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Zur aktuellen Lage: Wie wir auf die Tigray-Krise im Sudan reagieren

Unser Team berichtet aus dem Bundesstaat Gedaref im Sudan.

Der in der äthiopischen Region Tigray eskalierende Konflikt hat seit November 2020 Zehntausende von Familien zur Flucht gezwungen. Viele flohen in den benachbarten Sudan, wo wir vor kurzem unser Länderprogramm wieder aufgenommen haben, um den unter den anhaltenden Auswirkungen des Konflikts leidenden Familien zu helfen. In Koordination mit anderen humanitären Organisationen haben wir versucht, in die Gebiete vorzudringen, in denen sich die Geflüchteten aufhalten. Inzwischen konnten wir die Lager besuchen und bereiten die Unterstützung der vertriebenen Familien vor.

Wir haben Folgendes festgestellt:

Der Zustrom von Geflüchteten hält an

Seit Beginn des Konflikts sind täglich mehr als 700 Geflüchtete eingetroffen. Für die Unterbringung dieser Menschen hat die sudanesische Regierung fünf Lager eingerichtet: Drei in der Nähe der Grenze zu Äthiopien für neu Angekommene (Hamdayet, Village 8 und Wad Al Mahi) und zwei Langzeitlager, Um Raquba und Tunaydbah. Die neu Angekommenen werden später von den drei Grenzlagern in die beiden Langzeitlager gebracht. Die Kapazität des Lagers in Um Raquba war am 30. Januar mit über 20 500 Geflüchteten erschöpft. Tunaydbah hat mit knapp 13 500 Geflüchteten noch etwas Platz. Wir konzentrieren uns derzeit auf die Unterstützung der Menschen in Tunaydbah. Die Vereinten Nationen gehen von bis zu 40 000 Geflüchteten aus, die bald in diesem schnell wachsenden Lager untergebracht werden müssen.

Enormer humanitärer Bedarf

Viele äthiopische Geflüchtete, denen wir begegneten, flohen mit wenig mehr als den Kleidern, die sie am Leib trugen. Wer Glück hat, hat ein Handy. Die vertriebenen Familien brauchen Unterstützung bei der Unterbringung, Haushaltsgegenstände wie Decken und Kochutensilien, sowie grundlegende Hygieneartikel wie Seife und Zahnbürsten. Mit der herannahenden Regenzeit ist der Bedarf an diesen Dingen besonders dringend und für viele Menschen hängt das Überleben von der Sicherung ihrer Unterkünfte ab.

Wir haben zudem festgestellt, dass sanitäre Einrichtungen wie Toiletten und eine bessere Hygiene dringend zur Verhinderung von durch Wasser übertragbaren Krankheiten notwendig sind. Ausserdem ist eine nachhaltige Wasserversorgung erforderlich. Die einzige Quelle für sauberes Trinkwasser sind momentan aufblasbare Wasserbecken, die mehrmals am Tag von Tanklastern gefüllt werden. «Die Wasserqualität ist zwar gut, aber der Transport ist sehr teuer», erklärt Damon, Leiter unseres Nothilfeteams im Sudan. «Wir brauchen alternative Lösungen.»

Massnahmen in den Bereichen Gesundheit und Ernährung sind im Moment besonders wichtig. «Im Lager Tunaydbah ist der Bedarf enorm», berichtet unsere Gesundheits- und Ernährungsexpertin für das Sudan-Programm. «Infektionskrankheiten wie Malaria, Atemwegserkrankungen und Durchfall sind im Lager weit verbreitet. Angesichts der Umstände wird mit zunehmenden Depressionen, Stress und Angstzuständen unter den Geflüchteten auch der Bedarf an psychosozialer Unterstützung steigen.» Viele der Geflüchteten sind seit über drei Monaten im Sudan und ihre finanziellen Mittel sind erschöpft. Sie leben von den vom Welternährungsprogramm bereitgestellten Grundnahrungsmitteln. Dies hat verheerende Folgen für Kleinkinder: Inzwischen sind mehr als 100 Kinder im Lager akut unterernährt.

Einzigartige Gastfreundschaft

Die Folgen der Krise für die Menschen sind gravierend. Nach wie vor flüchten äthiopische Familien täglich auf der Suche nach einem sicheren Ort vor dem Konflikt über die Grenze. Die Gastfreundschaft der sudanesischen Bevölkerung gegenüber den Geflüchteten ist ausserordentlich. Bereits in den 1980er Jahren, als der Konflikt zwischen Regionalkräften und der äthiopischen Zentralregierung ausbrach, suchten viele Familien aus Tigray in diesen Gegenden Schutz. Aus dieser Zeit haben viele Geflüchtete noch Familie vor Ort, sowie gemeinsame Verwandte mit der lokalen sudanesischen Bevölkerung und sprechen dieselbe Sprache.

Die Geflüchteten aus Tigray kommen aus unterschiedlichsten Verhältnissen. Viele sind sehr gebildet. Oft wird uns berichtet, wie fruchtbar Tigray sei. Selbst die Ärmsten haben zehn Kühe – ein Zeichen für Wohlstand und Stabilität. «Wenn ich im Lager Tunaydbah unterwegs bin und mit Geflüchteten spreche, treffe ich auf Ingenieure, Lehrer, medizinische Fachkräfte und Geschäftsinhaber», sagt Damon. «Die meisten haben eine gute Ausbildung genossen und eine ausgezeichnete Allgemeinbildung. Sie haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren.»

Die Situation bleibt komplex

Einfache humanitäre Krisen gibt es nicht und diese ist leider besonders komplex. Die Situation in Tigray begann als interne Krise und zog rasch in ganz Ostafrika Kreise. «Wir wissen, dass immer noch viele Menschen aus dem Tigray in Äthiopien leben, die Berichten zufolge eine Flucht in den Sudan für zu gefährlich halten», so Damon. Organisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch berichten über Fälle von Gewalt, Tötungen, Diebstahl und Vandalismus in der gesamten Tigray-Region. Um der Tausenden aus ihrer Heimat geflüchteten Familien willen hoffen wir, dass die Situation nicht weiter eskaliert und eine stabile Lösung gefunden wird.

Wir setzen uns mit aller Kraft dafür ein, dass die vor dem Konflikt in Tigray geflüchteten Familien lebenswichtige Unterstützung in den Bereichen Gesundheit und Ernährung, sowie Zugang zu sauberem Wasser erhalten.

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Titelfoto ©Medair / Joost Bastmeijer


Der Einsatz von Medair im Sudan wird von der Glückskette, dem Centre for Disaster Philanthropy, dem Fürstentum Liechtenstein und grosszügigen privaten Spendern finanziert.

Die Inhalte dieses Artikels stammen von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten sowie am internationalen Hauptsitz. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.