Geschichten

Vier Lektionen, die ich als Frau in der humanitären Hilfe gelernt habe

Am internationalen Flughafen in Kabul wartete ich auf meinen Koffer. Plötzlich tauchte er auf dem Gepäckband auf, und ich bückte mich schnell, um ihn herunterzuheben.

Dabei verrutschte mein Kopftuch und bevor ich reagieren konnte, löste es sich ganz und glitt zu Boden. Ich war gerade gelandet und freute mich sehr auf meinen ersten Einsatz mit Medair. Dass ich mich gleich zu Beginn meines ersten humanitären Engagements so blamieren würde – damit hatte ich nicht gerechnet. Nach einem kleinen «Kurs» meiner Kolleginnen im Kopftuchbinden beherrschte ich diese Fertigkeit dann rasch – ein erster winziger Schritt auf meiner steilen Lernkurve als humanitäre Helferin in Zentralasien und im Nahen Osten.

Folgende vier Lektionen wurden mir während meiner Zeit in den Projektgebieten besonders wichtig:

Männer und Frauen machen unterschiedliche Erfahrungen

Als Frau durfte ich bei Hochzeiten, Geburtstagsfesten und sogar im Rahmen der Projektaktivitäten Dinge erleben, die meinen männlichen Kollegen verwehrt blieben. Im libanesischen Bekaa-Tal sass ich beispielsweise bei einer geflüchteten schwangeren Syrerin im Zelt, als eine Hebamme bei ihr einen Ultraschall durchführte. Während die Männer draussen warteten, teilte ich mit der werdenden Mutter ihre Freude, als sie zum ersten Mal den Herzschlag ihres Babys hörte. Nicht nur als Frau, sondern auch als Mitarbeiterin aus dem Ausland geniesse ich gewisse Vorteile. Als «Expat» ist es mir zum Beispiel erlaubt, an traditionell «männlichen» Veranstaltungen teilzunehmen, an Versammlungen von Gemeindevorstehern zum Beispiel. Besonders schöne Erinnerungen habe ich jedoch an die Momente, die nur für uns Frauen bestimmt waren, an Dinge, die nicht an die «grosse Glocke» gehängt werden. Nie werde ich die Ausgelassenheit der afghanischen Frauen vergessen, als wir uns während einer Hochzeit alle in ein Zelt drängten und sie mir beizubringen versuchten, wie man in ihrem Land tanzt. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, wie steil die Lernkurve bei mir in diesem Bereich war…

Du bekommst viele neue Brüder, die aufpassen

«Wir von Medair sind wie eine grosse Familie. Auch wenn ihr aus einem anderen Land kommt – wir machen keinen Unterschied», versicherte mir Tabesh* bei unserem ersten Treffen in Kabul. Wie Tabesh* kümmerten sich auch meine anderen männlichen Kollegen während meines gesamten Afghanistan-Aufenthalts rührend um mich. Sie erklärten mir geduldig die lokalen, gesellschaftlichen Bräuche und schauten immer wieder bei mir vorbei. Wenn ich mich irgendwo unwohl oder unsicher fühlte, wichen sie nicht von meiner Seite. Als meine öffentlichen Begleiter haben sie gar häufige Reisen zum Basar auf sich genommen!

Als wir ein Lager im zentralen Hochland Afghanistans besuchten, wollten die Männer sicherstellen, dass wir Frauen nicht alleine durch die Dunkelheit zur Toilette gehen müssen. Viel Aufhebens wurde gemacht, bis die Toilette im Innern des Lagers wieder funktionierte. Der Haken? Auf dem Boden lag noch viel Baumaterial herum und wir mussten bei jedem nächtlichen WC-Gang einen regelrechten Hindernisparcours um Zementsäcke und Vorräte herum absolvieren… Die gute Absicht war jedoch auf jeden Fall vorhanden!

Du lernst, dich laufend an neue Kleidungsstile anzupassen

An das tägliche Kopftuchtragen in Afghanistan gewöhnte ich mich ziemlich schnell. An andere Bräuche im Nahen Osten musste ich mich langsamer herantasten. Zum Beispiel variiert der Kleidungsstil von Land zu Land, manchmal sogar von Region zu Region. Zum Glück konnte ich auf die endlose Geduld und gute Beratung meiner Kollegen zählen. Heute besitze ich dank ihrer Hilfe lange schwarze Abayas, glitzernde Tuniken, Burkas – und enganliegende Jeans. Ob Sie es glauben oder nicht, es gab eine Zeit, in der ich meine Freude kaum noch zügeln konnte, mein Kopftuch perfekt auf mein Outfit abzustimmen!

Du arbeitest mit inspirierenden Frauen zusammen

In vielen Regionen des Nahen Ostens und Zentralasiens sind Frauen im öffentlichen Raum wenig sichtbar. Frauen, die arbeiten möchten, müssen vielerorts grosse Hürden überwinden. Bei Medair arbeiten viele inspirierende Frauen, die mich meine persönlichen Nöte im Projektgebiet vergessen lassen: Latifa* ist Pflegefachkraft in Südafghanistan. Sie gibt alles für ihre Patienten, obwohl die Sicherheitsbeschränkungen manchmal ihre Reise zu ihnen sehr schwierig machen. Meine Kollegin Reine Hanna leitet ein innovatives Projekt im Libanon und hat mit ihrem Team Tausende informelle Flüchtlingssiedlungen kartiert. Und Sarah, eine unserer Gesundheitsbeauftragten in Jordanien, setzt die Werte von Medair bei ihrer Arbeit Tag für Tag konkret in die Tat um.

Seit sich mein Kopftuch am Flughafen von Kabul löste, sind einige Jahre vergangen. Ich habe in der Zwischenzeit die verschiedensten Länder bereist und unzählige Tassen Chai-Tee getrunken. Immer wieder haben mich die Menschen, die ich kennenlernte, beeindruckt. Über die Konflikte in ihren Heimatregionen wird in den Medien rege berichtet. Umso schöner finde ich es, dass ich als Frau in der humanitären Hilfe regelmässig hinter die Kulissen blicken darf.


Die Inhalte dieses Artikels stammen von Medair-Mitarbeitenden in den Einsatzgebieten sowie am internationalen Hauptsitz. Die in diesem Artikel geäusserten Meinungen entsprechen ausschliesslich den Ansichten von Medair und nicht zwingend auch dem offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen.