Geschichten

Eine gemeinsame Realität, welche die ganze Welt verbindet

Carl Adams ist Medair-Landesverantwortlicher in Bangladesch. In diesem Beitrag teilt er seine Gedanken über die Auswirkungen des Coronavirus im grössten Flüchtlingslager der Welt

Es ist erstaunlich, in welcher Weise sich das Leben hier in Cox’s Bazar innert weniger Wochen verändert hat. Die Strassen, in denen normalerweise ein reges Treiben herrscht, sind plötzlich menschenleer. Die allgegenwärtigen grünen und gelben Rikschas fahren nur noch vereinzelt, der Sandstrand von Cox’s Bazar – eine beliebte Touristendestination – ist nahezu ausgestorben.

Als Nothilfeorganisation stehen wir momentan vor gewaltigen Herausforderungen: Unsere lebensrettenden Hilfsaktivitäten vor Ort müssen weitergeführt werden. Gleichzeitig gilt es, auf die aktuelle Pandemie zu reagieren und dabei die Sicherheit unserer Mitarbeitenden und der Hilfsempfänger zu gewährleisten. Unsere Teams, die in zwölf Länderprogrammen arbeiten, gehen diese Herausforderungen mit vollem Einsatz an.


Carl Adams vor einer von Medair unterstützten Ernährungsstation im Flüchtlingslager Kutupalong, November 2019.

In Bangladesch sind wir dabei, nicht-kritische Aktivitäten herunterzufahren. Leicht ist es nicht, solche Entscheidungen zu treffen, zumal hier jede Hilfe unter Umständen Leben retten kann. Zum Beispiel wurde die Verteilung von Baumaterialien vertagt. Die Bausätze sollten Familien helfen, ihre Unterkünfte zu verstärken und auszubauen und sich so angemessen vor dem Monsunregen im Juni schützen zu können.

Im Fokus unserer Bemühungen stehen derzeit stark unterernährte Kinder und Mütter und natürlich der Betrieb unserer Gesundheitskliniken, da in nächster Zeit mit einer hohen Zahl von COVID-19-Infiszierten gerechnet wird. Innerhalb des Flüchtlingslagers verbreiten wir wichtige Gesundheitsbotschaften. Es sind die gleichen Informationen, die zurzeit überall auf der Welt weitergegeben werden: Händewaschen, «Social Distancing» und bei Krankheitsanzeichen: zuhause bleiben.

Die Realität jedoch, ist erbarmungslos. Wie soll «Social Distancing» funktionieren, wenn ganze Familien auf engstem Raum zusammenleben und Nachbarn sich eine einzige Toilette oder Handpumpe teilen müssen? Das Risiko, dass sich das Virus unter solchen Bedingungen rasch im Lager ausbreitet, ist leider sehr hoch.


Blick auf das Lager Kutupalong © Medair/Hailey Sadler

Unsere Mitarbeitenden tragen Schutzkleidung, wir überprüfen jeden Tag unsere Körpertemperatur und fahren mit grösseren Teambussen statt mit Autos zum Lager, damit wir auch unterwegs die «Social Distancing»-Vorschriften einhalten können. Lokale Mitarbeitende können in unseren Büros oder der Team-Unterkunft bleiben, wenn sie lieber nicht mit (gefährdeten) Familienmitgliedern in Kontakt treten möchten.

Zudem arbeiten wir eng mit anderen Hilfsorganisationen zusammen. Gemeinsam planen wir die verschiedenen Phasen unserer Reaktion und koordinieren unsere Aktivitäten, um den prognostizierten Bedarf bestmöglich und effizient decken zu können. Ziel ist es, die Ausbreitung des Virus so lange wie möglich hinauszuzögern. So bleibt mehr Zeit für die Errichtung und Inbetriebnahme von Isolierstationen, in denen wir Patienten, die eine umgehende Behandlung benötigen, aufnehmen können.

Alle Prognosen deuten darauf hin, dass auf dem Höhepunkt der Pandemie der Bedarf an Betten, Sauerstoff, Beatmungsgeräten und medizinischem Fachpersonal die Nachfrage übersteigen wird

wir stellen uns auf einige sehr herausfordernde Monate ein.

Zweifellos ist die aktuelle Pandemie für alle Betroffenen weltweit eine grosse Belastung. Die Rohingya befanden sich jedoch schon vor Ausbruch der Krankheit in einer Notlage. Durch COVID-19 spitzt sich ihre ohnehin prekäre Situation nun ein weiteres Mal zu. Die Rohingya sind stark – und gleichzeitig unglaublich verwundbar: Geflüchtete leben auf engstem Raum zusammen; die Hygienebedingungen sind fatal. Es sieht so aus, dass ihre Chancen im Moment ziemlich schlecht stehen.

In vielerlei Hinsicht ist die gegenwärtige Lage einzigartig; sie beschäftigt uns alle. Die Krise betrifft meine Familie genauso wie Ihre. Von einem Moment auf den anderen ist eine neue Realität entstanden, welche die Menschen in nahezu allen Ländern weltweit miteinander verbindet. Meine Hoffnung ist, dass sie das Beste in uns hervorbringt. Mir ist bewusst, dass es zurzeit schwer sein mag, sich Gedanken um andere Menschen zu machen. Gross ist die persönliche Unsicherheit vieler von uns: Wann haben wir jemals in eine dermassen ungewisse Zukunft geblickt?


Ein Kind läuft zwischen Unterkünften aus Bambus im Flüchtlingslager Kutupalong umher. © Medair/Hailey Sadler

Dennoch bitte ich Sie heute: Vergessen Sie die Rohingya nicht. Beten Sie für sie oder unterstützen Sie nach Möglichkeit Notleidende mittels einer Spende an Medair. Auch wenn es vielleicht klischeehaft klingt: Jeder Beitrag hilft und macht in dieser schweren Zeit Mut. Vielen herzlichen Dank!

Ich hoffe und bete dafür, dass es Ihnen und Ihren Familien gut geht. Mögen wir alle gestärkt aus dieser Krise hervorgehen – insbesondere die Bedürftigsten unter uns.


Medair ist eine internationale humanitäre Hilfsorganisation. Wir versorgen Familien, die von Naturkatastrophen, Konflikten und anderen Krisen betroffen sind, mit Nothilfe und unterstützen sie beim Wiederaufbau. Medair ist derzeit in 12 Ländern aktiv und arbeitet in Bangladesch eng mit World Concern zusammen.

Die Inhalte dieses Artikels stammen von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten sowie am internationalen Hauptsitz. Die Meinungen entsprechen ausschliesslich den Ansichten von Medair und damit nicht unbedingt auch dem offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen.