VORGESTELLTE GESCHICHTEN | Geschichten

Eine Geflüchteter im eigenen Land; Geschichten aus dem Konflikt

Der Konflikt, der Anfang 2015 begann, dauert nun schon sieben Jahre. Heute ist der Jemen die schlimmste humanitären Krise der Welt. Für die Menschen im Land ist die Situation besonders schlimm. Bereits vor derm Konflikt gab es im Jemen viele Probleme. Das Land gehörte zu den ärmsten Ländern in der arabischen Welt. Das Gesundheitssystem war untererntwickelt, Wasser war knapp und die politische Lage war angespannt. Heute sind bei einer Bevölkerung von 30 Millionen Menschen über zwei Drittel auf humanitäre Hilfe angewiesen. Insgesamt wurden seit Beginn des Konflikts im Jemen über vier Millionen Menschen im eigenen Land vertrieben und die Krise dauert an.

In einem der Lager für Binnenvertriebene im Gouvernement Aden leben über 350 Menschen, die vor der Gewalt an der Westküste geflohen sind. Sie leben nun schon das fünfte Jahr in diesem Lager, lebensnotwendige Grundgüter sind Mangelware.

Die Binnenvertriebenen im Jemen leben quer durch das Land verteilt in über 1700 Lagern. Nur die Hälfte davon wird von humanitären Hilfsorganisationen unterstützt. ( reliefweb.int) 2022* und die Lebensbedingungen sind hart. Ein Lager mitten in der Stadt Aden befindet sich in einem zerstörten Lagerhaus. Dort leben heute mehr als 350 Menschen , die vor dem Konflikt fliehen mussten. Viele Andere leben seit 2017 in Zelten  und es mangelt an grundlegenden Dingen wie Unterkünften, Decken, sauberem Wasser und Latrinen. Die provisorischen Unterkünfte sind aus Büschen und Ästen aus der Wüste oder aus Plastikplanen und anderen auf Müllhalden gesammelten Materialien gebaut. Sauberes Trinkwasser ist entweder knapp oder nur in sehr begrenzten Mengen verfügbar. In dieser staubigen Umgebung leben viele Menschen ohne Latrinen und Duschen.

Ein während des Konflikts zerstörtes Lebensmittellager beherbergt nun Binnenvertriebene. Das für Schulungen zuständige Team von Medair besuchte das Lager für eine Sensibilisierungskampagne und eine Reinigungsaktion.

«Wir haben keine Tücher, mit denen wir uns tagsüber vor der Sonne und Hitze schützen könnten», sagt Salamah, eine der Tausenden Binnenvertriebenen in Aden Zuflucht. «Nachts wird es kalt und meine Kinder haben keine Kleidung, die sie warmhalten könnte. Ausserdem bekommen sie nicht genug zu essen. Wir haben kein gemauertes Haus. Es ist nur ein Zelt, das den Wind nicht abhält und uns nicht vor der Sonne schützt, vor allem im Sommer, wenn die Temperatur auf über 40 Grad steigt. Ich flehe zu Gott.»

Salamah, 68 Jahre alt und eine ältere Bewohnerin des Lagers. Sie hat fünf Kinder. «Ich lebe seit 2017 hier und stehe immer noch unter Schock, weil ich fast alles verloren habe, eingeschlossen meinem Haus und unserer Arbeit. Ich frage mich immer, wann ich in mein Dorf zurückkehren kann.»

«Die Lage im Jemen ist unvorhersehbar. Wir hatten gehofft, dass wir dieses Jahr in unser Dorf, in unser Leben zurückkehren könnten, denn die Landminen wurden endlich geräumt, und die Frontlinie ist jetzt weit weg. Doch Anfang dieses Jahres wurde unsere kleine Stadt erneut zum Schauplatz von Kampfhandlungen und unsere Hoffnung auf eine Rückkehr schwand. Das war ein Schock für uns», sagt Ameen, der Vertreter des Lagers von Mualla im Gouvernement Aden. Durch die Eskalation des Konflikts gibt es immer weniger sichere Orte für die Zivilbevölkerung. Tausende von Familien werden immer wieder neu zur Flucht gezwungen. Im ganzen Land gibt es über 50 aktive Frontlinien.

«Als Lagersprecher kenne ich die Probleme, die die Menschen hier durchmachen; wie sie sich fühlen, was sie verloren haben, wie sie hier leben. Niemand will in einem Camp leben, aber wir haben keine andere Wahl und ich versuche immer, so viel Unterstützung wie möglich für die Menschen hier zu bekommen.» Der freiwillige Helfer Ameen, 33, zusammen mit Mahmood, WASH-Beauftragtem von Medair, im Binnenvertriebenenlager in Aden.

«Der Konflikt hat unser Leben verändert. Jetzt versuchen wir einfach, unter diesen Bedingungen zu überleben. Es ist schwer, wenn man von einem Moment zum anderen alles verliert. Früher habe ich in meiner Stadt an der Westküste lokale Süssigkeiten produziert und als Sozialarbeiter gearbeitet. Jetzt bin ich nur noch ein Mann, der in einem Zelt lebt und versucht, seinen Leidensgenossen zu helfen. Die Kinder können nicht zur Schule gehen. Einer ganzen Generation wurde die Zukunft geraubt. Die Eltern können sich diesen Luxus nicht leisten. Die meisten Menschen im Lager haben nur eine Mahlzeit pro Tag, zwei wenn sie Glück haben. Wer krank wird, kann sich keine Medikamente leisten. Die Situation ist ausweglos, auch für die Menschen, die nicht vertrieben wurden. Die Wirtschaft des Landes ist zusammengebrochen, die Währung befindet sich im freien Fall und die Lebensmittelpreise haben sich seit Beginn des Konflikts verdoppelt», sagt Ameen, 33 Jahre alt und Lagersprecher von Mualla im Gouvernement Aden.

«Ich lebe jetzt seit fünf Jahren hier. Ich musste mit meinen beiden Kindern aus dem Haus fliehen, sie waren noch Babys. Als die Familie meiner Frau vor einem Jahr, nachdem die Zusammenstösse aufgehört hatten, zurück ging, um nach dem Haus zu schauen, wurden sie alle durch Landminen getötet. Jetzt kümmern meine Familie und ich uns um ihre kleinen Kinder. Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, wie es uns geht. Wir leben gerade noch so.» Abdullah ist 32 Jahre alt und lebt im Binnenflüchtlingslager im Gouvernement Aden

«Ich warte, dass endlich humanitäre Hilfe ankommt, damit meine Familie versorgt wird. Meine Arbeit reicht einfach nicht aus, um meine Kinder zu ernähren. Seit einem Monat hatten meine Familie und ich keine richtige Mahlzeit mehr. Wir würden alle Hilfsangebote annehmen, aber zurzeit ernähren wir uns nur von Tee und Brot.» Abdullah ist Vater von drei Kindern und wohnt seit 2017 im Lager. Er ist aus seinem Dorf geflohen, nachdem sein Schwager und seine Frau bei Zusammenstössen mit Mörsergranaten in ihrem Dorf getötet wurden. Jetzt hat er Angst, zurückzukehren, und wenn er es doch täte, hat er keine Arbeit. Der grösste Teil des Dorfes ist zerstört und verlassen.

Die Region an der Westküste, aus der die Binnenvertriebenen stammen, ist seit jeher arm und es mangelt an Infrastruktur und Dienstleistungen. Die meisten Menschen arbeiten in der Fischerei und der Landwirtschaft. Der Konflikt hat unvorstellbares Elend über die Menschen gebracht, sagt Salwa: «Wir waren glücklich auf unserem kleinen Bauernhof. Wir hatten jeden Tag zu essen und ein Dach über dem Kopf. Jetzt ist alles verloren.»

Salwa: «Als wir nach Aden geflohen sind, mussten meine Familie und ich uns zwei Tage lang auf dem Hof meiner Schwester verstecken, weil unser Dorf zum Schlachtfeld geworden war. Meine Schwester wurde von einer Kugel getroffen wurde, wir konnten nichts für sie tun.»

«Ich weiss nicht, wie der Konflikt angefangen hat und warum meine Schwester auf so schreckliche Weise getötet wurde. Was konnte sie dafür? Sie hat doch nichts getan. Niemand versteht unsere Situation und was wir durchmachen. Es ist schwer, aber wir leben, weil wir uns gegenseitig helfen. Keiner wollte dieses Leben. Es kam zu uns. Ich kann damit umgehen, aber die Kinder nicht. Sie brauchen eine saubere Unterkunft. Sie müssen in die Schule gehen. Sie müssen sich sicher fühlen, und sie brauchen zu essen. Deshalb muss der Konflikt aufhören. Wir sind Bürger dieses Landes, keine Geflüchteten.»

Seit 2015 sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen bereits rund 233 000 Zivilisten durch den Konflikt ums Leben gekommen, darunter über 130 000 Menschen durch den Mangel an Nahrungsmitteln und lebenswichtigen Versorgungsleistungen. Der Bedarf an humanitärer Hilfe im ganzen Land ist gleichbleibend hoch und es gibt immer wenige sichere Orte für Geflüchtete. Nur wenigen Menschen im Jemen sind Schutz, Sicherheit, und ihre Grundrechte gewährt. Das ist besonders schwer für diejenigen, die durch Gewalt vertrieben wurden. ( www.CFR.org ) 2022*

Seit 2015 sind nach Schätzungen der Vereinten Nationen bereits rund 233 000 Zivilisten durch den Konflikt ums Leben gekommen, darunter über 130 000 Menschen durch den Mangel an Nahrungsmitteln und lebenswichtigen Versorgungsleistungen. Der Bedarf an humanitärer Hilfe im ganzen Land ist gleichbleibend hoch und es gibt immer wenige sichere Orte für Geflüchtete. Nur wenigen Menschen im Jemen sind Schutz, Sicherheit, und ihre Grundrechte gewährt. Das ist besonders schwer für diejenigen, die durch Gewalt vertrieben wurden. ( www.CFR.org ) 2022*

Fatima, 30 Jahre alt, lebt seit der Errichtung im Jahr 2017 in diesem Lager. «Ich wurde von einer Kugel in die Wange getroffen als ich die Kartoffeln auf unserem Hof erntete und unser Haus von Mörsergranaten getroffen wurde. Meine Schwester und mein Vater wurden dabei getötet wurden. Jetzt kümmere ich mich um den Sohn meiner Schwester. Ich hoffe, dass sich die Situation bessert, damit der Junge in einem normalen Haus aufwachsen kann und nicht in einem Zelt.»

«In meinem Leben ist der Tod normal geworden.  Ich wurde bei der Kartoffelernte auf unserem Feld von einer Mörsergranate getroffen. Mein Vater und meine Schwester sind dabei gestorben. Seitdem habe ich den letzten Funken Hoffnung verloren. Es war Zeit fürs Mittagessen und ich war verletzt. Die Leute aus dem Dorf haben mich in eine Gesundheitseinrichtung gebracht. Ich habe drei Monate gebraucht, um mich zu erholen. Ich konnte nicht zurück. Die Strasse war voller Landminen. Ich konnte mich von meinem Vater und meiner Schwester nicht mehr verabschieden. Ich bin mit einer Freundin in dieses Lager gekommen. Jetzt ist es mein Zuhause, zusammen mit dem Sohn meiner Schwester, die gestorben ist, als er gerade mal drei Jahre alt war», sagt Fatima, eine Bewohnerin des Lagers von Mualla im Gouvernement Aden.

Zamzam, 30 Jahre alt: «Ich habe immer noch Alpträume von der Nacht, in der unser Haus und unsere Nachbarschaft von Mörsergranaten getroffen wurden. Mein Freund wurde getötet und viele Menschen wurden verletzt. Wir haben nichts getan, aber wir haben alles verloren. Ich bin mit meiner Schwester hierhergekommen. Ein Teil meiner Familie ist in ein anderes Lager in Al-Hodeida gegangen. Wir hoffen, dass der Konflikt endet, damit wir unser Leben zurückbekommen.»

«Wir alle leiden, und als Frauen leiden wir noch mehr. Wir haben keine richtige Unterkunft und kein Wasser, geschweige denn von einer sauberen Umgebung. Ich bin die einzige Frau in diesem Lager mit einer Ausbildung. Mit Hilfe von NGOs wie Medair habe ich deshalb die Verantwortung dafür übernommen, das Lager sauber zu halten. Medair stellt uns wichtige Hygienesets und Putzmaterialien zur Verfügung, damit wir alles sauber halten können. Nach der Aufklärungsveranstaltung im Lager helfen die anderen auch gerne mit. Wir säubern unser Lager wöchentlich, um Krankheiten vorzubeugen, die unsere Probleme noch verschlimmern würden. Wir sind der Gewalt entkommen, nur um nun mit den harten Lebensbedingungen hier zu kämpfen. Wir hoffen, dass wir zurückkehren und uns ein neues Leben aufbauen können. Gott sei uns gnädig», sagt Zamzam, eine Bewohnerin des Lgers von Mualla im Gouvernement Aden «hoffentlich ist der Konflikt bald vorbei.»

Aufgrund der anhaltenden Kämpfe werden sichere Orte für die Zivilbevölkerung immer weniger. Tausende von Familien sind immer wieder neu auf der Flucht. Im ganzen Land gibt es mehr als 50 aktive Frontlinien, von denen allein 2021 über 157 000 Menschen betroffen waren, insbesondere in den Gouvernements Marib, Hudaydah und Taizz. ( reliefweb.int ) 2022*

 

Medair versorgt die Menschen im Jemen mit lebensnotwendigen Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung sowie mit Wasser, Hygiene und Sanitär.

 

Programm von Medair im Jemen


Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.