Geschichten

Die Hoffnung nicht aufgeben

Medair unterstützt Binnenvertriebene in der Ukraine durch das Programm «Alternative Housing Solutions», welches es den Menschen dank der Bereitstellung von Bargeldhilfe erleichtert, sich eine eigene Wohnung zu leisten.

Aufwachen in einem Alptraum

Am Morgen des 24. Februar 2022 wachten Yulia und ihre Familie auf wie an jedem anderen Tag. Doch ein Blick auf ihr Telefon machte Yulia sofort klar, dass es kein Tag war wie jeder andere. Zahlreiche verpasste Anrufe und Nachrichten von Freunden und Verwandten deuteten darauf hin, dass etwas Schreckliches passiert war – ihre Stadt wurde angegriffen.

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Yulia (40) blickt aus ihrem Fenster in Winnyzja, wo sie mit ihrem Mann und zwei Söhnen Zuflucht gefunden hat.

«Wir hatten noch keine Explosionen gehört, da stürmte meine Frau herein und sagte: ‹Deine Cousine ruft an, und sie sagt, es ist Krieg. Warum schläfst du noch›? Ich antwortete lachend und fragte: ‹Welcher Krieg›? Wir konnten es nicht glauben. Es dauerte eine Weile, bis wir begriffen, dass wir die Stadt verlassen mussten. Wir wohnten im Stadtzentrum, und uns war noch nicht ganz bewusst, wie ernst die Lage war», erklärt Yulias Mann Serhii.

 

Die schrecklichen Zeiten überleben

Die vierköpfige Familie suchte Schutz in ihrem Keller. Aus Tagen wurden Wochen – und ihnen gingen Nahrung und Wasser aus. Von Zeit zu Zeit wagte sich Yulias Mann nach oben, um nach dem Rechten zu sehen.

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Yulia mit ihrem Mann Serhii und ihren zwei Söhnen.

«Nach einer Weile, als der Beschuss unseres Stadtteils begann, fiel der Strom aus. Es gab keinen Strom, alles war abgeschaltet. Wir konnten nicht einmal die Nachrichten lesen, um zu erfahren, was passiert war oder was wir tun sollten. Der einzige Weg, an Informationen zu kommen, war aus dem Fenster zu schauen. Draussen sahen wir, wie Häuser brannten und andere schreckliche Ereignisse. Wir hielten an der Hoffnung fest, dass all das Grauen bald ein Ende haben würde und wir in unser Leben zurückkehren könnten», so Serhii.

«Eines Nachts geschah etwas Schreckliches. Während wir schliefen, fiel ein Stück einer Fliegerbombe direkt vor unser Fenster. Zum Glück ist sie nicht explodiert, aber wenn sie explodiert wäre, hätten wir das nicht überlebt. Eine ähnliche Bombe hatte am Tag zuvor ein Gebäude in der Nähe unseres Hauses getroffen. Es war dadurch eingestürzt und hatte alle, die im Keller Schutz gesucht hatten, in den Tod gerissen», so Yulia.

In diesem Moment fühlten sie sich verängstigt – und gefangen. Sie versuchten, die Stadt mit anderen zu verlassen, aber die Bombenangriffe machten dies unmöglich.

«An diesem Tag nahm ich mein Fahrrad, um die Stadt zu erkunden und weitere Informationen zu sammeln. Was ich sah, war entsetzlich – die Gebäude waren völlig niedergebrannt. Ich kehrte mit Tränen in den Augen nach Hause zurück. Ich wusste, dass ich meine Familie zusammensuchen und die Stadt verlassen musste, da uns hier niemand verschonen würde. Wir schlossen uns mit anderen Gruppen zusammen und machten Pläne, um die Stadt zu verlassen. Aber am Schluss wurde uns gesagt, dass es zu gefährlich sei. So lebte unsere Familie mehr als zehn Tage lang im Keller und wartete auf Nachrichten über unsere Fluchtaussichten», sagte Serhii.

Ein Hoffnungsschimmer

Im März hörte Yulia ein Gerücht, dass sie die Stadt vielleicht verlassen könnten. «Schliesslich kontaktierten wir jemanden, um uns nach der Möglichkeit zu erkundigen, die Stadt zu verlassen. Er sagte uns, es sei möglich, aber wegen der Landminen gefährlich. Am nächsten Tag überprüfte mein Mann unsere Garage, und wir hatten Glück, dass unser Auto intakt war und Benzin hatte. So viele Menschen hatten nicht genug Benzin oder ihre Batterien wurden gestohlen, und so mussten sie ihre Autos zu Hause stehenlassen», erklärt Yulia.

Sie fügte hinzu: «Mein Mann sagte: ‹Sollen wir jetzt gehen und versuchen zu fliehen, oder sollen wir in der Stadt bleiben und den möglichen Tod in Kauf nehmen›? Inzwischen gingen unsere Lebensmittel- und Wasservorräte zu Ende, und unsere Kinder waren krank, aber wir hatten keine Medikamente.»

Am nächsten Tag verliessen sie die Stadt. Am 14. März kamen sie in einem kleinen Dorf in der Oblast Winnyzja in der Zentralukraine an. Endlich waren sie in Sicherheit.

Ein neuer Anfang

Das Leben im Dorf war ganz anders als ihr altes Stadtleben, aber mit der Zeit gewöhnten sie sich zunehmend daran. Die Wohnbedingungen waren jedoch für die Familie nicht ideal. Sie mussten als Familie in einem einzigen Zimmer leben und sehnten sich nach einer eigenen Wohnung. «Als wir in dem Dorf in der Oblast Winnyzja ankamen, empfahl uns ein Freund, in einen Kindergarten zu ziehen. Dort wäre es ruhig, friedlich, warm und vor allem sicher. Wir verbrachten dort ein Jahr. Mein Mann fand eine Arbeit als Elektriker, aber es war immer noch eine ländliche Gegend, und wir konnten unseren Kindern nicht die Art von Ausbildung bieten, die sie brauchten. Auch das Zusammenleben in einem Zimmer war eine Herausforderung», sagt Yulia.

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Yulias Familie gemeinsam mit Mitarbeitenden von Medair. Die Familie ist sehr dankbar für die Unterstützung durch Medair, die es ihnen ermöglicht hat, in eine geeignetere Wohnung umzuziehen.

Sie fuhr fort: «Eines Tages kamen einige Leute von einer humanitären Organisation in den Kindergarten. Eine freundliche junge Frau kam auf mich zu und stellte mir einige Fragen zu unserer Wohnsituation. Sie erzählte mir von Medair und dass diese Organisation Menschen in Not eine Wohnung zur Verfügung stellt. Zufälligerweise hatten mein Mann und ich schon überlegt, wohin wir umziehen und wie wir eine eigene Wohnung mieten könnten. Aber wir wollten keine überstürzte Entscheidung treffen, weil all das viel Geld kosten würde. Später rief uns jemand von Medair an und sagte, dass sie uns mit Bargeldhilfe für eine eigene Wohnung unterstützen könnten. Wir waren überglücklich und dankbar für diesen Anruf. Das war wie ein Hoffnungsschimmer in unserem Leben», sagt Yulia.

 

Träume und das Unbekannte

Kurze Zeit später konnte Yulias Familie in eine Drei-Zimmer-Wohnung ziehen. In ihrem neuen Zuhause konnten sie neue Kraft tanken. Es war ein langer Weg bis hierher gewesen, und es würde auch noch länger etwas holprig bleiben. Doch sie gaben die Hoffnung nicht auf. Sie glaubten, dass die schrecklichen Zeiten eines Tages vorbei sein würden und ihre Kinder neu anfangen könnten.

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Yulias Söhne Oleksandr (13) und Maxim (9). Oleksandr hält eine Eidechse in der Hand, die er sich als Haustier zugelegt hat.

«Als wir in die Wohnung zogen, waren wir sehr glücklich. Endlich hatten unsere Kinder und wir unsere eigenen Zimmer. Unsere Kinder konnten an Schulaktivitäten teilnehmen und Ausflüge machen. Die Bedingungen hier kamen unserem früheren Leben zumindest etwas näher. Wie alle anderen träumen wir von dem Tag, an dem all das Grauen ein Ende hat und wir das Leben unserer Kinder allmählich wieder aufbauen können», sagt Yulia.

Die neue Wohnung hat es Yulia auch ermöglicht, in einem der drei Zimmer ein Nagelstudio zu eröffnen, und dadurch zusätzlich etwas Lebensunterhalt zu verdienen. Medair arbeitet weiterhin mit Yulia zusammen und bietet ihr Möglichkeiten für ihre Entwicklung und die ihrer Familie.

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Yulia mit einer Kundin in ihrem Nagelstudio, das sie in einem der Zimmer ihrer neuen Wohnung eingerichtet hat.

Obwohl Yulia und ihre Familie sehr schwierige Zeiten durchlebt haben, sind sie ein Beispiel dafür, wie widerstandsfähig Menschen inmitten von Notlagen sein können – und wie Organisationen wie Medair das Leben von notleidenden Menschen positiv beeinflussen können.

 


Die Massnahmen von Medair in der ukrainischen Stadt Winnyzja werden vom Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (UNHCR) finanziert.

Alle Fotos ©Medair / Diana Mukan

Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar

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