Konflikt in Nordostsyrien vertreibt Tausende Menschen über die Grenze in den Irak

Die meisten Menschen im Nordosten Syriens wurden von den erneuten Militäroperationen Anfang Oktober völlig überrumpelt. Familien flohen Hals über Kopf und wurden von ihren Liebsten getrennt.

Die meisten Menschen im Nordosten Syriens wurden von den erneuten Militäroperationen Anfang Oktober völlig überrumpelt. Familien flohen Hals über Kopf und wurden von ihren Liebsten getrennt.

  • Seither haben mehr als 14 000 Flüchtlinge aus dem Nordosten Syriens die Grenze in den Irak überquert. Bis auf ein paar persönliche Gegenstände mussten sie ihr ganzes Hab und Gut zurücklassen.
  • In den kommenden Tagen und Wochen werden mehrere Tausend weitere Flüchtlinge erwartet.
  • Bei 75 Prozent der Geflüchteten handelt es sich laut Schätzungen von UNHCR um Frauen und Kinder. Sie sind von Krisensituationen in der Regel am schwersten betroffen.

Zum ersten Mal auf der Flucht

Mohammed, ein ehemaliger Bauarbeiter, ergriff vor kurzem zum ersten Mal seit Ausbruch der Syrienkrise die Flucht.

Bald dauert die Syrienkrise bereits neun Jahre an. Noch immer werden zahlreiche Menschen gewaltvoll in die Flucht getrieben: Als eine Bombe nur 75 Meter von Mohammed entfernt einschlug, wusste der ehemalige Bauarbeiter, dass er sein Dorf in Nordostsyrien umgehend verlassen musste: «Ich rannte nach Hause zu meiner Familie, wir packten unsere Sachen und flohen. In Syrien sind wir nicht mehr sicher», berichtet der Familienvater. An dem Tag verliess die Familie ihre Heimat – das Dorf, in dem Mohammed seinen zwei Töchtern Yasmine und Dibler ein sicheres Leben ermöglichen wollte.

Kein sicherer Ort

Die dreijährige Haifa umklammert Medikamente, die Medair ihrer Familie bei der Ankunft im Irak im Oktober überreichte.

Einige Familien mussten schon mehrfach fliehen, weil sie nirgends einen sicheren Zufluchtsort finden konnten und sie die Gewalt immer wieder einholte.

So auch Layla und Razum, die nach den Militäroperationen in Nordostsyrien zum dritten Mal in Folge die Flucht ergriffen. Mit dem knapp zweijährigen Sohn Jude auf dem Arm und Töchterchen Haifa (3) an der Hand überquerten Razum und Layla die Grenze in den Irak. Vor der Krise arbeitete die ausgebildete Krankenpflegerin in Nordostsyrien als Mathematik-Lehrerin, ihr Mann half während seines Ingenieurstudiums in einer Zahnarztpraxis aus. «Als wir unser Zuhause verliessen, war uns bewusst, dass wir nicht wieder zurückkehren würden.

Kurz nach der ersten Flucht kam unser Sohn Jude auf die Welt. Seine Geburt war ein grosses Geschenk, sie hat uns Hoffnung gegeben», erinnert sich Layla. «Wir versuchen, die Situation so gut es eben geht zu bewältigen. Aber wir werden aufgrund der Gewalt immer wieder vertrieben», fügt Razum an. «Schon unsere erste Flucht war extrem hart. Und mit jedem Mal werden die Schmerzen unerträglicher. Ich hoffe so sehr, dass wir im Irak endlich einen sicheren Zufluchtsort für unsere Kinder finden.»

Medizinische Hilfe für Neuankömmlinge dringend benötigt

Jeden Tag erreichen weitere Flüchtlinge das Grenzgebiet im Irak. Nach tagelangen Fussmärschen sind sie müde, geschwächt und haben oft starke Schmerzen. Medair ist derzeit eine von zwei Hilfsorganisationen, die syrische Flüchtlinge entlang der irakischen Grenze mit Hilfsleistungen versorgt. Unsere mobilen Teams untersuchen die Menschen auf virale und bakterielle Infektionen, leisten Erste Hilfe und behandeln chronische Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes.

Viele Geflüchtete, die den Irak erreichen, sind traumatisiert und leiden unter Stress oder Angstzuständen. Die Tatsache, dass Leute vor Ort sind, um ihnen zu helfen setzt ein wichtiges Zeichen, dass die Welt sie inmitten ihrer Not nicht vergessen hat. Ihre dringlichsten Bedürfnisse werden gesehen und wir setzen weiterhin alle Hebel in Bewegung, um Betroffenen die bestmögliche Unterstützung zu bieten.

Die eigene Heimat Hals über Kopf zu verlassen – dafür entscheidet sich kaum jemand freiwillig. Zwar sind viele Geflüchtete im Irak vorübergehend in Sicherheit. Was ihre Zukunft bringen wird, ist jedoch noch völlig ungewiss.

Möchten Sie syrische Flüchtlinge im Irak mit Soforthilfe unterstützen? Jede Spende wird umgehend für die medizinische Versorgung von besonders bedürftigen Männern, Frauen und Kindern verwendet. Herzlichen Dank!