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Hoffnungsschimmer am Horizont: Rückkehr in den Sudan

Im Jahr 2012 schlossen die letzten Mitglieder unseres Teams im Sudan unsere Basis in Khartum.

Dieser Schritt bedeutete das Ende eines zwölfjährigen Einsatzes, im Rahmen dessen wir von jahrzehntelangem Konflikt betroffene Familien unterstützt hatten. Wie so oft, wenn wir ein Länderprogramm abschliessen, blieben wir dem Sudan jedoch noch lange nach unserem Abzug verbunden. 

Rückkehr in den Sudan

Acht Jahre danach, im Februar 2020, nahmen wir unser Programm im Sudan wieder auf, um von der Klimakatastrophe betroffene und unter den anhaltenden Auswirkungen des Konflikts leidende Gemeinschaften zu unterstützen. Der Bedarf an humanitärer Hilfe war enorm: Steigende Lebensmittelpreise, schlechte Gesundheitsinfrastruktur, sowie begrenzter Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen hatten zu steigenden Unterernährungsraten geführt.[1] Lebenswichtige Güter wie Treibstoff und Brot waren alarmierend knapp und viele Familien kamen aufgrund steigender Inflationsraten kaum noch über die Runden.[2] Zu allem kam die Pandemie.

Unser erstes Projekt war die Bereitstellung von Handwaschstationen und persönlicher Schutzausrüstung für eine in einer informellen Siedlung am Rand von Khartum gelegenen Klinik, um der Ausbreitung von COVID-19 entgegenzuwirken. Wir stellten den Mitgliedern umliegender Gemeinschaften Hygieneartikel und Informationen zur Prävention zur Verfügung. «Unsere Arbeit spricht sich in der Gemeinschaft herum, die Menschen kommen zu uns, wann immer wir Botschaften haben», sagt Nasraldeen, ein lokaler Gesundheitsförderer. «Sie brennen darauf, zu erfahren, wie sie sich und ihre Familien schützen können.»

Alles schien gut zu gehen – bis die Tigray-Krise kam.

Bildunterschrift: Geflüchtete aus dem äthiopischen Tigray erreichen das Ufer des Grenzflusses Tekeze im ostsudanischen Hamdayet. Dienstag, 1. Dez. 2020 © AP Foto/Nariman El-Mofty 

 

Nothilfeeinsatz für die Menschen in Tigray

Bewaffnete Konflikte zwangen im November 2020 tausende Familien im nordäthiopischen Tigray, ihre Häuser zu verlassen. Über 52 000 Schutzsuchende flohen in den Sudan – einige zu Fuss, andere auf der Ladefläche von Traktoren oder mit Booten über den Grenzfluss zwischen Äthiopien und dem Sudan.[3] Die überquerten Grenzübergänge in den Sudan sind nur über sandige oder unbefestigte Strassen erreichbar und werden mit grosser Sicherheit in der Regenzeit unpassierbar.

Die betroffenen Familien flohen mit wenig mehr als der Kleidung, die sie am Leib trugen. Obwohl lokale Organisationen rasch Gegenstände wie Decken und Matratzen aus umliegenden Gemeinschaften herbeibrachten, wurden diese Güter angesichts des grossen Zustroms von Geflüchteten schnell knapp. Es besteht ein dringender Bedarf an sauberem Trinkwasser, medizinischer Versorgung, Notunterkünften und lebensnotwendigen Dingen wie Decken und Matratzen. [4] Fast die Hälfte der in den Sudan Geflohenen sind Kinder.[5]

MEDAIR hat die Möglichkeit, auf eine Krise wie diese zu reagieren. Dank unserer umfassenden Erfahrung können wir wie bereits im Irak, Südsudan, der Demokratischen Republik Kongo und in Bangladesch, von Konflikt betroffene Familien zeitnah, angemessen und mit Mitgefühl unterstützen. Unter unseren Mitarbeitenden im Sudan sind Experten in den Bereichen Gesundheit, Hygiene und Wasser. Sobald wir Zugang zu den von Krisen betroffenen Menschen bekommen, werden wir aktiv. Das ist es, was wir am besten können.

Ein Hoffnungsschimmer am Horizont

Unser Team aus internationalen und lokalen Mitarbeitenden kann sich auf langjährige Erfahrung im Umgang mit Konflikten stützen. Einige von ihnen hatten bereits in der Vergangenheit für Medair gearbeitet hatten und waren mit Eifer bereit, wieder dabei zu sein.

Die Anfänge des Länderprogramms waren angesichts des COVID-19-Lockdowns mit Herausforderungen und Beschränkungen verbunden, doch eines wurde dabei deutlich: unser Engagement. Wir sind dem Dienst an Menschen in grösster Not verbunden, setzen die Arbeit inmitten einer beispiellosen Pandemie fort und dienen Tausenden von Menschen, die von den überwältigenden Auswirkungen des Konflikts betroffen sind.

Wir sind in der Lage, zu reagieren. Trotz der Herausforderungen, mit denen der Sudan derzeit konfrontiert ist, hat dieses Land Tausende von Geflüchteten aufgenommen und besitzt enormes Potential für positive Veränderung. Diese kann für Generationen eine bessere Zukunft bedeuten. Obwohl es überall im Land an Vielem fehlt, besteht grosses Potential für eine allgemeine Erholung, Wiederaufbau und am Ende sogar für Frieden.

Ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Wir bleiben standhaft und leisten unseren Beitrag.

 

[1]OCHA Africa Under Water: Heightened Mega Crisis 25 September 2020

[2]Sudan Humanitarian Response Plan (page 12) 12 January 2020

[3]Sudan Situation Report. OCHA, 3 December 2020.

[4] Inter-Agency Rapid Needs Assessment. 18 November 2020.

[5] Ethiopia Situation – Daily News Arrivals Update. UNHCR, 30 November 2020.


Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.