Geschichten

CEO-Blog: Wenn Hunger Innovation erfordert

Im Jahr 2018 begegnete ich der neun Monate alten Nyakuma in einer unserer Ernährungskliniken im Südsudan. Mary, Nyakumas Mutter, war drei Stunden zu Fuss gelaufen, um eine der von uns unterstützten Ernährungskliniken zu erreichen und Nyakuma wegen akuter Unterernährung behandeln zu lassen.

Nyakuma selbst war aufgeweckt und fröhlich, und ihr Lachen war ansteckend.

In letzter Zeit denke ich oft an Nyakuma und Mary zurück. Ich frage mich, wo sie jetzt sind, und ob Nyakuma so glücklich ist wie damals, als ich sie zum ersten Mal traf. Mehr als alles andere interessiert mich jedoch, ob sie genug zu essen haben.

Die Hungerkrise verschärft sich

Das Jahr 2020 wird wegen trauriger Ereignisse in die Annalen eingehen. Die globale Pandemie. Neue und völlig unerwartete humanitäre Krisen, wie diejenige, die sich nach der Explosion im Zentrum von Beirut entfaltete. Und nun – die sich ausweitende Hungerkrise.

Hunger war schon vor Ausbruch der globalen Pandemie ein grosses Problem. Konflikte, prekäre Sicherheitslagen und Klimakatastrophen führen dazu, dass immer mehr Menschen auf der ganzen Welt hungern. COVID-19 jedoch hat diese Situation noch einmal verschärft. Lockdowns, der Verlust von Arbeitsplätzen, der Unterbruch der landwirtschaftlichen Produktion und des Vertriebs der erzeugten Produkte auf den Märkten (neben anderen Faktoren) haben dazu beigetragen, dass die Zahl der durch Hunger gefährdeten Menschen bis Ende 2020 immens angestiegen ist. Das Welternährungsprogramm schätzt, dass bis Ende Jahr rund 270 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sein könnten, doppelt so viele wie Ende 2019 prognostiziert. Es ist zu befürchten, dass mehr Menschen an den mit COVID-19 verbundenen Hungerkrisen sterben werden als an COVID-19 selbst.

Wir verfügen über jahrelange Erfahrung in der Umsetzung lebensrettender Ernährungsinterventionen in Ländern, die von Konflikten, prekären Sicherheitslagen und Naturkatastrophen betroffen sind. Aber bei einer Hungerkrise dieses Ausmasses müssen wir alles in unserer Macht Stehende tun, um zu versuchen, Tod und Leid durch Unterernährung zu verhindern. Das bedeutet, dass wir neue Herangehensweisen brauchen.

Hunger und Innovation

Wir arbeiten mit der Innovationsabteilung eines internationalen Transportunternehmens zusammen, um eine feldtaugliche, superpräzise Babywaage zu entwickeln, die so genau ist, dass sie den Gewichtsunterschied bei einem Säugling vor und nach dem Stillen feststellen kann. Diese Waage wird während Ernährungsnotlagen in speziellen stationären Einrichtungen für die am schwersten von Unterernährung betroffenen Kinder eingesetzt, die für ihr Überleben eine 24-Stunden-Betreuung benötigen. Die genaue Kenntnis der minimen Gewichtsunterschiede bei gestillten Säuglingen kann einen essentiellen Unterschied im Genesungsprozess ausmachen und liefert uns auch wichtige Informationen über die Milchmenge der Mutter. Genaue Waagen zur Gewichtsbestimmung verbessern die Chancen des Säuglings, die Unterernährung zu überleben und zu einem gesunden Kind heranzuwachsen.

Wir haben auch unsere Ernährungsinterventionen angepasst, um die Verbreitung von COVID-19 in gefährdeten Gemeinschaften zu verhindern. Geschulte einheimische Mitarbeitende nehmen mit einem speziellen Massband Messungen vor, um Kinder auf Unterernährung zu untersuchen. Angesichts der Pandemie und den damit verbundenen Abstandsregeln sind wir nicht immer in der Lage, diese Messungen selbst vorzunehmen. Wir arbeiten deshalb verstärkt mit den Bezugspersonen der Kinder zusammen, um sicherzustellen, dass sie einerseits Hygienepraktiken wie regelmässiges Händewaschen verstehen, andererseits zeigen wir ihnen jedoch auch, wie sie selber diese Messungen vornehmen können. So sind die Bezugspersonen in der Lage, die Ernährungssituation ihres Kindes zu Hause zu überwachen und wissen, wann sie sich für eine Behandlung in eine Ernährungsklinik begeben sollten. Auf diese Weise verhindern wir nicht nur die Verbreitung von COVID-19, sondern befähigen die Familien auch, Unterernährung früher und bereits zu Hause zu erkennen.

Natürlich tun wir weiterhin alles, was in unserer Macht steht, um die Ausbreitung von COVID-19 in gefährdeten Gemeinschaften zu verhindern. In Bangladesch bieten wir zum Beispiel weiterhin grundlegende medizinische Versorgungsdienste für gefährdete Familien an. In Afghanistan führen wir Informationsveranstaltungen durch, die dazu beitragen, Gerüchte, Mythen und Missverständnisse über die Verbreitung des Virus zu zerstreuen. Im Südsudan helfen wir Familien mit einem bestätigten oder vermuteten Fall von COVID-19 mittels telefonischen Beratungsgesprächen und einem telefonbasierten Unterstützungssystem. Noch vor einem Jahr hätten wir nie erwartet, dass wir humanitäre Interventionen im Umfeld einer globalen Pandemie planen müssten. Da wir jedoch in der Lage waren, unsere Herangehensweise und damit unsere Programme rasch der neuen Situation anzupassen, konnten wir grösstenteils unsere lebenswichtigen Leistungen aufrechterhalten und gleichzeitig die Ausbreitung eines Virus verhindern, das verheerende Auswirkungen auf zahlreiche Gesundheitssysteme, lokale Märkte und in besonderem Mass auf hungerleidende Menschen weltweit hat.

Als humanitäre Organisation können wir weder Konflikte noch Klimakatastrophen oder COVID-19 stoppen. Wir müssen jedoch alles in unserer Kraft Stehende tun, um innovative Methoden zu finden, damit Unterernährung in den von diesen Krisen am stärksten betroffenen Gemeinschaften frühzeitig erkannt und behandelt werden kann. Wir haben eine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass Kinder wie Nyakuma die bestmöglichen Lebenschancen haben – und das bedeutet unter anderem, ständig nach neuen Wegen zu suchen, um inmitten einer der schwersten Hungerkrisen unserer Zeit, wirkungsvolle Lösungsansätze zu entwickeln.


[1] World Food Programme to assist largest number of hungry people ever, as coronavirus devastates poor nations. WFP, 2020.

[2] Global Report on Food Crises. Global Network Against Food Crises, 2020.

[3] The Hunger Crisis. Oxfam, 2020.

 

Die Inhalte dieses Artikels stammen von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten sowie am internationalen Hauptsitz. Die Meinungen entsprechen ausschliesslich den Ansichten von Medair und damit nicht unbedingt auch dem offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen.

270 MILLIONEN MENSCHEN SIND IM JAHR 2020 VON HUNGER BEDROHT

SIE KÖNNEN EIN LEBEN RETTEN.