Geschichten

Reaktion auf die Erdbeben in der Türkei und in Syrien: Augenzeugenberichte unseres Teams in Aleppo

Unser Team in Syrien leistet Hilfe nach dem verheerenden Erdbeben vom 6. Februar

Das Erdbeben ereignete sich in den frühen Morgenstunden, lange bevor die ersten Sonnenstrahlen am Horizont auftauchten. Selbst in Damaskus und Beirut, mehr als 500 Kilometer vom Epizentrum entfernt, schwankten Gebäude, schepperten Autos und ächzten Laternenpfähle unter den Erschütterungen. Es war eines der stärksten Erdbeben der vergangenen 80 Jahre in der Region, und es sollte nur das erste sein.

Die Auswirkungen der verheerenden Zwillingsbeben, die die Türkei am 6. Februar 2023 heimsuchten, waren in der gesamten Region zu spüren, doch nirgends stärker als in den Gebieten in der Nähe der Epizentren. In Städten im Südosten der Türkei und in Nordsyrien stürzten ganze Gebäude ein. Tausende Menschen – Frauen, Männer und Kinder – wurden unter den Trümmern begraben. Geschwächt durch die wiederkehrenden Erschütterungen und Nachbeben, fielen in den darauffolgenden Stunden weitere Gebäude in sich zusammen. Wichtige Wasser-, Gesundheits- und zivile Infrastrukturen wurden ebenfalls zerstört.

Seit 2016 ist Medair in den Gouvernements Aleppo und Hama, zwei der am stärksten betroffenen Gebiete Syriens, tätig. Am Tag vor dem Erdbeben waren Mitarbeitende von Medair aus ganz Syrien zu unseren jährlichen Teamtreffen nach Damaskus gereist, doch als sie die Nachricht der Katastrophe erreichte, wurden die Treffen sofort abgesagt. Das Team machte sich umgehend auf den Weg und traf nicht einmal 24 Stunden später in Aleppo ein. Im Folgenden beschreiben sie ihre Eindrücke:

 

Verwüstung und Vertreibung

In der ganzen Stadt sind Rettungskräfte bei der Arbeit und graben sich Schicht um Schicht durch Berge aus Eisen und Zement in der Hoffnung, noch Überlebende in den Trümmern zu finden.

Die Angst, sagt unsere Mitarbeitende Lisanne, ist allgegenwärtig. «An vielen Orten in Aleppo sind die Strassen sehr eng, sodass es kaum Fluchtmöglichkeiten gibt, wenn ein Gebäude einstürzt», erklärt sie. «Die Menschen haben Angst, dass weitere Gebäude einstürzen. Daher schlafen viele Familien im Freien – entweder in ihren Autos, in öffentlichen Parks, auf der Strasse oder auf grossen Feldern.»

Einige Gemeinschaftsunterkünfte und Schulen haben ihre Türen für vertriebene Familien geöffnet. Tische und Stühle wurden an die Wände geschoben, um auf dem Boden Platz zum Schlafen zu schaffen. Da sich oft mehrere Familien einen Raum teilen, gibt es wenig Privatsphäre und die Räume sind feucht und bitterkalt. Nur wenige Menschen haben Decken oder Matratzen; viele müssen direkt auf den kalten Böden schlafen. In einem der Klassenzimmer einer Schule, die unser Team besuchte, hatte eine Familie einen Ofen aufgestellt. Sie verwendeten den wenigen Brennstoff, den sie finden konnte, um sich wenigstens etwas zu wärmen. Ein Mann hielt das Ofenrohr an das einzige Fenster im Raum, damit der Rauch nach draussen abziehen konnte.

«Die Menschen haben grosse Angst, in ihre Häuser zurückzukehren», berichtet Noor, Leiterin unseres Nothilfeteams in Syrien. «Sie haben uns erzählt, sie hätten alles verloren. Sie sind hungrig und frieren.»

Die humanitäre Krise verschlimmert sich rapide

Sowohl die Zahl der Opfer also auch die der nun Obdachlosen ist enorm. Es besteht ein dringender Bedarf an Unterkünften. Auch wichtige Infrastrukturen wie Spitäler und Wasserleitungen wurden schwer beschädigt. In vielen Sammelunterkünften gibt es weder Seife noch fliessendes Wasser und es mangelt zurzeit an Nahrung und warmen Decken.

Situationen wie diese schaffen ideale Voraussetzungen für eine humanitäre Krise. Der begrenzte Zugang zu sauberem Wasser und mangelnde Hygieneinfrastrukturen tragen zur Ausbreitung von Krankheiten wie Cholera bei, die durch Wasser übertragen werden und in Syrien bereits vor dem Erdbeben auf dem Vormarsch waren. Wenn Menschen auf engstem Raum zusammenleben und tagelang mit nur wenig Nahrung und Wärme auskommen müssen, dann breiten sich Krankheiten wie diese rasch aus. Beschädigte Spitäler und Gesundheitseinrichtungen verfügen nur über begrenzte Ressourcen, um die notwendige medizinische Versorgung zu gewährleisten, und zerstörte oder durch Trümmer blockierte Strassen können die Bereitstellung humanitärer Hilfe drastisch verlangsamen.

Eine solche Situation wäre für jede Stadt unmöglich zu bewältigen. Doch viele der syrischen Städte in den Gouvernements Aleppo und Hama, in denen wir im Einsatz sind, sind bereits durch mehr als zehn Krisenjahre geschwächt. Die Hilfskapazitäten sind beschränkt, während der Bedarf weiter steigt. Vor Ort analysieren wir nun den Bedarf, um über passende Hilfsmassnahmen zu entscheiden.

«Die Menschen in Aleppo haben sich von der Syrienkrise noch nicht erholt», sagt Noor. «Wir benötigen dringend Hilfe.»

Menschlichkeit inmitten der Verwüstung

Auch nach über 30 Jahren Erfahrung in humanitärer Nothilfe sind wir jedes Mal aufs Neue berührt von der Menschlichkeit, der Solidarität und der Entschlossenheit, die in Situationen wie diesen oft zu Tage treten. In einer überfüllten Sammelunterkunft, einem einstigen Basketballstadion, vielen uns zwei kleine Schwestern ins Auge. Nur eine von ihnen trug Schuhe, rings herum beschallte sie der Lärm der anderen Familien, doch die Mädchen liessen sich dadurch nicht im Geringsten stören – sie spielten weiter ein selbst erfundenes Spiel mit einer Kaffeetasse. Auch in öffentlichen Parks suchen viele Familien Schutz vor einstürzenden Gebäuden. Ein Mann war mit seinem Auto vor einen dieser Parks gefahren und verteilte Essen. In einer überfüllten Schule mit mehr als einhundert Familien, tat ein traditioneller Gemeindevorsteher alles, um den überforderten Hausmeister zu beruhigen und ihn zu versichern, dass alles in Ordnung sein würde. Dies sind kleine, aber helle Funken der Hoffnung in einer schrecklichen und erdrückenden Situation.

 

Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels lag die Zahl der offiziell bestätigten Todesopfer der Erdbeben bei über 18’000. Bei der Veröffentlichung wird diese Zahl jedoch höchstwahrscheinlich längst nicht mehr aktuell sein. Es wird davon ausgegangen, dass rund 17 Millionen Menschen in der Türkei und in Syrien dringend humanitäre Hilfe benötigen. Zusätzlich zum Nothilfeteam in Syrien befindet sich unser globales Nothilfeteam im Südosten der Türkei, um auch dort Evaluierungen durchzuführen und zu entscheiden, wie am besten geholfen werden kann. Am dringendsten benötigt werden voraussichtlich Unterkünfte, Matratzen und Decken zum Schutz vor der Kälte sowie Gesundheitsversorgung, sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen.

Sie können den von dieser Katastrophe betroffenen Familien die Unterstützung zukommen lassen, die sie so dringend brauchen. Handeln Sie jetzt.


Die Arbeit von Medair in Syrien wird durch den Katastrophenschutz und die humanitäre Hilfe der Europäischen Kommission, UNOCHA, die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), die Glückskette, SlovakAid und grosszügige private Spendende wie Sie ermöglicht. Unser globales Nothilfeteam in der Türkei wird von grosszügigen privaten Spendenden unterstützt.

Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.

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