Geschichten

Lernen Sie unsere neue Geschäftsführerin Anne Reitsema kennen

Anne ist eine führende Stimme und Akteurin im globalen Sektor der humanitären Hilfe. Sie hat in den letzten zwanzig Jahren humanitäre Einsätze in Darfur, Somalia, Angola, Norduganda und dem Südsudan geleitet. Zuletzt war sie Direktorin für die internationalen Programme von Medair im Nahen Osten, Zentralasien, in Europa und in Afrika. Darüber hinaus ist Anne Mitglied der Direktorengruppe, die den Ständigen Institutionellen Ausschuss der Vereinten Nationen berät. Dieser Ausschuss hat die Aufgabe, die Koordination in der humanitären Hilfe zwischen UN und Nicht-UN-Organisationen zu verbessern.

Wir freuen uns, bekannt geben zu dürfen, dass Anne Reitsema zur neuen Geschäftsführerin von Medair ernannt wurde. Sie ist damit die fünfte Person, die diese verantwortungsvolle Funktion seit der Gründung unserer Organisation im Jahr 1989 innehat. Wir haben uns gefreut, mit ihr über diese neue Kapitel in ihrer humanitären Karriere zu sprechen.

 

Anne, erzähl uns ein bisschen über dich.

Ich wurde in Südafrika als Tochter eines niederländischen Vaters und einer amerikanischen Mutter geboren. Sie haben sich dafür engagiert, Beziehungen zu der Zulu-Gemeinschaft aufzubauen und neue Hoffnung zu schenken. Ich wuchs mit fünf Geschwistern und einigen anderen Jugendlichen auf, die bei uns zu Hause wohnten. Dabei habe ich erfahren, wie bereichernd es ist, mit anderen zusammen zu leben, gemeinsam über Gott und die Welt zu diskutieren, beim gemeinsamen Abendessen über Entdeckungen und Erlebnissen zu sprechen, in den Bergen zu wandern und sich an der Schönheit der Schöpfung zu freuen. Bis heute ist meine Familie eine große Quelle des Ansporns und der Inspiration für mich.

Als ich elf Jahre alt war, brach in unserer Gemeinschaft ein gewaltsamer Konflikt aus, der zehn Jahre andauerte. In dessen Zuge wurden einige der jungen Zulus in unserer Kirche, die meiner Familie sehr nahestanden, getötet. Dieses Erlebnis hat mich nachhaltig geprägt und in mir den Wunsch geweckt, von Konflikt betroffenen Gemeinschaften zu helfen.

 

Wie wurde aus diesem Wunsch, von Konflikten betroffene Gemeinschaften zu helfen, dann ein Beruf?

Als ich 18 war, beschloss ich, Sozialarbeit, Psychologie und kommunale Entwicklung zu studieren. Nach meinem Abschluss zog ich in die USA, um ein Master in Psychotherapie absolvieren. Ich war damals engagiert im Bereich Kinderschutz. Das habe ich neben meinem Studium weitergemacht und konnte einen Teil meines mein Studiums mittels Verlängerung in England abschliessen. Ehrlich gesagt, weiss ich nicht, wie ich das geschafft habe! Letzten Endes hatte ich 2004 gerade genug Geld auf meinem Konto, um meine Impfungen und den Flug zu meinem ersten Einsatz bei Medair zu bezahlen.

 

Wann hast zum ersten Mal von Medair gehört?

Es war ein Freund meines Bruders. Nach dem Abschluss meines Studiums war ich auf der Suche nach einer Organisation, für die menschliche Beziehungen in der Wiederaufbau- und Versöhnungsarbeit eine zentrale Rolle spielten. Ausserdem wollte ich meinen christlichen Glauben in die Arbeit einfliessen lassen, denn er lässt mich den Wert des menschlichen Lebens erkennen. Als ich das meinem Bruder gegenüber erwähnte, vereinbarte er ein Treffen mit einem seiner Freunde, der für Medair tätig war. Nach diesem Treffen war ich überzeugt, dass Medair genau das war, was ich suchte, und ich habe es nie bereut!

«Es war mein tiefer Wunsch, von Konflikten betroffene Gemeinschaften zu unterstützen, sodass ich begann, nach einer Organisation zu suchen, die erkannt hatte, wie wichtig es ist, den Wiederaufbau und die Versöhnung über Beziehungen zu gestalten.»

Anfangs schloss ich mich Medair an, um mit meinem Fachwissen in Psychologie im Bereich der psychischen Gesundheit zu arbeiten. Ich landete jedoch sehr schnell in Führungspositionen, in denen ich meine psychosoziale Ausbildung auf andere Weise einbringen konnte. Für die Teamleitung erwies sich auch meine Beratungserfahrung als äusserst hilfreich. Eines der Dinge, die mich bis heute mit Leidenschaft erfüllen, ist zu sehen, wie Gruppen von Menschen aufblühen, an Effektivität gewinnen und gegenseitiges Vertrauen aufbauen und, noch wichtiger, zunehmend Freude an dem haben, was sie tun.

 

Auf welche Weise hast Du persönlich unter schwierigen Umständen Freude erlebt?

Bei allen Projekten, an denen ich beteiligt war, gab es Phasen des Feierns und des Nachdenkens. Alle drei Monate haben wir uns die Zeit genommen, um uns über Erfolge, Gebetserhörungen und unsere Durchbrüche zu freuen, aber auch um die Herausforderungen zu verarbeiten und Verluste zu verarbeiten. Wir haben alles auf einer Zeitachse festgehalten, um uns visuell erinnern zu können.

Wir arbeiten in einem Bereich und Umfeldern, in dem wir immer wieder mit Hindernissen und Rückschlägen konfrontiert sind. Dann hilft es, aus gemeinsamem Feiern und gegenseitiger Ermutigung neue Kraft und Inspiration zu schöpfen.

Unsere Herzen haben für die Menschen in Not geblutet, denn uns war bewusst, dass ihre Lage jedem von uns hätte passieren können.

Ich erinnere mich auch daran, wie akute Krisen, in denen jeder einzelne gefragt war, die Teams zusammenschweissten. Es gab Momente, in denen wir einfach zusammengekommen sind, die Musik angestellt haben und angefangen haben, zu singen. Jeder hat etwas zum Essen mitgebracht, um es mit den anderen zu teilen. Unsere Herzen haben für die Menschen in Not geblutet, denn uns war bewusst, dass, was ihnen geschehen war, jeden von hätte treffen können. Dieses Gefühl der Solidarität hat uns neue Kraft gegeben, um weiterzumachen und alles zu tun, um die Menschen in grösster Not zu erreichen.

 

Was sticht nach so vielen Jahren an vorderster Front hervor?

Es liegt eine unglaubliche Kraft darin, wenn sich Menschen zusammentun, um ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Gemeinsam sind wir stärker. Innerhalb von Gemeinschaften können wir Wiederaufbau und Versöhnung durch Beziehungen gestalten und unser Umfeld verändern. Das hat mich immer wieder durch schwierige Situationen getragen.

Angesichts so viel Dunkelheit ist unser gemeinsamer Glaube ein helles Licht und ein Anker, der uns ständig zu Liebe und Hoffnung anspornt. Die Fähigkeit, gemeinsam über den Moment hinauszuschauen, gibt uns die Kraft, in Krisen eine Freude und Frieden bringende Präsenz zu sein.

 

Es ist keine einfache Zeit, um die Führung einer humanitären Organisation zu übernehmen. Wie kann Medair die aktuellen Herausforderungen meistern?

Wir haben in den vergangenen 24 Monaten eine deutliche Verschiebung der globalen Machtdynamik erlebt, die weltweit zu einer zunehmenden Polarisierung und Neupositionierung geführt hat. Dies hat beeinflusst, wie wir als eine glaubensbasierte internationale humanitäre Organisation wahrgenommen werden.

Es wäre leicht, angesichts der aktuellen Entwicklungen den Mut sinken zu lassen, doch wenn wir uns nicht von unserer Berufung abbringen lassen, an den entlegensten Orten der Welt für den Wert des menschlichen Lebens zu kämpfen, dann können wir weiterhin unserem Auftrag folgen und dabei noch agiler werden. Davon bin ich überzeugt. Unsere Arbeit ist in erster Linie von dem Gebet vieler Menschen getragen, die uns bei dieser Arbeit unterstützen.

Genauso entscheidend für die Wirksamkeit unserer Hilfseinsätze ist die gleichbleibende Qualität unserer Arbeit. Sie wird positive Veränderungen schaffen, auch wenn es vielleicht anders aussieht, als wir es uns zuerst vorgestellt haben. Wie das bei einer Organisation wie unserer in der Praxis aussieht? Es zeigt sich beispielsweise darin, dass wir für die Behandlung von Kindern die wirksamsten Medikamente auswählen oder dass wir streng darauf achten, dass unsere nicht ungewollt Schaden anrichtet. Ohne Qualitätsstandards ist alles, was wir tun, Zeitverschwendung.

Unsere Vision bedeutet auch, dafür zu achten, dass unsere sieben Grundwerte – Hoffnung, Mitgefühl, Würde, Integrität, Verantwortlichkeit, Freude und Glaube – alle unsere Beziehungen prägt, sei es innerhalb unserer Organisation, bis hin zu den Menschen, denen wir helfen, den Behörden und unseren Spenderinnen und Spendern. Wenn wir diese Werte leben, bringen wir das Beste in uns hervor.

Die Freude, die Liebe, die Fürsorge und die Energie, die ein Team in einem solchen Moment empfindet, ist eine Erinnerung, die mich durch schwierige Zeiten trägt.

Ich erinnere mich, wie wir einmal während eines Notfalleinsatzes im Südsudan bis spät in die Nacht im Team Eimer vorbereitet haben, die am nächsten Morgen per Hubschrauber zu Menschen auf der Flucht vor einem Konflikt gebracht werden sollten. Dafür mussten wir Wasserfilter vorbereiten, Löcher in die Eimer bohren, um die Filter zu befestigen, dann die Eimer beschriften und verpacken die Eimer und beiliegende Anleitungshefte überprüfen. Wir hatten nur ein sehr kleines Zeitfenster, um diesen Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser zu verschaffen und so ihre Gesundheit und die Gesundheit ihrer Familien zu schützen.

Die Erinnerung an die Freude, die Liebe, die Fürsorge und die Energie, die ein Team in einem solchen Moment erfährt, trägt mich in schwierige Zeiten. In meiner neuen Rolle ist dies weniger greifbar, aber wenn ich an diese Tage zurückdenke, spornt mich das an, meinen Teil zu dem beizutragen, was noch immer eine Teamleistung ist.

 

Lesen Sie die offizielle Pressemitteilung zur Ernennung von Anne Reitsema. 

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