Geschichten | VORGESTELLTE GESCHICHTEN

Hungern, um zu überleben

Familien in Baalbek-Hermel droht die Zwangsräumung, da sie aufgrund des starken Anstiegs der Mietzinsen ihre Wohnungen nicht mehr bezahlen können.

«Manchmal können wir nachts hören, wie die Mägen der anderen vor Hunger knurren, doch wir versuchen es zu ignorieren», sagt Safwan.

Seit 2019 versinkt der Libanon immer mehr in einer der schlimmsten Finanzkrisen der Welt. Das libanesische Pfund (LBP) hat seit 2019 ganze 96 Prozent seines Wertes verloren. Die Inflation ist auf 249 Prozent angestiegen, was zu einer Explosion der Preise für Grundnahrungsmittel geführt hat. Zusätzlich hat es Subventionskürzungen für Grundgüter wie Lebensmittel, Medikamente und Treibstoff gegeben. All diese Entwicklungen haben die Kaufkraft der Menschen stark verringert. Angesichts der anhaltenden und sich weiter verschärfenden Krise droht immer mehr Familien die Zwangsräumung – insbesondere Familien mit Angehörigen mit besonderen Bedürfnissen (People with Special Needs, PwSN) und mit weiblichen Familienoberhäuptern.

Ein syrisches Kind mit Down-Syndrom sitzt im Arm seines Vaters auf einem Stuhl.

Der 40-jährige Syrer Safwan sitzt neben seinem neun Jahre alten Sohn Mohamad mit Down-Syndrom im Wohnzimmer seines Hauses im Gouvernement Baalbek-Hermel. ©Medair/Abdul Dennaoui

Der 40-jährige Syrer Safwan lebt zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Kindern, die beide das Down-Syndrom haben, in Houch Er Rafqa im Bezirk Baalbek-Hermel. Die Familie kämpft täglich um ihr Überleben. Ohne Arbeit und angesichts ihrer steigenden Schulden für Grundgüter wie Essen und Medikamente kann sich die Familie die Miete nicht mehr leisten und hat auch kein Geld mehr für die medizinische Versorgung ihrer Kinder. Das vom Lebanon Humanitarian Fund (LHF) finanzierte «Cash for Rent»(CfR)-Projekt von Medair versucht, die bedürftigsten Menschen zu unterstützen. Safwan sprach mit uns über die Nöte und Schwierigkeiten, mit denen er und seine Familie konfrontiert sind, und darüber, wie wichtig die finanzielle Unterstützung für ihn war.

Während er sein jüngstes Kind, den neunjährigen Mohamad, im Arm hält, erzählt Safwan uns seine Geschichte: «Vor sieben Jahren sind wir wegen des Konflikts aus Syrien geflohen. Wir sind in den Libanon gekommen, in der Hoffnung, ein neues Leben zu beginnen. Als wir hier ankamen, war das Leben besser als daheim in Syrien. Wie Sie sehen, hat Gott uns mit zwei wunderbaren Söhnen gesegnet – beide haben das Down-Syndrom. Das mag für jeden etwas anderes bedeuten, doch für mich heisst es, dass sie etwas ganz Besonderes sind. Sie benötigen mehr Aufmerksamkeit und wir müssen stärker auf sie achtgeben.»

Stille erfüllt den Raum, während alle die Realität der Situation erfassen. Safwan holt tief Luft und fährt fort: «Wegen der finanziellen Lage können wir im Moment nur eine Mahlzeit am Tag essen – und ich spreche nicht einmal von einer warmen Mahlzeit. Eine normale Mahlzeit besteht bei uns zurzeit aus ein wenig Fladenbrot mit Zaatar (einem Küchenkraut) und ein bisschen Labneh (einem würzigen Frischkäse). Das ist das absolut Höchste, was wir uns leisten können. Wenn die Jungen eingeschlafen sind, sitzen meine Frau und ich bei Kerzenlicht da und essen. Manchmal können wir nachts die Mägen der anderen vor Hunger knurren hören, doch wir versuchen es zu ignorieren. Unsere eigene Ernährung und Gesundheit spielen keine Rolle mehr. Unsere Kinder sind alles für uns. Wenn es sein muss, werde ich mich verhungern lassen, damit sie überleben.»

Ein syrisches Kind mit Down-Syndrom sitzt im Arm seines Vaters auf einem Stuhl.

Safwans jüngster Sohn, der neunjährige Mohamad, sitzt im Arm seines Vaters. ©Medair/Abdul Dennaoui

«Ich weiss nicht, wie oft ich schon meine Arme ausgebreitet und Gott um einen Ausweg oder um Hilfe egal welcher Art angefleht habe. Meine Gebete wurden schliesslich erhört und ich bin sehr dankbar, dass es Organisationen gibt, die uns zu Hilfe gekommen sind. Dass wir so kurz vor der Zwangsräumung unsere Miete bezahlen konnten, hat uns eine grosse Last von den Schultern genommen. Es hat uns etwas Luft zum Atmen gegeben. Wir können uns endlich wieder darauf konzentrieren, unsere Söhne mit den Medikamenten zu versorgen, die sie benötigen. Wir wissen, dass dies nicht von Dauer ist, denn unsere Schwierigkeiten haben sich nicht in Luft aufgelöst, aber das Wichtigste ist, dass wir weiterhin ein Dach über dem Kopf haben. Mir fehlen die Worte, um meine Dankbarkeit auszudrücken. Ich kann mir nicht vorstellen, mit meiner Familie obdachlos auf der Strasse zu leben.»

In den letzten Jahren hat sich die Bargeldhilfe zu einem international anerkannten Mittel entwickelt, um die Bedürfnisse von Menschen in Not zu erfüllen und ihnen Autonomie zu gewähren. Medair hat diesen Ansatz in mehreren Ländern in seine Programme integriert. Im Rahmen des vom Lebanon Humanitarian Fund finanzierten Cash-for-Rent-Projekts unterstützt Medair im Libanon derzeit 603 der bedürftigsten Familien in Baalbek-Hermel. In Abstimmung mit dem Projektbereich Unterkunft hilft Medair 225 weiteren Familien mit Cash for Rent in betroffenen Gemeinden in Baalbek-Hermel. Bargeldinitiativen können die lokale Wirtschaft ankurbeln und wahren die Würde und das Selbstbestimmungsrecht der Menschen. So können Familien besorgen, was sie am dringendsten benötigen und wieder auf die Beine kommen.

 


Das «Cash for Rent»(CfR)-Projekt von Medair in Baalbek-Hermel wird vom Lebanon Humanitarian Fund (LHF) und dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) finanziert.

Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.

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