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Vorbereitet auf den nächsten Zyklon

Nach Schulungen in der Katastrophenvorsorge fühlen sich die Menschen in Madagaskar besser für den nächsten Zyklon gewappnet

Madagaskar, der vor der Ostküste Afrikas gelegene Inselstaat im Indischen Ozean, ist stark von Naturkatastrophen betroffen. Nach Angaben des Amtes der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) ist das Land durch Wetterphänomene wie Dürren, Überschwemmungen und Wirbelstürme gefährdet. Im Süden leiden die Menschen unter einer seit Jahren anhaltenden Dürre. Zusätzlich wird das Land wiederholt von Wirbelstürmen heimgesucht, die aufgrund des sich verändernden Klimas immer heftiger und tödlicher werden. Von den Auswirkungen eines Zyklons allein sind durchschnittlich 700 000 der Gesamtbevölkerung von knapp 29 Millionen Menschen betroffen.
  
Im Januar 2009 wurde die Küstenstadt Morondava im Westen Madagaskars von den zwei aufeinanderfolgenden Wirbelstürmen Eric und Fanele zerstört. Innerhalb von 48 Stunden hatte sich das Leben für die Menschen komplett verändert: Tausende waren im Anschluss obdachlos, ihre Lebensgrundlage war vernichtet.

13 Jahre später – im Februar 2022 – wiederholte sich das Desaster: im Abstand von knapp drei Wochen trafen erneut zwei verheerende Wirbelstürme auf die Insel. Die Gemeinschaften, die vom tropischen Wirbelsturm Batsirai am stärksten betroffen waren, waren dieselben, die 18 Tage später auch vom tropischen Wirbelsturm Emnati heimgesucht wurden.

Medair hat sich zum Ziel gesetzt, die madagassische Bevölkerung im Westen der Insel anhand von Schulungen auf Wirbelstürme zu sensibilisieren und ihre Reaktionsfähigkeit auf eine Katastrophe zu stärken. Ein wichtiger erster Schritt ist dabei, Irrglauben zu bekämpfen. Patricia Razafindrafara, Projektmanagerin für Katastrophenvorsorge bei Medair, erklärt: «Es stimmt, dass in Madagaskar einige Menschen, insbesondere in abgelegenen Dörfern, glauben, dass Zyklone von Fremden ins Land gebracht werden – von Leuten, die das Land besuchen oder hier leben. Sie glauben nicht, dass ein Zyklon ein meteorologisches Phänomen ist.»   

Redady Razafimandimby, 54, einer der Dorfältesten in Morondava, bestätigt die Prävalenz dieser Auffassung. «Früher haben wir geglaubt, dass starke Wirbelstürme von den Vazaha [den Fremden] gebracht werden, und dass man sich nicht darauf vorbereiten kann.»

Bis Ende 2022 hat Medair in über 180 Dörfern, die bereits von mehreren Wirbelstürmen betroffen waren, Schulungen zur Katastrophenvorsorge durchgeführt. Den Teilnehmenden wurden dabei die vier Elementen des Frühwarnsystems beigebracht:

(1) Erfassen der bestehenden Risiken durch partizipative Kartierung
(2) Überwachung, Vorhersage und Warnung vor Risiken
(3) Effektive und effiziente Kommunikation und Verbreitung von Warnungen
(4) Stärkung der Reaktionsfähigkeit der Bevölkerung.

 

Funkgeräte, Trillerpfeifen und Warnflaggen wurden ebenfalls in den Dörfern verteilt und die Bevölkerung in den notwendigen Vorbereitungsmassnahmen geschult, etwa im Beschweren der Dächer mit Sandsäcken oder in der Evakuierung an einen sicheren Ort.

Auch der Dorfälteste Redady war einer der Teilnehmenden. Der achtfache Vater erzählt, dass ihm durch die Aufklärungsmassnahmen bewusst geworden ist, wie wichtig die Katastrophenvorsorge ist, und dass der Klimawandel Grund für die zunehmende Intensität der Zyklone ist. Er erzählt, wie er die Schulung erlebt hat: «Medair und seine Partner haben uns bei der Erstellung einer Risikokarte unterstützt. Wir haben die Risiken und Gefahren in unserem Dorf identifiziert, die möglichen Zufluchtsorte ausgemacht, falls wir evakuiert werden müssen, und die Flaggenwarnungen eingeübt, die wir in Vorbereitung auf einen herannahenden Zyklon aufstellen müssen.»   

Im Anschluss fühlt er sich nun viel besser vorbereitet auf eine potentielle Katastrophe. «Die Informationen zur Katastrophenvorsorge haben mir die Möglichkeit gegeben, angemessen zu reagieren, und unsere Kompetenzen erweitert. Ich weiss jetzt, wie ich meine Familie und meine Mitmenschen warnen kann, wenn ein Zyklon im Anmarsch ist», erzählt er. Sollte dies der Fall sein, zieht er seine Weste an und greift zum Megaphon, um die Menschen in der Umgebung zu warnen, damit sie die entsprechenden Vorbereitungen treffen können. Als Dorfvorsteher hat er eine Schlüsselposition inne, denn er übernimmt er die Verantwortung dafür, die Bevölkerung zu informieren und vorzubereiten.

Kurz nach der Schulung hat Redady bereits begonnen, sein neu erworbenes Wissen mit seinen Mitmenschen zu teilen. Ihm sei klar geworden, dass Zeit und Ressourcen besser in die Prävention als in den Wiederaufbau investiert werden. Er ist hochmotiviert, denn er weiss, wie es ist, wenn das eigene Haus hüfthoch mit Wasser überschwemmt ist. «Wir hatten damals keine Orientierung und keine Hilfe. Ich möchte die Strapazen, die wir durchgemacht haben, nicht noch einmal erleben.» Redady ist davon überzeugt, dass durch Präventionsmassnahmen die zerstörerische Wirkung eines Wirbelsturms stark reduziert werden kann.

Zusätzlich zu den Schulungen hat Medair auf nationaler Ebene mit der staatlichen Behörde für Katastrophenmanagement in Madagaskar (BNGRC) zusammengearbeitet, um Warnmeldungen per SMS an gefährdete Bevölkerungsgruppen zu senden. Ausgewählte Personen aus Madagaskar wurden zudem für die Mitarbeit im Nothilfeteam von Medair ausgebildet. 


Das Projekt wurde von Medair in enger Koordination mit der staatlichen Behörde für Katastrophenmanagement in Madagaskar, dem «Bureau National de Gestion des Risques et des Catastrophes» (BNGRC), umgesetzt. Finanziert wurde das Projekt von der Europäischen Union.

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