Geschichten

Kommunikationsbarrieren überwinden

Unterstützung für hörgeschädigte Menschen

In Jordanien leben mehrere Tausend Menschen mit einer Gehörschädigung, die sie im Alltag stark beeinträchtigt. Die Kommunikation mit anderen ist schwierig, ganz besonders für die über 40% der Gehörlosen, die keine Gebärdensprache beherrschen. Unser Team vor Ort hat sich diesem Bedarf angenommen. Seit Oktober 2022 hat Medair Jordanien 40 Lektionen in einfacher Gebärdensprache für 54 hörbeeinträchtigte Kinder und deren Betreuende in Amman, Irbid und AL-Mafraq durchgeführt. Die Lektionen richteten sich an vulnerable jordanische sowie an geflüchtete Kinder, um die Kommunikation zwischen ihnen und ihren Betreuungspersonen zu verbessern.

Rami war eines dieser 54 Kinder. Er ist ein syrischer Geflüchteter und lebt heute in Jordanien. Vor acht Jahren, als Rami noch nicht einmal ein Jahr alt war, explodierte eine Bombe direkt neben seinem Elternhaus in Syrien. Das war das letzte Geräusch, das er hörte. Ramis Mutter Khadija gab die Hoffnung nicht auf, dass er eines Tages wieder hören können und sprechen lernen würde.

Nach der Explosion flüchtete Ramis Familie nach Jordanien und lebt heute in einem kleinen Haus in Amman. Ramis Zustand blieb jedoch unverändert: Aufgrund der Hörschäden durch die Explosion kann er weder hören noch sprechen. Die dadurch entstehenden Kommunikationsschwierigkeiten gaben Rami das Gefühl, anders zu sein und von niemandem verstanden zu werden. Auch machten sie ihn aggressiv, wütend und introvertiert, erzählt Khadija.

«Ich als seine Mutter kann ihn und seine Sicht der Dinge verstehen, auch wenn es für mich schwierig ist, damit umzugehen. Andere Menschen verstehen ihn jedoch nicht. Deshalb mache ich mir Sorgen um ihn und verbiete ihm, das Haus zu verlassen», erklärt sie.

Kommunikation ist für jeden Menschen wichtig, doch für diejenigen, die aufgrund unglücklicher Umstände über kein volles Hör- oder Sehvermögen verfügen, ist es oft eine Herausforderung. In Jordanien beträgt die Anzahl Gehörloser rund 31 000. Diese setzt sich zusammen aus etwa 19 000 jordanischen und aus rund 12 000 geflüchteten Gehörlosen. 42 % der Gehörlosen benutzen keine Gebärdensprache. Medair richtet den Fokus auf dieses vernachlässigte Recht und hilft anhand von Gebärdensprachkursen, die Kommunikationsbarriere zwischen gehörlosen Kindern und ihren Betreuenden zu verringern. Der Schwerpunkt der Lektionen liegt darauf, die Kinder mit den notwendigen Fähigkeiten auszustatten, und sie so zu befähigen, besser mit ihren Bezugspersonen kommunizieren zu können.

In der ersten Gebärdensprachlektion hatte Rami Angst und sass zunächst allein neben seinem Vater. Als er jedoch die vielen Kinder sah, die in der gleichen Lage waren wie er, änderte sich seine Perspektive. Der Kursleiter begann mit einfachen Wörtern für den Alltag. Anschliessend behandelten sie verschiedene Themen wie das Alphabet, Zahlen, Farben, Essen, Kultur und Familie. Es waren stets ein gehörloser und ein hörender Kursleiter anwesend, um sowohl die Kinder als auch ihre Bezugspersonen zu unterrichten.

 Ein zehnjähriger gehörloser syrischer Geflüchteter sitzt lächelnd auf dem Sofa neben seiner Mutter, die ihn umarmt.

Khadija mit ihrem Sohn Rami in ihrem Haus in Amman. Im Gebärdensprachkurs hat Rami viele andere gehörlose Kinder getroffen. Dadurch fühlt er sich weniger allein und ist fröhlicher geworden.

Khadija erzählt: «Rami umarmte mich nach der ersten Lektion, so glücklich war er. Er lachte und gab mir zu verstehen, dass er viele Kinder getroffen hatte, die auch nicht hören oder sprechen konnten. Von dem Moment an wusste er, dass er nicht allein war. Er war ganz aufgeregt», erklärt sie.

Rami freute sich auf jede Lektion. Wenn er nach Hause zurückkam, wandte er das soeben Gelernte immer sofort an. Seine Mutter sagt, er könne nun deutlich besser mit seinem Vater kommunizieren, er sei glücklich und seine Stimmung habe sich geändert.

Rami hofft, wie andere Kinder zur Schule gehen zu können, doch aufgrund der bestehenden Kommunikationsbarrieren kann er sich nicht mit seinen Altersgenossen verständigen. Jeden Morgen, wenn er aufsteht, schaut er aus dem Fenster auf die Kinder draussen und wünscht sich, einer von ihnen zu sein. Dank dem Gebärdensprachkurs von Medair kann Rami jedoch besser mit seinen Eltern kommunizieren und kommt seinem Traum näher, auch selbst eines Tages zur Schule gehen zu können.

Ein zehnjähriger Gehörloser sitzt lächelnd neben seinem Vater, mit dem er gemeinsam einen Gebärdensprachkurs von Medair in Amman besucht.

Rami mit seinem Vater im Gebärdensprachkurs. Gemeinsam nahmen sie an 10 Sitzungen teil und die Verständigung zwischen ihnen klappt nun deutlich besser.

Ramis Vater fügt hinzu: «Wir alle können Gebärdensprache lernen. Ich hoffe, dass jeder Gebärdensprache lernt, damit Rami und alle Gehörlosen sich verständigen und unterhalten können. Sie sollten nicht das Gefühl haben müssen, anders zu sein.»

Herr Osama, der Kursleiter, erklärt die Wirkung des Programms: «Es war deutlich zu sehen, wie sich die Beziehung zwischen den Betreuenden und ihren Kindern von der ersten bis zur letzten Lektion verbesserte. Medair hat ihnen das Leben ein grosses Stück leichter gemacht. Sie können einander nun verstehen, Freundschaften schliessen und ihren Weg finden. Ich möchte Medair für diese Chance danken. Danke, dass ihr euch so stark für gehörlose Menschen einsetzt, die diese Unterstützung für ein besseres Leben benötigen.»

 


Das Sozialschutzprogramm und die Gebärdensprachkurse von Medair werden vom Deutschen Auswärtigen Amt und von privaten Spendenden unterstützt.

Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.  

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