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Südsudan: Wir dürfen die psychische Gesundheit in der humanitären Hilfe nicht vernachlässigen

Nach Jahren gewaltvoller Konflikte und Zwangsvertreibungen tragen viele Südsudanesen tiefe psychologische Narben. Das Trauma, das ein Mensch erlebt hat, kann für das Auge unsichtbar sein – seine Auswirkungen sind jedoch weitreichend.

In diesem von Narben gezeichneten Land mit einer Bevölkerung von über 11 Millionen Menschen gibt es nur drei ausgebildete Psychiater und nur wenige psychiatrische Dienste.

Wir baten Nyathioma, Projektleiterin für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung, über ihre Arbeit zu berichten, die Menschen dabei unterstützt, sich von erlittenem Trauma zu erholen und sie dazu befähigt, ihr Leben wiederaufzubauen.

 

Warum ist es so wichtig, die psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung in die humanitäre Hilfe einzubinden?

Wenn wir an die menschliche Gesundheit denken, neigen wir dazu, nur das zu betrachten, was mit dem Auge wahrgenommen werden kann. Aber da ist noch so viel mehr. Unsere psychische Gesundheit, das, was in unserem Inneren geschieht, ist ebenso wichtig. Ich glaube, dass es ohne psychische Gesundheit keine echte Gesundheit gibt. Menschen, die psychisches Leid oder ein Trauma erleben, sind oft nicht in der Lage, sich zu entfalten oder sich voll und ganz am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen.

Das Gebiet im Südsudan, in dem ich arbeite, ist seit Jahren immer wieder mit Konflikten und Gewalt konfrontiert. Viele Menschen haben geliebte Menschen verloren und mussten ihr Zuhause und ihre Lebensgrundlage aufgeben, um vor den Kämpfen zu fliehen. Nach Jahren der Gewalt sind die Gemeinschaften einem hohen Mass an traumatischem Stress ausgesetzt. Und dann gibt es auch Menschen, die von schwereren psychischen Problemen wie Psychosen, Depressionen und Epilepsie betroffen sind, die aber nirgendwo Hilfe bekommen können.

Vor diesem Hintergrund wird einem klar, dass die Versorgung der Menschen mit Nahrungsmitteln, Unterkünften und sauberem Wasser nicht ausreicht, um ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen zu können. Psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung sind unerlässlich. Sie hilft den Menschen und letztlich der Gemeinschaft als Ganzes, das Erlebte zu verarbeiten und sich in Würde zu erholen.

 

Erzählen Sie uns doch etwas darüber, wie Sie und Ihr Team Menschen dabei helfen, sich von ihren emotionalen Verletzungen zu erholen.

Wir haben ehrenamtliche Selbsthilfegruppen für Mütter eingerichtet, die von Moderatorinnen geleitet werden und an denen insgesamt fast 5000 Frauen teilnehmen. In diesen Gruppen finden sie einen sicheren Rahmen, ihre traumatischen Ereignisse zu verarbeiten, indem sie sich untereinander

über belastende Erfahrungen, Gefühle und Herausforderungen des Lebens austauschen. Dabei wird ihnen bewusst, dass sie nicht allein schwere Lasten tragen, und sie lernen voneinander, wie sie mit traumatischem Stress, Trauer und Angst umgehen können.

Generell sollten Aktivitäten im Bereich der psychischen Gesundheit und der psychosozialen Unterstützung mit bereits bestehenden Gemeinschaftsstrukturen verknüpft werden. Dies ist wirksamer und leichter umsetzbar. Die Müttergruppen bauen oft auf etablierten Beziehungen zwischen Frauen in der Gemeinschaft auf. Dies trägt dazu bei, Unterstützungsnetzwerke zu schaffen, die nicht auf Hilfe von aussen angewiesen sind, sondern die Gemeinschaft und ihre einzelnen Mitglieder wirklich von innen heraus stärken und so die Wahrscheinlichkeit einer dauerhaften und nachhaltigen Unterstützung erhöhen.

Unsere Klinikmitarbeitenden vor Ort wurden auch speziell geschult, so dass sie in der Lage sind, Aufgaben im Bereich der psychischen Gesundheit und der psychosozialen Unterstützung zu übernehmen. Die mhGAP-IG (Mental Health Gap Action Programme-Intervention Guide)-Schulung wurde von der WHO und dem UNHCR speziell für Gesundheitspersonal in humanitären Einrichtungen konzipiert, die nicht auf psychische Gesundheit spezialisiert sind. Die Gesundheitsmitarbeitenden werden damit befähigt, psychische und neurologische Störungen sowie Suchtmittelmissbrauch zu beurteilen und erste Hilfe zu leisten.

 

Foto: Nyathioma (Mitte) nimmt an einer von den Medair-Kollegen James und Puol moderierten Sitzung der Müttergruppe teil (vor COVID-19)

 

Welchen Unterschied macht Ihre Arbeit?

Die Leute erzählen uns, wie sich die psychosoziale Betreuung auf ihr Leben ausgewirkt hat. Frauen, die die Mütterselbsthilfe-Gruppen besuchen, berichten, dass sie, wenn sie Rückblenden von den traumatischen Ereignissen in der Vergangenheit haben, diese nun besser verarbeiten können. Und dass sie jetzt wissen, wie sie gesunde Bewältigungsmechanismen anwenden können, was ihnen hilft, negative Umgangsformen mit Stress, wie z.B. Isolation von der Aussenwelt, zu vermeiden. Wenn die Mütter widerstandsfähiger werden, wirkt sich das auf die ganze Familie aus und hilft allen, sich zu erholen und zurück ins Leben zu finden.

Daneben unterstützen wir auch Menschen, die mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben. Zum Beispiel waren wir mit einer Frau aus einem Dorf in Kontakt, die unter häufigen Halluzinationen und erschwerter Impulskontrolle litt. Ihr Mann bat uns um Hilfe, und nachdem sie von geschultem Klinikpersonal untersucht worden war, wurde bei ihr eine Psychose diagnostiziert und entsprechende Medikamente konnten verabreicht werden. Mittlerweile ist sie in der Lage, am Familienleben teilzunehmen und sich um ihre Kinder zu kümmern. Das hat für diese Frau und ihre Familie einen enormen Unterschied gemacht. Es kommen auch eine ganze Reihe von Menschen in die Klinik, die an Epilepsie leiden. Ihr Leben hat sich nach der Einnahme von Medikamenten wesentlich verbessert.

Wenn die Gemeinschaft sieht, dass sich die Situation der Betroffenen durch die Behandlung verbessert, dann findet eine Entmystifizierung im Zusammenhang mit psychischen Gesundheitsproblemen statt. Die Gemeinschaft erkennt, dass es sich bei den Problemen um eine Krankheit und nicht beispielsweise um das Ergebnis eines religiösen Fluchs handelt.

Grosse Hoffnung macht sich breit, wenn ganze Gemeinschaften wieder zurechtkommen und genügend innere Kraft wiedergewonnen haben, um Schritte vorwärts zu machen.

Foto: einige Frauen aus einer von Medair gegründeten Mütter-Gesprächsgruppe (vor COVID-19)

Welche Herausforderung stellt sich Ihnen, wenn Sie auf die Menschen zugehen?

Die Regionen, in denen ich arbeite, sind abgelegen und eine gute Supervision deshalb schwierig. Die meisten dieser Gebiete sind während der Regenzeit nicht zugänglich. Es gibt auch keine Telefon- oder Internetverbindung. Die Patienten müssen manchmal mehrere Stunden oder sogar Tage reisen, um die psychiatrische Versorgung in unseren Kliniken in Anspruch nehmen zu können. Dies ist sehr herausfordernd für sie und birgt das Risiko, dass sie unsere dringend benötigten Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen.
Foto: Das Gebiet, in dem Nyathioma arbeitet, ist sehr abgelegen und schwer zu erreichen

 

Was sollte die Öffentlichkeit am Welttag der psychischen Gesundheit über die psychische Gesundheit erfahren?

Das Thema des diesjährigen Welttages der psychischen Gesundheit lautet: «Psychische Gesundheit für alle; mehr Investitionen – besserer Zugang».

Die aktuelle COVID-19- Pandemie führt uns die Bedeutung der psychischen Gesundheit vor Augen. Beinahe von einem Tag auf den anderen mussten Menschen mit neuen Realitäten in vielen Lebensbereichen zurechtkommen. Viele erlebten dabei ein erhöhtes Mass an Angst, Furcht, Trauer oder gar Depressionen. Jeder von uns kann dabei auf seine ganz persönliche Weise der Pflege seiner eigenen psychischen Gesundheit und der seiner Mitmenschen Priorität einräumen. Ich hoffe, dass wir alle das, was wir in dieser Coronazeit gelernt haben, nutzen, um Möglichkeiten zu identifizieren, mehr in die psychische Gesundheit zu investieren, und gemeinsam darauf hinzuarbeiten, dass psychische Gesundheit als Menschenrecht für alle verfügbar wird.
Foto: Einige Medair-Mitarbeitende des Teams für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung und Frauen aus den Müttergruppen (vor COVID-19)

 

Was bewegt und motiviert Sie zu dieser Arbeit?

Ich war schon immer davon fasziniert, wie stark sich der Zustand unseres psychischen Wohlbefindens auf unser Verhalten und unser gesamtes Leben auswirken kann. Nach meinem Abschluss in Psychologie im Jahr 2013 arbeitete ich zunächst in einer Gesundheitseinrichtung in meiner Heimatregion Nairobi. Mir wurde jedoch klar, dass ich mich mehr zu Menschen in unterversorgten Gemeinschaften hingezogen fühlte, und so schloss ich mich einem humanitären Hilfseinsatz im Flüchtlingslager Dadaab an. Danach zog ich für die Arbeit in den Südsudan.

Im Südsudan gibt es viele Menschen, die Furchtbares durchlebt haben und sich gegenwärtig in einer sehr schwierigen Lage befinden. Doch der menschliche Geist ist widerstandsfähig, und psychische Gesundheit und psychosoziale Interventionen können das Leben der Menschen wirklich positiv verändern. Im Südsudan inspiriert mich die Hoffnung, der ich unter den Menschen begegne, und die

Leidenschaft meiner Kollegen aus der Region, die immer wieder die Extrameile gehen, um das Wohlbefinden ihrer Gemeinschaften zu verbessern.

Im Gespräch mit den Menschen, die wir erreichen, erfahre ich, welche Auswirkungen unsere Arbeit auf ihr Leben hat – dann macht alles Sinn, was wir tun. Das macht alle Anstrengungen lohnenswert.

Manchmal können globale Krisen überwältigend erscheinen, und ich stelle mir die Frage, ob unsere Arbeit wirklich etwas bewirkt. Aber wenn ich sehe, wie sich durch unseren Einsatz das Leben eines Menschen und damit vielfach auch der Rest der Gemeinschaft verändert, werde ich daran erinnert, wie gewinnbringend meine Arbeit ist.