«Wir sind wie Schwestern»

Eine besondere Begegnung zwischen zwei Frauen im Südsudan

Eine besondere Begegnung zwischen zwei Frauen im Südsudan

Klatsch, klatsch. Winzige Händchen klopfen von hinten auf meinen Rücken, dann streichen erdverschmutzte Fingerchen über das Tattoo auf meinem Handgelenk. Gekicher. Ich lächle den Kindern zu und versuche gleichzeitig, mit meinen Teamkollegen Schritt zu halten. Das ist gar nicht einfach, denn hier im Lager Mangateen sehe ich überall interessante Menschen und Dinge, die ich unbedingt mit meiner Kamera festhalten möchte. Wieder halte ich inne. Ich drehe mich um, beuge mich zu den Kindern hinunter. Sie lachen und quietschen, barfuss rennen sie Staubwolken aufwirbelnd davon. Ihre Neugierde überrascht mich nicht. Schliesslich bin ich heute die einzige Ausländerin hier – und somit für die Kinder eine seltene Attraktion.

Es ist mein erster Einsatz in Juba, der Hauptstadt des Südsudans, und mein drittes Projekt seit ich 2016 in der humanitären Hilfe angefangen habe. Aus Berichten meiner Kollegen weiss ich, dass ein Südsudan-Einsatz oft Helikopterflüge beinhaltet, dass man oft Sümpfe und Flüsse mit dem Kanu durchqueren muss, um Bedürftige in abgelegenen Gebieten zu erreichen. Damit verglichen kann meine 15-minütige Anfahrt von unserem Hauptquartier hierher wohl kaum als richtiger «Feldbesuch» bezeichnet werden. Trotzdem wollte ich mir diese Erfahrung nicht entgehen lassen. Heute werden wir mit Vertretern der Gemeinschaft besprechen, wie wir ihnen am besten helfen können. Ob sie Gebrauchsgüter direkt im Camp verteilt erhalten möchten, oder ob ihnen Gutscheine für den lokalen Markt mehr bringen – das entscheiden die Hilfsbedürftigen selbst.

Die Teilnehmer des Treffens leben seit August 2018 in diesem inoffiziellen Lager. Rund 1500 von ihnen wurden nach Konflikten zwischen verschiedenen Stammesgruppen in ein grosses Schutzzentrum im Norden des Landes umgesiedelt. Die Neuankömmlinge harren jetzt in einer riesigen, dunklen, offenen Lagerhalle aus. Wir werden zwei verschiedene Treffen abhalten. Meine Kollegin trifft sich mit einheimischen Frauen, ein männliches Teammitglied spricht mit den Männern. Vierzehn Frauen setzen sich auf Plastikstühlen im Schatten eines Baumes zusammen. Ein Übersetzer ist dabei, der sowohl Englisch als auch die einheimische Sprache Nuer beherrscht. Auch ich darf mich dazusetzen.

Sofort fallen mir die Ornamente auf den Gesichtern der Frauen auf. Obwohl ich schon von den einheimischen Skarifizierungs-Zeremonien gehört habe, sehe ich die traditionellen Punkte und Linien heute zum ersten Mal. Mit ihrer beeindruckenden Körpergrösse und den langen Gliedmassen haben die Frauen eine fast königliche Ausstrahlung. Ich bin sofort hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, ihre Schönheit mit Fotos festzuhalten und dem Bedürfnis, meine Kamera wegzulegen und einfach im Hier und Jetzt bei ihnen zu sitzen und zu erfahren, wo die Würde, sie sie in sich tragen, herrührt.

Während des Gesprächs fassen die Frauen Vertrauen und fühlen sich von Minute zu Minute wohler in unserer Gegenwart. Meine Kollegin, die selbst aus dem Südsudan stammt, gibt den Frauen die Möglichkeit, ihre Antworten auf unsere Fragen in kurze Geschichten zu packen, so wie es in ihrer Kultur üblich ist. Ich kann es nicht lassen, zücke meine Kamera und dokumentiere das Treffen aus verschiedenen Blickwinkeln. Ich fasse mir ein Herz und frage eine der Anwesenden, ob ich ein Porträtfoto von ihr machen darf. Erst deute ich auf mein Objektiv, danach auf sie und frage: «Okay?». Sie nickt und schaut ernst in die Linse.

Am Ende des Treffens habe ich dutzende Frauenporträts im Kasten. Es gab viel zu lachen. Auch konnte ich ein paar Fragen dazu stellen, wie ihr Leben vor dem Konflikt aussah. Die Frauen erzählen mir von ihren Feldern, die nach jedem Regen aufblühten. Von üppigen Obstbäumen und Flüssen voller Fische, mit welchen ganze Familien problemlos ernährt wurden. Plötzlich meldet sich eine Frau zu Wort und zeigt auf mich. Sie heisst Mary. Durch den Übersetzer sagt sie, dass sie mir etwas mitteilen möchte. Ich werde unruhig. Sie streckt ihren langen Arm und ihre anmutige Hand aus und zeigt direkt auf meine Brust, dorthin, wo mein Herz sitzt. Ihre Augen sprechen Bände. Es geht um Würde. Hoffnung. Vertrauen.

«Schwester, wir sind gleich, du und ich. Der Unterschied ist, dass du gebildet bist – und ich hilfsbedürftig». Ich spüre einen Kloss in meinem Hals, meine Augen werden feucht. «Ich vertraue dir, weil du mit deiner Kollegin hergekommen bist, um mit uns zu reden. Wenn eine Frau die Sorgen einer anderen Frau mitbekommt, schaut sie nicht tatenlos zu. Sie handelt. Das weiss ich, und deshalb vertraue ich dir». Ich nicke, stimme ihr sprachlos zu.

Das ist es. Genau deswegen bin ich hierhergekommen. Ich kam, um meine gewohnten Ansichten zu hinterfragen und die Grenzen meines Mitgefühls neu zu definieren. Ich wurde von einer mir weitegehend unbekannten Frau als Schwester bezeichnet. Einer unglaublich starken Frau, die im krisengeschüttelten Südsudan die Hoffnung nicht aufgibt. Einer Frau, die sich zum wiederholten Male bereit erklärt, mit Fremden ins Gespräch zu kommen und ihre persönlichen Fragen zu beantworten. Fragen, die ihr von verschiedenen Ausländern immer wieder gestellt wurden – und ihrem Land bisher doch nicht wirklich weitergeholfen haben. Im Gespräch mit Mary wurde mir einmal mehr deutlich vor Augen geführt, dass wir Menschen alle gleich sind. Ganz egal, ob wir Tattoos oder Gesichtsmarkierungen tragen, verschiedene Schönheitsideale hegen oder unterschiedliche Vorstellungen von Familie und Liebe haben.

Handeln Sie heute und tun Sie das Ihnen Mögliche, um Frauen in Krisenregionen weltweit zu unterstützen.