Geschichten

Herzzerreissende Erinnerungen

Wiederaufbau von Haushalten in der Ukraine

Volodymyr and Liudmyla are standing in the yard

Volodymyr und Liudmyla im Hof ihres Hauses

Im vergangenen Jahr änderte sich für die Menschen in der Ukraine das Leben innerhalb eines Augenblicks. Viele hatten keine Zeit, aus ihren Heimatstädten zu fliehen, in denen heftige Kämpfe tobten. Sie waren gezwungen, ohne Licht, Nahrung oder Mobilfunkverbindung auszukommen und suchten Zuflucht in zerstörten Häusern oder kalten Kellern. Aus Respekt vor allen Überlebenden wird diese Geschichte so erzählt, wie sie sich zugetragen hat.

«Wir lebten einen Monat lang unter Besatzung. Es war ein Monat der Hölle», sagt die 56-jährige Liudmyla.

Liudmyla und Volodymyr leben im Norden der Ukraine. Sie empfangen unser Team am Eingang ihres Hauses und laden uns ein, in ihren Garten zu kommen. Mit seinen neu eingebauten Fenstern, einem reparierten Dach und sogar blühenden Tulpen macht das Haus einen tadellosen Eindruck. Auf den ersten Blick kann man kaum erkennen, dass hier irgendetwas vorgefallen ist. Doch schon fängt das Ehepaar an zu erzählen, wie im Jahr zuvor Panzer durch denselben Garten gefahren sind, durch den wir gerade laufen. Was von der Zeit besonders in Erinnerung bleibt sind die unaufhörlichen Explosionen und das allgegenwärtige Chaos.

«Unser vierjähriger Enkelsohn war bei uns. Ich hatte wirklich Angst um sein Leben, also haben wir uns im Keller versteckt. Aber dort war es kalt, und er wurde bald krank, so dass wir zurück ins Haus gehen mussten. Wir haben im Flur geschlafen. Das war echt unbequem und wir haben versucht, es uns mit Decken etwas gemütlicher zu machen. Es war eine sehr schwierige Zeit, weil es weder Licht noch Strom gab. Unser Enkel hat uns oft gebeten, Zeichentrickfilme einzuschalten, und wir mussten ihn immer wieder daran erinnern, dass das einfach nicht möglich war. Irgendwann hat er sich daran gewöhnt», beschreibt Liudmyla die Zeit der Besatzung.

Liudmyla is standing in the backyard of her house

Liudmyla im Hinterhof ihres Hauses

Auch wenn die Angst gross war, dachte die Familie nie daran, zu fliehen. Liudmyla erklärt wieso: als Sozialarbeiterin betreut sie zehn Menschen in den Nachbardörfern, die ihr sehr am Herzen liegen und die sie schlicht nicht zurücklassen konnte. Zu ihren Schützlingen gehören ältere Leute und Menschen mit Behinderung, darunter eine Frau ohne Beine. Letztere trugen Liudmyla und ihr Mann zum Schutz in deren Keller. Auch für Verpflegung hat sie gesorgt. «Ich habe zu Hause Brot gebacken und es den Menschen gebracht, und ich habe auch Wasser für sie geholt. Das Wasserholen bringt schreckliche Erinnerungen zurück. Immer wenn es eine Pause im Beschuss gab, sind wir zum Brunnen gelaufen und haben versucht, so viel Wasser wie möglich zu holen. Sobald der Beschuss wieder einsetzte, brachten wir uns in Sicherheit», sagt Liudmyla.

«Ich habe meinen Schützlingen sogar geraten, Brot im Gefrierfach einzufrieren, weil nicht klar war, ob es möglich sein würde, wieder Brot zu kaufen», erklärt Liudmyla.

Ewig ins Gedächtnis gemeisselt sind die Bomben, die im Garten der Nachbarn landeten. «Unsere Fenster und Türen wurden herausgesprengt, und das Dach wurde weggerissen. Das Haus hat buchstäblich gewackelt. Es gab keinen einzigen ruhigen Moment. Das Echo der Explosionen war unaufhörlich», erzählt Volodymyr. Glücklicherweise hörten die Feindseligkeiten nur einen Monat nach dem Einschlag auf, sodass die Familie nur kurze Zeit in einem baufälligen Gebäude leben musste. Als Ruhe und Frieden in das Dorf zurückgekehrt waren, konnten sich Liudmyla und Volodymyr den Reparaturarbeiten widmen. Doch für das ältere Paar war dies kein einfaches Unterfangen. «Wir wussten nicht, was wir mit dem Dach machen sollten. Es war zerstört und undicht, und wir hatten Angst, dass es einstürzen könnte», sagt Liudmyla.

Volodymyr is shaking hand with Eline Rosenhart, Medair`s Funding Manager

Volodymyr schüttelt die Hand von Eline Rosenhart, Funding Manager bei Medair

«Wir waren so glücklich über den Besuch von Medair. Uns ist eine riesige Last von der Seele gefallen. Sie haben unser Dach repariert und neue Fenster eingesetzt. Ich kann gar nicht beschreiben, was das für einen Unterschied macht. Medair hilft wirklich den Bedürftigen, und ich danke Gott, dass er euch geschickt hat. Wir sind so dankbar. Ich möchte mich auch ganz besonders für das Brennholz bedanken, das meine Schützlinge bekommen haben; ich habe die Freude in ihren Augen gesehen», sagt Liudmyla.

Unser Besuch bei Liudmyla und Volodymyr neigt sich dem Ende. Wir steigen ins Auto und fahren in eine nahegelegene Stadt, um eine weitere Person zu besuchen, die Unterstützung von Medair erhalten hat. Kateryna und ihr kleiner Sohn empfangen uns in ihrem Hof – der mit Baumaterialien übersät ist – und laden uns ein, hineinzukommen. Überall stehen Kisten herum, und mir wird klar, dass sie hier nicht wohnen können, weil die Reparaturen noch im Gange sind. Auf ihrem Handy zeigt uns Kateryna Fotos, die «einen Einblick in ihr früheres Leben» bieten. Ein Bild zeigt ihren Mann, ein anderes wie sie ihren Sohn zur Schule bringen, wieder ein anderes eine Silvesterfeier, an der sie einfach ihre gemeinsame Zeit geniessen.

Kateryna is looking out the window of her house

Kateryna hat grossen Verlust erfahren. Beim Beschuss ihres Hauses wurde ihr Mann schwer verletzt, kurze Zeit später erlag er an seinen Verletzungen.

«Am 9. März 2022 wurde unser Haus zerstört. Wir haben Zuflucht bei meinen Schwiegereltern gesucht, aber nur drei Wochen später starb mein Mann an seinen Schrapnellverletzungen», erzählt Kateryna.

«Er stand in der Nähe des Hauseingangs, als der Beschuss begann. Wir sind in den Keller gerannt, aber wir hatten nicht genug Zeit und waren alle im Haus verstreut. Ich hörte Matvii [ihren siebenjährigen Sohn], schreien. Als ich mich umdrehte, sah ich meinen Mann blutüberströmt», sagt Kateryna. Sie erzählt, wie sie versuchte, ihn ins Haus zu ziehen, sich dann aber entschloss, ihn mit Hilfe eines Nachbarn ins Krankenhaus zu bringen. Leider erlag Katerynas Mann seinen Verletzungen. Seinen letzten Atemzug tat er in Katerynas Armen und vor den Augen ihres 7-jährigen Sohnes. Aufgrund des traumatischen Ereignisses wurde Matvii stumm. Lange Zeit wollte er nicht sprechen. Während sie spricht, füllen sich Katerynas Augen mit Tränen. Immer wieder wischt sie sie weg, um weitererzählen zu können.

«Am nächsten Tag begruben wir meinen Mann an dem einzigen Ort, an dem wir ihn damals begraben konnten. Nach einem Monat haben wir ihn exhumiert, und ich hatte die Gelegenheit, ihn noch einmal zu sehen, ihn zu berühren. Das Einzige, was ich noch von ihm habe, ist sein Ehering. Das Haus ist zerstört, unser Kind hat Angst und es ist schwierig, eine Arbeit zu finden. Wie kann ich weiterleben?», fragt Kateryna verzweifelt.

Kateryna is hugging her 7-year-old son Matvii

Kateryna mit ihrem 7-jährigen Sohn Matvii

In diesem Moment stürmt der kleine Matvii ins Zimmer und umarmt seine Mutter. Er lächelt, stellt sich mir vor und zeigt mir Fotos von seiner Katze. Sobald die Reparaturen abgeschlossen sind, werden Matvii und Kateryna wieder in ihr Haus einziehen.

«Mein Traum ist es, in der Ukraine zu bleiben und hier mit meinem Sohn eine Zukunft aufzubauen. Leider scheint das jetzt unmöglich zu sein, aber ich bleibe hoffnungsvoll, dass eines Tages alles wieder aufgebaut sein wird», so Kateryna.

Kateryna keeps photos of her family in her phone

Einst glücklich zu dritt: Kateryna mit ihrem Mann und Sohn im Dezember 2020. Kateryna bewahrt diese Fotos von ihrer Familie gut auf ihrem Telefon auf.

 

 


Medair hilft Betroffenen in der Ukraine bei der Instandsetzung von Unterkünften, einschliesslich des Austauschs von Fenstern und Türen sowie der Reparatur von Dächern.

Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.

CONSULTEZ NOS DERNIÈRES HISTOIRES

Kerzen der Hoffnung

Kerzen der Hoffnung

Bei Medair freuen wir uns über jede Person, der wir mit unseren Hilfsmassnahmen Trost und Kraft spenden können. Kürzlich war Lyudmyla aus der Region Kiew eine von ihnen. «Ich dachte, wir würden alle auf der Strecke bleiben. Zum Glück bietet uns Medair ganz viel...