Geschichten

Hilfe für Pflegende

Die Menschen im Libanon sind von einer anhaltenden sozioökonomischen Krise betroffen. Doch die im Bekaa-Tal lebenden geflüchteten Familien, die Angehörige mit besonderen Bedürfnissen pflegen, haben in den vergangenen Jahren besonders stark unter der Krise gelitten. Da sie nur begrenzte Einkommensmöglichkeiten haben, ist es für diese Familien eine Herausforderung, angemessene Unterkünfte zu finden. Aufgrund ihrer schwierigen Lebensbedingungen sind sie zudem der Gefahr irreversibler und dauerhafter Schäden ausgesetzt.

 

«Es tut mir weh, ihn Tag für Tag leiden zu sehen. Ich tue mein Bestes, um ihm Linderung zu verschaffen, aber an den meisten Tagen habe ich das Gefühl, dass es nicht ausreicht», sagt Samra.

«Meine Familie und ich kommen aus Syrien. Wir sind direkt zu Beginn des Konflikts aus unserem Land geflohen. Dabei mussten wir alles zurücklassen. Nie hätten wir gedacht, dass der Konflikt elf Jahre andauern würde. Bei unserer Flucht dachten wir, wir würden nach ein oder zwei Jahren sicher in unsere Heimat zurückkehren können. Jetzt wissen wir, dass es dauerhaft ist. Das ist jetzt unser Alltag. Seit unserer Ankunft im Bekaa-Tal im Libanon sind wir bereits drei Mal umgezogen. Anders als viele andere hatten wir das Glück, ein Zuhause zu finden. Seit fünf Jahren wohnen wir nun in diesem Zelthaus und ich kann den Gedanken nicht ertragen, vielleicht noch einmal umziehen zu müssen. Es wäre nicht nur schwierig, sondern unmöglich, weil sich der Zustand meines Mannes zunehmend verschlechtert.»

 

«Mein Mann Mohamad ist 70 Jahre alt und leidet seit seiner Geburt an einer angeborenen Krankheit. Menschen mit dieser Krankheit haben ihr ganzes Leben lang mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Mohamad verlor als junger Erwachsener ein Bein. Ich weiss, dass das besonders schwer für ihn war, weil er so ein aktiver und tatkräftiger Mensch war. Er verfügt über ein umfangreiches landwirtschaftliches Wissen und erzählte uns immer Geschichten, wenn er von der Feldarbeit nach Hause kam. Jetzt braucht er Unterstützung beim Gehen. Ich bin immer an seiner Seite, egal, was passiert. Er schläft auf einem Bett auf dem Boden, was sehr unbequem ist. Auch kann er nicht alleine von seinem Bett aufstehen. Deshalb muss ich immer aufpassen, um ihn spät in der Nacht von seinem Bett hochzuheben und zur Toilette zu bringen. «Es tut mir weh, ihn Tag für Tag leiden zu sehen. Ich tue mein Bestes, um ihm Linderung zu verschaffen, aber an den meisten Tagen habe ich das Gefühl, dass es nicht ausreicht», sagt Samra, während sie eine blaue Tüte voll leerer verschreibungspflichtiger Medikamente hervorholt und vor sich auf dem Boden ausleert.

A floor mattress rests on the floor in a tented home

©Medair/Abdul Dennaoui

Samra fährt fort: «Unsere sechsköpfige Familie lebt zusammen in einem einzigen Raum. Ich weiss, dass wir uns hier ein Leben aufgebaut haben, und ich kann Gott nicht genug dafür danken. Aber aufgrund der derzeitigen Schwierigkeiten wird die Situation unerträglich. Gott, bitte vergib mir, dass ich das sage», sagt sie und blickt auf. «Du hast uns so viel gegeben und wir sind dir dankbar. Aber die Inflation hat die Preise in die Höhe getrieben, sodass wir gerade genug zum Überleben haben. Mir ist bewusst, dass sich dies langfristig auf uns und die Zukunft sowie das Wohlergehen unserer Kinder auswirken wird. Die Kosten für Strom, Lebensmittel und Medikamente sind so hoch wie nie zuvor. Wir können uns kaum noch etwas leisten und haben alles auf ein Minimum reduziert. Unsere Portionsgrössen haben sich verkleinert und manchmal essen wir sogar weniger Mahlzeiten pro Tag. Aufgrund der Engpässe von Arzneimitteln, bekommen wir in den Apotheken nicht einmal die Basismedikamente, geschweige denn die verschreibungspflichtigen Medikamente, die mein Mann braucht. Ich mache mir grosse Sorgen um die Gesundheit meines Mannes. Ich möchte, dass er ein gutes und gesundes Leben führt. Aber wenn ich nicht einmal die Basismedikamente für ihn bekommen kann, wird sich sein Gesundheitszustand weiter verschlechtern. Deshalb schäme ich mich nicht, um Unterstützung bitten zu müssen. Alles, was meinem Mann Linderung verschafft, bringt auch mir Erleichterung. Manchmal, wenn Mohamad schläft, setze ich mich neben ihn und bete zu Gott, dass er mir hilft, weiterhin das Bestmögliche für ihn zu tun. Ein Mann seines Alters und in seinem Zustand sollte nicht auf dem Boden schlafen müssen. Es ist tragisch, aber das ist unsere Realität», sagt Samra.

Several empty prescription medications rest on a floor in a tented home whilst a female community member holds an empty box of medication up

©Medair/Abdul Dennaoui

Viele Flüchtlingsfamilien, die sich um Angehörige mit besonderen Bedürfnissen kümmern, tragen die Hauptlast der Krise. Die Suche nach einer würdigen und sicheren Unterkunft ist für die meisten von ihnen nach wie vor eine Herausforderung. Medair hat Samras Familie ein richtiges Bett mit Matratze zur Verfügung gestellt, auf der ihr Mann Mohamad schlafen kann. Entlang des Zelts, in dem sie leben, wurde zudem eine stabiler Gehweg gebaut, um einen gut sichtbaren und ebenen Weg zum Bad der Familie zu schaffen.

In Zusammenarbeit mit dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) leistet Medair im Libanon individuelle Hilfe für Familien von Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Somit kann die Familie entlastet und ihre Abhängigkeit von Pflegekräften reduziert werden. Im Rahmen dieses Projekts wird Medair die Lebensbedingungen von fünfzig Menschen mit besonderen Bedürfnissen in Zelten im Nord-, Süd- und West-Bekaa-Tal durch die Installation von Rampen, Wegen, Handläufen, Toilettensitzen und die Bereitstellung von Toilettenstühlen, Betten und Matratzen verbessern.

A cemented pathway leading to the bathroom in a tented settlement

©Medair/Abdul Dennaoui


A person with a disability rests on a newly installed bed with a mattress

©Medair/Abdul Dennaoui

 


Die Arbeit von Medair im libanesischen Bekaa-Tal wird vom Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR), der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) und grosszügigen privaten Spendenden finanziert.

 

Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.

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