Geschichten

Ein besonderes Privileg: Menschen in der DR Kongo unterstützen

Nach einem knapp vierjährigen Einsatz für Medair in der DR Kongo bin ich kürzlich nach Grossbritannien zurückgekehrt. Hier ein Bericht über einige meiner Erfahrungen.

Es ist ein weit verbreiteter Mythos, dass ausländische Mitarbeitende in der humanitären Hilfe jeden Tag heldenhaft ihre Gesundheit und Sicherheit aufs Spiel setzen, logistische Probleme und schlechtes Internet überwinden, um Menschen in dramatischen Umständen zu helfen und zu retten. Wir würden mit Sorgenfalten aber leuchtendem Heiligenschein nach Hause zurückkehren und so tun, als gehörte das eben dazu.

Als Projektkoordinator in Kirumba, Nord-Kivu, hatte ich wenig Kontakt zu unserer Arbeit im Feld und den Menschen, die unsere Hilfe in Anspruch nehmen. Meine Aufgabe als Teamleiter bestand hauptsächlich darin, mit Führungskräften der einzelnen Abteilungen Prioritäten und Ziele festzulegen, eine gute interne Kommunikation zu fördern und dafür zu sorgen, dass sich alle Beteiligten unterstützt und wertgeschätzt fühlen.

Die Projekte von Medair habe ich etwa einmal im Monat besucht, um mich von der Wirkung unserer Projekte zu überzeugen und alle Beteiligten zu ermutigen. Die Geschichten, die mir bei diesen Besuchen vom Kollegium, behandelten Menschen und Gemeinschaftsmitgliedern erzählt wurden, waren oft unvergesslich. Hier möchte ich Ihnen einige davon weitergeben.

Bei diesen Besuchen wurde auch immer wieder deutlich, welchen Beitrag meine tägliche Arbeit bei der Erbringung Dienstleistungen an vorderster Front leisten könnte (und sollte). Darauf komme ich noch zurück.

Das Bild zeigt mich (rechts) im Gespräch mit Mitarbeitenden sowie Patientinnen und Patienten in einer von Medair unterstützten Gesundheitseinrichtung (2018).

In einer von Medair unterstützten Gesundheitseinrichtung in einem Dorf namens Birundule sprach ich mit einer Frau, die zur Behandlung ihrer einjährigen Tochter gekommen war. Das lebhafte Mädchen mit seinen dünnen Ärmchen und dem aufgeblähten Bauch lächelte mich schelmisch an, als ich ihre Hand zwischen Daumen und Zeigefinger nahm. Auf meine mühsam in Suaheli gestellten Fragen erklärte mir die Mutter, dass ihre Tochter keinen Appetit mehr hätte und nicht mehr wachsen würde. Ich fragte sie, woher sie seien. «Kyaghala. Die Behandlung dort ist teuer, und ich hatte gehört, dass die Leistungen hier kostenlos sind.» Dann erkundigte ich mich nach ihrer Reise. «Fünf Stunden zu Fuss», antwortete sie. Die Krankenschwester hatte ihrer Tochter nach der Diagnose sechs Wurmtabletten verschrieben, die das Mädchen innerhalb von drei Tagen nehmen sollte. «Zehn Stunden Fussmarsch durch gefährliches Land nur für sechs Pillen?», dachte ich. Uff.

Zwei Jahre vorher hatte ich das gleiche Gesundheitszentrum besucht und mit einer Patientin namens Beatrice Amani gesprochen. Sie erholte sich gerade von einer schweren Malaria, aber war trotz ihrer körperlichen Schwäche optimistisch. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft vor drei Tagen war sie stark genug für einen Spaziergang auf dem Gelände des Zentrums. Beatrice erklärte, dass sie vor zwei Jahren vor der Gewalt in ihrer Gegend geflohen war und zusammen mit ihren alten Eltern in Birundule Zuflucht gesucht hatte. Um den Lebensunterhalt der drei zu sichern, arbeitete sie auf den Feldern eines Nachbarn für 1000 CDF (damals 0.65 USD) pro Tag. Vor ihrer Flucht hatte sie noch nie an Malaria gehabt, sagte sie, aber seit der Umsiedlung bereits vier Malariaanfälle. Als ich später meinen Bericht schrieb, kämpfte ich mit den Tränen, als mir die bittere Ironie von Beatrices Nachnamen AMANI, übersetzt «Friede», bewusst wurde.

Beatrice Amani erholt sich in einem von Medair unterstützten Gesundheitszentrum in Birundule in der Provinz Nord-Kivu von ihrer Malaria.

Ich könnte noch viele weitere Geschichten erzählen. Zum Beispiel die von Diana, die gerade dabei war, für ihre Kinder Essen zu kochen, als Kämpfe in ihrem Heimatdorf ausbrachen und sie durch Kreuzfeuer am Ellenbogen getroffen wurde. Oder die von Papa Kambale. Erst starb seine Tochter an Ebola, dann verlor er fast all sein Hab und Gut, das nach ihrem Tod aus Hygienegründen aus seinem Haus gebracht und verbrannt wurde. Dann die von Kabuyuka, einem 25-jährigen Mann, der eine Schusswunde am Handgelenk hatte. Sieben Jahre lang hatte er an den verschiedenen lokalen Konflikten teilgenommen und konnte sich keine andere Zukunft vorstellen. Oder die von Odetta, einer Mutter von sieben Kindern, die ich traf, als sie sich von Malaria erholte. Sie wollte sich nicht fotografieren lassen, weil sie sich für ihre dreckige, zerlumpte Kleidung schämte. Oder die von Susa Mabruki, deren Mann an Malaria starb, weil sie sich die 8 USD für seine Behandlung nicht leisten konnten.

Susa Mabruki hält ihren jüngsten Sohn Gerisha im Arm. Er wurde mit Fieber und Durchfall rechtzeitig in eine Gesundheitseinrichtung in der Nähe ihres Hauses gebracht.

Die Begegnung mit unterstützen Menschen ist ein echtes Privileg. Ich erkenne, welchen Anteil meine Arbeit bei den Bemühungen des gesamten Teams hat, wenn sie Menschen unterstützen. Das motiviert mich immer wieder neu, dafür zu sorgen, dass Menschen die bestmöglichen Dienstleistungen von Medair erhalten, und dass unsere Verpflichtungen eingehalten und sie mit Würde behandelt werden.

«Würde» mag auf den ersten Blick ein etwas schwammiger Ausdruck sein. Damit meine ich, dass die Persönlichkeit eines jeden Menschen anerkannt und respektiert wird.

Als Christ glaube ich, dass jeder Mensch nach dem Bild Gottes geschaffen ist. Jeder von uns trägt göttliche Züge in sich. Wir sind wertvoll. Folglich sollte der Dienst an Menschen in Not, als ein besonderes Privileg gesehen werden. Würde ist die Frucht einer Interaktion, die von dieser Perspektive durchdrungen ist.


Medair ist eine schweizerische humanitäre Hilfsorganisation. Wir bieten Nothilfe und Wiederaufbau für Familien, die durch Naturkatastrophen, Konflikte und andere Krisen in Not geraten sind. Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.

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