommen, dass sie nun selbst kräftig mit anpackt. «Meine Freunde und ich gehen gerne durch das Lager und suchen nach Bereichen, die gereinigt werden müssen, damit unser Zuhause schön bleibt», erzählt Anood. Sie und ihre Freunde reinigen ihre eigenen Zelte, der Spielplatz im Lager wird von der Gruppe gemeinsam gesäubert. Das hat sich im Lager rumgesprochen und ist auch dem Medair-Team zu Ohren gekommen. «Die Freiwilligen von Medair nennen mich die ‘Junior BCC-Beauftragte’, weil ich ihnen jeden Tag berichte, welche Stellen wir gereinigt haben und ob wir ihre Unterstützung brauchen. Manchmal kommen sie auch und sehen zu, wie ich andere im Lager unterrichte», so Anood.  

Anood, mit einer Medair-Kappe auf ihrem Kopf, inmitten ihrer Freundesgruppe. Zusammen gehen sie durch das Lager, um wichtige Botschaften über gute Hygienepraktiken zu verbreiten.

Die Arbeit, die Anood leistet, ist unter anderem so wertvoll, weil sie aufgrund ihres Alters und ihrer Sprache einen einzigartigen Zugang zu Gleichaltrigen hat. «Wenn meine Freunde und ich die anderen Kinder im Camp unterrichten und dabei in unserem eigenen Akzent sprechen, verstehen sie uns besser und sind nicht schüchtern, so dass ich jedes Wochenende mit ihnen übe.» Das junge Mädchen ist motiviert, stets mehr über das Thema zu lernen, um die richtigen Botschaften überliefern zu können: «Ich sammle immer neue Informationen von den freiwilligen Gesundheitshelfern, wenn sie kommen. Jetzt kennt mich jeder im Lager und ist stolz auf mich.» Das Lernen und Unterrichten bereiten ihr solche Freude, dass sie sich vorgenommen hat, auch in ihrer alten Heimat weiter zu lehren und lernen, falls sie eines Tages dorthin zurückkehren darf. Anood träumt davon, zur Schule zu gehen, um später einmal Lehrerin zu werden – «wie eine der BCC-Beauftragten.» 

Anood führt den anderen Kindern im Binnenvertriebenlager vor, wie man sich die Hände richtig wäscht.

Tag für Tag macht Anood weiter, weil sie mit eigenen Augen den greifbaren Unterschied sehen kann, den die Hygieneschulungen bewirkt haben. «Bevor das BCC-Team von Medair uns unterrichtet hat, haben die meisten von uns nicht gewusst, wie man Wasser aufbereitet oder lagert. Jetzt haben wir unseren Umgang mit Wasser völlig geändert und wir werden nicht mehr so oft krank. Sogar die Ärzte im Lager freuen sich über die Wassersituation und bemerken, wie sich unsere Gemeinschaft zum Besseren verändert hat.»  

Anood und ihr 25-jähriger Bruder Adeeb.

Inmitten dieser schweren Zeit für die Menschen im Jemen, richtet Anood ihren Blick auf das Gute und verbreitet Fröhlichkeit. Woher nimmt sie die Kraft dafür? Sie erklärt: «Was mich am Laufen hält, ist die Unterstützung durch meine Familie und die Gemeinschaft. Mein Bruder zeigt mir sogar Ressourcen auf seinem Telefon, um mir zu helfen, meine Lehrmethoden zu verbessern.» 

Anood holt sauberes Wasser für ihre Familie an der Wasserstelle im Binnenflüchtlingslager Al Auterra.  

«Ich weiss, dass unser Land eine grosse Krise durchmacht, aber wir müssen zusammenarbeiten und uns gegenseitig helfen. Ich hoffe, dass der Konflikt bald zu Ende ist, damit wir in unsere Heimat zurückkehren können und nicht für immer hierbleiben müssen. Lernen und Lehren haben mir ein gutes Gefühl gegeben und mich stark gemacht. Mit der Unterstützung meiner Familie werde ich mein Bestes geben, um mehr und mehr zu lernen, und sei es nur, um meinen Freunden zu helfen.» 


Die Massnahmen von Medair im Jemen werden von der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, dem Jemen Humanitarian Fund – Yemen OCHA, World Vision, dem Bureau for Humanitarian Assistance (BHA / USAID) sowie von grosszügigen privaten Spendenden finanziert.  

Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar. 

 

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