Geschichten

Wasser in der Dürre

«Wenn es regnet, ist das ganze Gebiet hier überschwemmt», erklärt mir mein einheimischer Kollege – nennen wir ihn Ahmed – während wir irgendwo im Süden Somalias durch den Staub fahren. Ich beobachte ihn, wie er zuversichtlich aus dem Fenster des Autos schaut und sich an vergangene Zeiten erinnert. Nur eine Handvoll Menschen wissen überhaupt, dass wir an diesem Morgen im Januar 2023 auf dem Weg zu einer Siedlung für Binnenvertriebene sind. In keinem anderen Land der Welt ist Medair gezwungen, so unauffällig zu agieren wie in Somalia. «Ich möchte mir nicht ausmalen, was mit mir und meiner Familie passieren würde, wenn die falschen Leute wüssten, dass ich für eine internationale NGO arbeite», erzählt er mir. Dass er trotz aller Drohungen weiter für Medair tätig ist, liegt daran, dass er weiss, dass niemand sonst heute käme, um die 1 390 Familien in der Siedlung für Binnenvertriebene zu versorgen. Und dass sich auch morgen niemand um sie kümmern würde. Diese vernachlässigte Gemeinde ist eine von vielen im Land, die von der schlimmsten Dürre seit mehr als vier Jahrzehnten betroffen sind. Schätzungsweise 8,25 Millionen Menschen in Somalia benötigen heute humanitäre Hilfe und mehr als 1,3 Millionen wurden bis Ende 2022 durch die Dürre vertrieben.

Women and men in an IDP Settlement in Southern Somalia

Seit 2011 ist die Siedlung ein Zufluchtsort für Vertriebene. Die schwere Dürre zwang immer mehr Bauern und Viehzüchter, ihr altes Leben zurückzulassen und in dieser Siedlung Hilfe zu suchen. ©Medair

«Die Menschen, die Sie um mich herum sehen, führten früher ein gutes Leben. Sie waren Bauern oder Viehzüchter und sehr gut in der Lage, für sich und ihre Familien zu sorgen. Die Dürre hat sie abhängig von Eurer Hilfe gemacht.» Das sind die Worte des Vertreters der Siedlung, kurz bevor er mich den Bewohnern vorstellt. Ich nehme seine gemischten Gefühle wahr. Es ist nicht zu leugnen, dass die Atmosphäre aufgrund meines Erscheinens angespannt ist, denn es zeigt, dass ein internationaler Partner an dieser Siedlung beteiligt ist. Gleichzeitig erkenne ich bei unserer Ankunft Freude in den Augen des Vertreters. «Ihr wart die erste NGO, die gekommen ist, um uns zu helfen», erinnert er sich dankbar. «Wasser ist das, was wir hier am dringendsten benötigen. Und Ihr bringt es uns.» 

Water canisters lined up during a water distribution in an IDP camp in Southern Somalia.

Wasserkanister, aufgereiht von Siedlungsbewohnern in Erwartung der morgendlichen Wasserverteilung. ©Medair

Seit nunmehr mehr als zehn Monaten beginnen die Tage in der Siedlung mit dem gleichen Bild: Die Frauen kommen früh aus ihren Unterkünften, stellen ihre Wasserkanister in Reih und Glied auf und warten geduldig auf die Ankunft der riesigen Wassertankwagen von Medair. «Wir verteilen täglich 10 000 Liter sauberes Wasser an die Menschen hier», erzählt mir Ahmed mit Stolz in den Augen. Er ist Wassertechniker und trägt daher eine grosse Verantwortung für die Gemeinschaft. «Anhand spezieller Tests prüfe ich, ob das Wasser wirklich absolut sauber ist. Schliesslich verlassen sich die Menschen hier auf uns.»

A man directs drinking water with a hose from a truck into a water tank in an IDP settlement in Southern Somalia.

Jeden Morgen werden in dieser Siedlung für Binnenvertriebene 10‘000 Liter sauberes Trinkwasser in einen grossen Wassertank gefüllt. Das reicht zum Trinken, Waschen und Kochen. ©Medair

Mithilfe eines grossen Schlauches wird das Wasser aus dem Lkw in den Wassertank umgefüllt. Immer mehr Frauen stellen sich in die Schlange. Nur wenige von ihnen sind bereit, sich fotografieren zu lassen. Ich habe jedoch Glück und finde eine Bewohnerin, die mir ihre Situation in der Siedlung schildert. Jasira, wie ich sie für diesen Bericht nenne, lebt erst seit wenigen Wochen mit ihrem kleinen Sohn Hodan hier. Sie und ihre Familie besassen früher einen kleinen Bauernhof, betrieben Anbau und hielten Vieh. Die anhaltende Dürre zerstörte jedoch ihre Lebensgrundlage.

A women holding a crying malnourished child in an IDP settlement in Southern Somalia

Jasira und ihr kleiner Sohn Hodan wurden vor Kurzem durch die Dürre gezwungen, ihren Hof zu verlassen, und haben in dieser Siedlung für Binnenvertriebene einen sicheren Zufluchtsort gefunden. ©Medair

«Der letzte Regen ist zu lange her. Mein Vieh starb und es wurde unmöglich, Anbau zu betreiben. Ich hatte keine andere Wahl, als mein Zuhause zu verlassen und einen anderen Ort für mich und meinen Sohn zu finden. Niemand kann ohne Wasser überleben», erzählt die Mutter. «Es war eine lange und gefährliche Reise für mich und mein Kind, bis wir hier in dieser Siedlung Zuflucht und Hilfe fanden. Wir sind alle sehr dankbar, dass Sie sich um uns sorgen. Es scheint, als würde niemand sonst es tun. Ohne Ihre Unterstützung wären wir vielleicht alle schon tot. Morgens wissen wir, dass Ihre Lastwagen kommen und uns frisches und sicheres Wasser bringen. Ich komme immer früh zum Tank, um meine Ration Wasser zu holen, damit ich nicht allzu lange von unserem Zelt entfernt bin. Die Not in der Siedlung ist jedoch weiterhin gross. Wie Sie sehen, ist mein Sohn unterernährt. Ich weiss, dass Sie nicht alle unsere Probleme hier lösen können. Das Wasser war meine grösste Sorge und ich bin froh, dass ich mir darüber im Moment keine Gedanken machen muss.» 

Women fetching drinking water in an IDP settlement in Southern Somalia.

Diese Frauen holen Wasser für ihre Familien, nachdem sie frühmorgens geduldig in der Schlange gewartet haben. ©Medair

Wir hören auf zu reden, da sie bald an der Reihe ist, ihren Kanister zu füllen. Mütter gehen mit ihren Kindern und vollen Wasserkanistern an uns vorbei. Sie haben nun genügend Wasser, um einen Tag lang trinken, kochen und waschen zu können. Diese Szene wiederholt sich jeden Tag aufs Neue. Es ist ein grosser logistischer Kraftakt unter schwierigen Sicherheitsbedingungen in einer historischen Notsituation, die nicht nur die Vertriebenen in den Siedlungen in Somalia, sondern auch unzählige weitere Menschen in Ostafrika betrifft.

Women carrying a canister of drinking water on her back in an IDP settlement in Southern Somalia

Schwer zu tragen, aber jede Mühe wert: Diese Frau hat Wasser geholt und kehrt mit ihrem Vorrat an sauberem Trinkwasser nach Hause zurück. ©Medair

Der Konflikt in der Ukraine heizt nicht nur die Inflation an und unterbricht Lieferketten für Lebensmittel, sondern er drängt auch die Hungerkrise in Somalia und Ostafrika in den Hintergrund und erschwert den NGOs die Finanzierung ihrer dortigen Hilfsarbeit. Die Versorgung der Menschen in dieser Siedlung in Südsomalia ist nur dank der vielen grosszügigen Spendenden möglich, die unsere Arbeit unter diesen schwierigen Bedingungen unterstützen. Als ich ins Büro zurückkehre, bin ich noch immer berührt von dem, was ich in der Siedlung gesehen und erlebt habe. Daher möchte ich diese Gelegenheit nutzen, all denjenigen meinen Dank auszusprechen, die unsere Arbeit in dieser Notlage unterstützen, während die Not auf der ganzen Welt zunimmt. Die Menschen in Somalia verfügen über eine Resilienz, wie ich sie selten gesehen habe. Doch in einer Krise, in der Dürre, Krankheit und Gewalt das Land an den Rand einer Hungersnot bringen, sind sie auf unsere Hilfe angewiesen. Wenn wir morgen früh aufwachen, können wir sicher sein, dass die tapferen Helfenden von Medair erneut grosse Risiken eingehen, um diese Siedlung, die ich besuchen durfte, mit Wasser zu versorgen. Sie vor Ort und wir zu Hause machen gemeinsam einen grossen Unterschied und bringen Hoffnung in eine oft hoffnungslos erscheinende Situation – für Mütter wie Jasira und für Tausende andere im Süden Somalias, in dem das Land einst regelmässig von fruchtbarem Regen überschwemmt wurde.

Women and a child carrying water on their backs in an IDP settlement in Southern Somalia.

In ihren Zelten können die Familien das von Medair bereitgestellte Wasser zum Trinken und Kochen nutzen. Es hilft ihnen, die schwerste Dürre seit vierzig Jahren in Somalia zu überleben. ©Medair

 

 


Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.

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