Geschichten

Hebammendienste für geflüchtete Mütter im Libanon

Über die wichtige Rolle, die Hebammen bei der Grundversorgung für geflüchtete Frauen in informellen Siedlungen im Libanon spielen.

Eine junge erwachsene Frau sitzt in einem Wohnzelt.

Marta, 29 Jahre alt, ein syrisches Gemeindemitglied, fotografiert während einer Hebammenberatung in einem Zelt in einer informellen Siedlung in Serraaine, Nord-Bekaa, am 7. Februar 2024.   Marta ist seit sieben Wochen schwanger und setzt ihre Beratung durch die Medair-Hebamme Zeina fort, nachdem sie im von Medair unterstützten Serraaine-Zentrum für medizinische Grundversorgung in Nord-Bekaa eine erste Beratung erhalten hat. ©Medair/Abdul Dennaoui

Geflüchtete Menschen stehen vor vielfältigen Herausforderungen. Sie wurden aus ihrer Heimat vertrieben, haben auf ihrer Flucht oft traumatische Erlebnisse durchgemacht und leben nun in ihrem Aufnahmeland mit grosser Unsicherheit. Sie blicken einer ungewissen Zukunft entgegen. Der Verlust von Familienmitgliedern, vertrauten Umgebungen und Unterstützungssystemen kann zudem zu erheblichem emotionalen Stress führen und insbesondere bereits vulnerable Bevölkerungsgruppen wie Frauen und Kinder ernsthaften Gefahren aussetzen.

Während der Schwangerschaft fliehen zu müssen bringt zusätzliche Schwierigkeiten mit sich, die für werdende Mütter oft überwältigend sein können. Für eine gesunde Entwicklung des ungeborenen Kindes ist der Zugang zu wesentlichen Gesundheitsdiensten unabdingbar. Doch auf der Flucht und in einem fremden Land, in dem man rechtlich eingeschränkt ist, ist dieser Zugang häufig nicht gewährleistet oder versperrt. Um eine Schwangerschaftsvorsorge und Geburtshilfe zu erhalten, müssen geflüchtete Mütter teilweise erhebliche Hürden überwinden.

So war es auch für Marta, eine 29-jährige Syrerin, die mit ihrer Familie im Libanon Zuflucht gesucht hat. Zwar lebt sie heute in verhältnismässig sichereren Umständen, doch auch im Libanon ist die Versorgungslage unzulänglich. Die Wirtschaftskrise im Land verschlimmert sich weiter. Seit der Explosion im Hafen von Beirut im August 2020 befindet sich das gesamte Land in einer Abwärtsspirale, weshalb es auch libanesischen Familien immer schlechter geht. Sowohl die Flüchtlings- als auch die Aufnahmegemeinschaften leben mit eingeschränktem Zugang zu lebensnotwendigen Gütern wie Lebensmitteln, Gesundheitsversorgung, Bildung und Beschäftigung. Dieselben Gemeinschaften, die so uneigennützig Geflüchtete aufgenommen haben, sind nun selbst in die Krise geraten. Es sind nicht mehr genügend Mittel vorhanden, um sich adäquat um die Geflüchteten zu kümmern. Die grosse Mehrheit der Geflüchteten (89%) lebt in extremer Armut und wird mit jedem Jahr ärmer. Hinzu kommt, dass Geflüchtete keine offizielle Arbeitserlaubnis erhalten und auf legalem Weg keine Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Viele leben in Zeltunterkünften oder unter anderweitig unwürdigen Bedingungen. 

«Es ist sehr belastend, ständig Hindernisse überwinden zu müssen. Ich mache mir Sorgen über unsere Zukunft. Wie soll ich mein Kind ernähren, wenn ich mich selbst kaum ernähren kann? Ich muss zuallererst auf meine eigene Gesundheit achten, denn die Gesundheit meines Kindes hängt davon ab», sagt Marta.

A young pregnant adult woman gets her blood pressure checked by a skilled healthcare professional.

Zainab, Hebamme bei Medair, misst während der Sprechstunde Martas Blutdruck (Foto vom 7. Februar 2024). ©Medair/Abdul Dennaoui

Ich lerne Marta während einer Hebammensprechstunde in einer informellen Siedlung in Baalbek-El Hermel kennen. Die 29-jährige ist in der siebten Woche schwanger. Mit ihrer Familie lebt sie in einer überfüllten Zeltsiedlung im Bekaa-Tal – weder ein sicherer noch idealer Wohnort für eine werdende Mutter, doch eine andere Wahl hat sie nicht. Wie alle Geflüchteten im Libanon bemüht sie sich täglich, mit begrenzten Mitteln über die Runden zu kommen. Man merkt Marta die Last an, die auf ihren Schultern liegt. Ihre Gedanken kreisen um die Zukunft und sie macht sich Sorgen um das Wohlergehen ihres ungeborenen Kindes. Wie soll es inmitten dieser instabilen und chaotischen Umgebung gut und gesund aufwachsen können?

Jüngst hat Martas Familie beschlossen, ihre Mahlzeiten um eine pro Tag zu kürzen. Die Lebensmittelpreise sind so stark angestiegen, dass sie sich nicht mehr die gleiche Menge an Nahrung leisten können. Eine schwangere Frau sollte solche Nöte nicht ertragen müssen, aber Marta scheint entschlossen, für das Gemeinwohl ihrer Familie sorgen zu wollen. «Als werdende Mutter in meiner Situation ist jeder Tag ein harter Kampf», erklärt sie und ihre Augen füllen sich mit Tränen. «Die Lebensbedingungen hier sind ungewiss, und an lebensnotwendige Dinge wie Nahrung, Wasser, Strom und medizinische Dienste zu kommen ist schwierig. Es ist sehr belastend, ständig Hindernisse überwinden zu müssen. Ich mache mir Sorgen um unsere Zukunft. Wie soll ich mein Kind ernähren, wenn ich mich selbst kaum ernähren kann? Ich muss zuallererst auf meine eigene Gesundheit achten, denn die Gesundheit meines Kindes hängt davon ab.»

A young pregnant adult woman gets her blood oxygen levels checked by a skilled healthcare professional.

Während der Sprechstunde überprüft Zainab auch den Sauerstoffgehalt in Martas Blut. ©Medair/Abdul Dennaoui

Medair sorgt dafür, dass schwangere Frauen wie Marta auch inmitten dieser herausfordernden Lage Zugang zu wesentlichen Gesundheitsdienstleistungen erhalten. Unsere Hebammen besuchen die Frauen bei sich zu Hause. Marta drückt ihre Dankbarkeit für diese Dienstleistung aus: «Es ist ein Segen, dass ich trotz steigender Kosten und der anhaltenden Krise immer noch hier bin und von einer Hebamme betreut werde», sagt sie. «Weil jemand zu mir kommt, kann ich mich ganz auf meine Gesundheit und die meines Babys konzentrieren und muss mir keine Gedanken machen, wie ich mir den Transport zur Klinik leisten kann oder wie ich mich in der unsicheren Lage um mich herum zurechtfinde.»

Heute ist Medair-Hebamme Zainab zu Besuch. Dank der regelmässigen Überprüfung der wichtigsten Vitalwerte der Mutter als auch des Kindes können allfällige Probleme rechtzeitig erkannt und behandelt werden. «Heute wurde bei der Untersuchung mein Blutdruck gemessen, mein Sauerstoffgehalt und mein Blutzuckerspiegel überprüft», erklärt die werdende Mutter. «Zainab hat mich informiert, dass ich zu wenig Eisen zu mir nehme. Ich habe auch nicht genügend zugenommen und muss deshalb versuchen, in Zukunft mehr zu essen. Ohne diese Beratung heute hätte ich wahrscheinlich nichts von meinem Eisenmangel gewusst.»

Marta ist fest entschlossen, für sich und ihr ungeborenes Kind eine bessere Zukunft zu schaffen. Bei Medair freuen wir uns, wenn wir geflüchtete werdende Mütter wie Marta angesichts ihrer schwierigen Situation zumindest etwas entlasten können, indem wir ihnen eine angemessene Schwangerschaftsvorsorge und sichere Entbindungen gewährleisten. Für mich persönlich ist es ein Trost zu wissen, dass Marta von einer Fachperson betreut wird. Ich hoffe, dass Marta weiterhin eine gesunde Schwangerschaft führen und ihr Baby sicher auf die Welt bringen kann. Ich bete für einen positiven Ausgang für die beiden.

 


 

Die Gesundheitsdienste von Medair im Libanon werden durch das Deutsche Auswärtige Amt sowie durch grosszügige private Spenderinnen und Spender finanziert.

Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.

 

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