Wer hört mir zu?

Wir trafen Nova während einer Selbsthilfegruppe für psychische Gesundheit in einem der fünf von Medair unterstützten sozialen Entwicklungszentren in der Bekaa-Region. Sie sass im Kreis mit vielen anderen aus Syrien geflüchteten Frauen, die gespannt auf den Beginn des Treffens warteten. Khouloud Abbas, Medair-Beauftragte für psychosoziale Unterstützung, erklärte, jede teilnehmende Frau spreche bei diesen Treffen über ihre Probleme, ihre Gefühle und wie sie mit Stress umgeht. «Jede Geschichte lehrt uns etwas Neues. Vor allem aber geben die Gespräche den Frauen die Möglichkeit, ihren Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu geben, und darüber nachzudenken, welche Aspekte ihres Lebens sie verbessern möchten», sagt Khouloud. Die Gespräche finden im geschlossenen Kreis statt, so haben wir Nova im Anschluss daran getroffen, um ihre Geschichte zu erfahren.

«Wie kann ich meinem Mann mein Herz ausschütten, wenn er mehr Probleme hat als ich? Ich will ihn nicht noch mehr belasten», sagt Nova.

«Ich wurde 2013 mit meiner Familie aus Syrien in die Gegend von Marj im Bekaa-Tal vertrieben. Ich wollte nicht weg. Ich war glücklich in Syrien. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke, wie glücklich wir in Syrien waren. Die Erinnerungen bringen mich immer zum Lächeln. Leider sind dies heutzutage die einzigen Momente. Mein Mann und ich standen uns immer sehr nahe und freuten uns darauf, eine bessere Zukunft für unseren damals einjährigen Sohn aufzubauen. Mit einem Schlag wurden wir all unserer Hoffnungen beraubt», sagt Nova.

Nach ihrer Flucht aus Syrien, sagt Nova, habe ihre Familie versucht, mit den wenigen vorhandenen Mitteln das Beste aus der Situation zu machen. Die Wirklichkeit acht Jahre später sieht anders aus. Die Krise im Libanon eskaliert und die Menschen können kaum mehr ein Einkommen zu erzielen. Der Alltag von Novas Familie ist hart. Das belastet leider auch die Beziehung zu ihrem Mann.

«Ich habe die Verbundenheit zwischen uns immer sehr geschätzt. Wenn man jemanden hat, der einen versteht und zuhört, macht das das Leben sehr viel einfacher. Aber wie soll ich meinen Mann mein Herz ausschütten, wenn er mehr Probleme hat als ich? Ich möchte ihn nicht noch mehr belasten. Deshalb behalte ich alles für mich, aber es frisst mich innerlich auf. Ich kann nichts dagegen tun. Der Stress durch die Pandemie, der wirtschaftliche Niedergang des Libanon, der Anblick meiner Kinder zuhause ohne die Chance auf Bildung – sie können nicht einmal lesen und schreiben. Das frisst mich innerlich auf, und ich habe niemanden, dem ich mein Herz ausschütten könnte. Deshalb habe ich dankbar die Gelegenheit ergriffen, heute an der Selbsthilfegruppe teilzunehmen. Ich glaube, dass mir die Gespräche helfen werden, besser mit unseren Problemen umzugehen. Und wenn es mir besser geht, kann ich vielleicht auch meine Familie besser unterstützen», meint Nova hoffnungsvoll.

Das erste Treffen mit der Selbsthilfegruppe im sozialen Entwicklungszentrum in Marj stimmt Nova zuversichtlich. Im Anschluss an das Treffen gibt sie ihrem Dank Ausdruck.

«Ich habe mich schon lange nicht mehr so gefühlt. Diese Schmetterlinge im Bauch, das muss doch gut sein, oder?», sagt Nova verschmitzt. Dann fährt sie fort: «Ich bin ich sehr froh, dass ich heute an dem Treffen teilgenommen habe, und freue mich schon auf die nächsten Sitzungen. Es hat gutgetan, mit Leuten, denen es ähnlich geht wie mir, über meine Probleme zu sprechen und mein Herz auszuschütten. Wenn man in einer Seifenblase lebt, vergisst man, dass auch andere mit Problemen zu kämpfen haben. Diese Frauengruppen sind einfach großartig und ich freue mich darauf, mehr mit den anderen zu teilen. Ich hoffe, dass durch diese Treffen und alles, was ich dabei lerne, auch die Beziehung zu meinem Mann wieder enger wird. Ich hoffe, dass wir wieder offen miteinander reden können. Sie merken es vielleicht nicht, aber ich lächle», sagt Nova, und ihre Augen funkeln auf eine Weise, die ihr Lächeln erahnen lassen.

Medair unterstützt fünf Kliniken in Zentral-, West- und Nord-Bekaa, um den Zugang zur medizinischen Grundversorgung zu verbessern. Daneben unterstützt Medair vom Sozialministerium betriebene Kliniken in sozialen Entwicklungszentren mit Personal, Medikamenten, Ausrüstung und Beratung und hilft beim Aufbau lokaler Kapazitäten.


Die psychosoziale Unterstützungsarbeit von Medair im Bekaa-Tal im Libanon wurde ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung der Europäischen Union über den regionalen Treuhandfonds der Europäischen Union «MADAD».

Das Covid-19-Impfprojekt wird mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union, der Glückskette und privater Stiftungen sowie mit Sachspenden von UNICEF durchgeführt. Gesundheitseinrichtungen im Bekaa-Tal werden von Global Affairs Canada in Partnerschaft mit Tearfund Canada unterstützt.