Geschichten

CEO-BLOG: Zum Einsatz von Medair in der Ukraine

Inmitten zahlreicher menschlicher Krisen Raum für Unterstützung schaffen

Die Lage in der Ukraine schockiert die Welt weiterhin. Unser Nothilfeteam ist sowohl innerhalb des Landes als auch an der polnischen Grenze im Einsatz. Wir stärken die breiten Bemühungen Freiwilliger und leisten physische und psychische Unterstützung für Vertriebene aus der Ukraine.

Einige haben gefragt, ob Medair in Osteuropa gebraucht wird. Wir haben zwar schon im Kosovo, in Tschetschenien und Nordossetien geholfen – unser Engagement für die Vulnerabelsten führt uns aber eher in ärmere Gegenden der Welt.

Eine ältere Frau mit Kopftuch steht in einer überfüllten Aufnahmestelle für Geflüchtete in Polen.

Eine ältere Frau steht in einer überfüllten Aufnahmestelle für ukrainische Geflüchtete in Polen.

 

Die Entscheidung, wo wir helfen, hängt von drei Faktoren ab: dem Ausmass der Not, der Gefährdung und der Bewältigungskapazität. Mit schätzungsweise 18 Millionen betroffenen Menschen gehört die Ukraine zu den schlimmsten humanitären Krisen der Welt. Ein Drittel der Hilfsbedürftigen im Land sind ältere Menschen – der höchste Anteil aller Krisen weltweit. Bisher konnte die Ukraine mit wirtschaftlichen und strukturellen Herausforderungen umgehen, doch durch den Konflikt schwinden die Ressourcen im Land und auch Nachbarländer sind angesichts der Anzahl der Geflüchteten überfordert. All diese Faktoren veranlassen uns zum Handeln.

Unser Nothilfeteam setzt sich für die dringendsten Bedürfnisse der verzweifelten Menschen aus der Ukraine ein. Gleichzeitig sorgen wir uns über den Mangel an Aufmerksamkeit für andere grosse humanitäre Krisen. Möglicherweise ist die schnell eskalierende Notlage am Horn von Afrika Ihrer Aufmerksamkeit entgangen. Dort sind derzeit 13 Millionen Menschen aufgrund einer historischen Dürre vom Hungertod bedroht. In Afghanistan sind 24 Millionen Menschen in grosser Not, in Äthiopien sind es 25 Millionen und im Jemen 20 Millionen. Der Fokus der Medien liegt verständlicherweise auf den Ereignissen in Europa, doch wir dürfen  vergessene Krisen in anderen Teilen der Welt nicht ignorieren.

 

Ein Pflegeassistent von Medair misst den Armumfang eines kleinen Buben, der von seinem Vater gestützt wird.

Ein Pflegeassistent von Medair untersucht ein Kind im Jemen auf Unterernährung. Seit der Eskalation des Konflikts im Jahr 2015 leidet der Jemen unter einer der grössten humanitären Krisen der Welt.

Parallel zu den Berichten über die katastrophale Lage in der Ukraine hören wir von ernsthaften Finanzierungsengpässen oder Kürzungen bei anderen Krisen. Diese werden sich durch die Auswirkungen des Konflikts in der Ukraine wahrscheinlich noch verschlimmern. Die Ukraine ist mit seinen fruchtbaren Böden seit langem ein wichtiger globaler Getreidelieferant: Der Jemen beispielsweise importiert die Hälfte seines Weizens aus der Ukraine und Russland, während der Libanon 60 % seines Weizens aus der Ukraine bezieht. Der durch den Konflikt in der Ukraine verursachte Versorgungsengpass wird die Preise für Lebensmittel und Brennstoffe weltweit in die Höhe treiben, wodurch Hunger – vor allem in ärmeren Ländern, die auf Importe angewiesen sind – erheblich zunehmen wird.

Bei all den laufenden Diskussionen über die möglichen globalen Auswirkungen des Ukraine-Konflikts kann es schwierig sein, die menschliche Krise von ihren politischen Auswirkungen zu trennen. Als neutrale und unparteiische humanitäre Organisation ist es jedoch unsere Aufgabe, Ressourcen allein auf der Grundlage des Bedarfs zuzuweisen. Wir können nicht zulassen, dass Politik, Medienaufmerksamkeit oder die öffentliche Stimmung Einfluss auf unsere Entscheidungen nehmen. Ein Land mag auf der Weltbühne eine bestimmte Rolle spielen, doch Länder bestehen aus Menschen. Alle Menschen sind gleich und niemand verdient unsere Hilfe mehr als andere. Vor Gewalt geflüchtete Menschen sehen uns manchmal ähnlich, manchmal auch nicht. Die einzige wichtige Frage für humanitäre Helfer ist daher: wie dringend wird Unterstützung benötigt?

Die überwältigende internationale Anteilnahme an den Menschen in der Ukraine ist ermutigend. Sie ist eine willkommene Erinnerung daran, für unsere Mitmenschen da zu sein – selbst nach den zwei Jahren einer weltweiten, allseits belastenden Pandemie. Wir müssen aber noch weiter gehen. Unsere Besorgnis über die aktuelle Krise darf uns nicht blind machen für das Leid andernorts.

Deshalb bemühen wir uns um eine Ausweitung unserer Aktivitäten, damit wir sowohl Notleidende in der Ukraine erreichen können, als auch unsere Anstrengungen in Afghanistan, im Jemen und in vielen anderen Ländern verdoppeln. So überwältigend es auch ist, mit so vielen Krisen gleichzeitig auf unsere Welt konfrontiert zu werden, Mitgefühl muss unparteiisch sein. Wenn irgendjemand leidet, hat das Auswirkungen auf uns alle.