Geschichten

Die dunkelsten Stunden

Über die Bedeutung der polnischen Aufnahmezentren für aus der Ukraine Geflüchtete und die Notwendigkeit der dort angebotenen Hilfsleistungen.

Durch den Konflikt in der Ukraine wächst die Anzahl der Menschen, die ihr Zuhause verloren haben, stetig, und Millionen sind schon aus ihrer Heimat geflohen. Viele von ihnen suchen Zuflucht in Sammelunterkünften in Polen, bevor sie in andere Länder weiterreisen. Einige Familien haben Mühe, sich mit der Situation abzufinden, denn sie haben die Hoffnung auf eine Heimkehr nicht aufgegeben. Aufgrund der anhaltenden Kampfhandlungen in ihrer Heimat und den damit verbundenen Schäden an der Infrastruktur ist das jedoch unmöglich geworden. Es fällt ihnen schwer, weit weg von Zuhause zu sein und sie machen sich grosse Sorgen um das zurückgelassene Hab und Gut.

Seit Beginn des Ukrainekonflikts im Februar 2022 konzentriert sich Medair in Polen auf die Unterstützung von Geflüchteten, die die Woiwodschaft Karpatenvorland passieren. Mindestens 12 Millionen Menschen sind aus ihrer Heimat in der Ukraine geflohen. Die dringendsten Bedarfe in Polen bleiben nach wie vor finanzielle Unterstützung, Zugang zu Arbeit und Unterkunft, gefolgt von Sachleistungen und medizinischer Versorgung. Mit dem Wintereinbruch könnte der Zugang zu Wohnraum noch schwieriger werden, da weniger Unterbringungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen und die steigenden Energiepreise zusätzliche Herausforderungen mit sich bringen.

Medair unterstützt Aufnahmezentren, in denen die Geflüchteten nach ihrer Ankunft in Polen vorübergehend untergebracht werden. Sie werden mit einer Unterkunft und dem Nötigsten versorgt, bevor sie zu anderen Destinationen weiterreisen. Medair stellt sicher, dass Versorgungsleistungen zur Verfügung stehen und die humanitären Standards eingehalten werden, da die Einrichtungen ursprünglich nicht für die Beherbergung von Menschen über Nacht oder für die Aufnahme einer so grossen Anzahl von Menschen konzipiert wurden. Zum Beispiel sorgt Medair für die Beschaffung und Installation von Waschmaschinen sowie Boilern für Warmwasser, die Aufbesserung der Duschen, und den Einbau von Trennwänden, die den Familien Privatsphäre bieten.

A big hallway  with dim lighting displaying a series of camp beds and partition booths.

Die 56-jährige Irina, die mit ihrem Mann vor dem Konflikt in der Ukraine geflohen ist, zeigt auf ihrem Laptop Fotos von ihrem zerstörten Haus, die ihr Freunde und Verwandte aus der Ukraine geschickt haben. Es ist der 9. November 2022, und sie sitzen im Full Market Centre in Rzeszów, Polen.

Zu jeder Tages- und Nachtzeit sorgen Freiwillige dafür, dass Familien Zugang zu Essen und Trinken, einem sicheren, warmen Ruheplatz und medizinischer Versorgung haben. Sichergestellt wird auch, dass die Menschen in ihren jeweiligen Muttersprachen und über die entsprechenden Medien mit den richtigen Informationen versorgt werden. Deshalb sind Übersetzungen ein wichtiger Teil des Angebots. Schutzbeauftragte von Medair sind für die Sicherheit im Aufnahmezentrum zuständig. In diesem Rahmen informieren sie Geflüchtete beispielsweise über lokale Hilfsdienste, helfen ihnen beim Ausfüllen von Formularen oder bieten Rückzugsräume an. Diese Schutzmassnahmen ergänzen die Aktivitäten der Aufnahmezentren und schliessen damit eine empfindliche Lücke. Sie sind so gestaltet, dass sie den Individuen Würde und Handlungsfähigkeit einräumen, indem diese selbst entscheiden können, wie sie mit den erhaltenen Informationen umgehen. Schliesslich, wenn es dann soweit ist, unterstützt das Medair-Team bei der Organisation der Weiterreise und geht dabei auch auf Menschen mit besonderen Bedürfnissen oder mit Haustieren Reisenden ein.

«Für meine Familie waren das die dunkelsten Stunden», sagt Volodymyr.

Irina (56) und ihr Ehemann Volodymyr (55) sind Geflüchtete aus der Ukraine. Die dreiköpfige Familie flüchtete auf der Suche nach Schutz vor dem Konflikt nach Polen. Ich lerne das Ehepaar über die Schutzbeauftragten von Medair im Full Market Aufnahmezentrum kennen, wo sie derzeit untergebracht sind. Ich darf an ihrem vierten Beratungsgespräch mit dabei sein. Irina und Volodymyr erwarten uns in der Teeküche an einem Gemeinschaftstisch. Sie sitzen einander gegenüber, ihre Blicke einem aufgeklappten Laptop in der Mitte des Tisches zugewandt. Auf dem Bildschirm ist ein Foto zu sehen ist. Als ich näherkomme, sehe ich, dass das Foto ein Haus in Trümmern zeigt. An ihren Augen kann ich erkennen, dass sie geweint haben.

Eine Medair-Kollegin stellt uns einander vor und wir setzen uns. Irina versucht, ihre Tränen zurückzuhalten und beginnt zu schluchzen. Während das Team sie zu trösten versucht, ersetzt Volodymyr das Bild auf dem Bildschirm mit einem lustigen Foto, auf dem er eine Ente im Arm hält, und sagt zu Irina: «Schau mal, erinnerst du dich an diesen Tag?», mit einer aufmunternden Stimme. Es ist ein komischer Moment, und alle lachen herzlich, was die Anspannung im Raum etwas auflockert. Doch als kurz darauf das Lachen verstummt, müssen wir uns wieder der bitteren Realität stellen, dass das Ehepaar ihr Zuhause verloren hat. Die beiden erzählen uns von den Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatten, und wie sie für die Sicherheit ihrer Familie alles hinter sich lassen mussten.

A woman cries in front of laptop displaying a photo of her home.

Die 56-jährige Irina, die mit ihrem Mann vor dem Konflikt in der Ukraine geflohen ist, zeigt auf ihrem Laptop Fotos von ihrem zerstörten Haus, die ihr Freunde und Verwandte aus der Ukraine geschickt haben. Es ist der 9. November 2022, und sie sitzen im Full Market Centre in Rzeszów, Polen.

«Ich weiss ehrlich gesagt nicht, wo ich anfangen soll», sagt Irina und wischt sich mit einem Taschentuch ein paar Tränen weg. «Es ging alles viel zu schnell. Es war ein Abend zu Hause im Kreise der Familie. Wir bereiteten uns gerade auf das Abendessen vor», sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht, als sie sich an die Momente vor der Katastrophe erinnert. Die Schutzbeauftragten von Medair weisen uns darauf hin, dass Irinas 30-jähriger Sohn taub ist. Irina fährt fort: «Ja, mein Junge ist taub, wir kommunizieren in Gebärdensprache. Er sah gerade im Wohnzimmer fern. Im Fernsehen kam die Meldung, dass unsere Stadt angegriffen wird. Ich habe meinen Sohn angesehen, und ich werde seinen blassen, schockierten Gesichtsausdruck nie vergessen.» Während Irina sich zu sammeln versucht, erzählt Volodymyr: «In dem Moment rannte ich in Richtung Küche und rief meiner Frau und meinem Sohn zu, ein paar Kleidungsstücke und wichtige Dinge einzupacken, die wir für die Reise brauchen würden. ‘Schnell, wir haben nicht viel Zeit,’ sagte ich, ‘wir müssen jetzt los!’ Wir haben innerhalb einer Minute alles ins Auto gepackt. Ich glaube, es war eine Art Adrenalinstoss, der uns durchfuhr, denn es passierte alles wie in einem einzigen Augenblick.» Er fährt fort: «Nachdem ich den Konflikt 2014 erlebt hatte, habe ich sichergestellt, dass wir für Notfälle immer eine Tasche mit unseren offiziellen Papieren und Dokumenten dabei haben. Ich habe mit der Angst gelebt, dass so etwas irgendwann in Zukunft wieder passieren würde, aber dass es das nächste Mal noch näher an uns herankommen würde», sagt er und blickt auf seine Hände. Immer noch ungläubig fügt er hinzu: «Ich hatte Recht – diesmal hat es unser Zuhause getroffen.»

A photo of a destroyed home is displayed on a laptop screen.

Die 56-jährige Irina, die mit ihrem Mann vor dem Konflikt in der Ukraine geflohen ist, zeigt auf ihrem Laptop Fotos von ihrem zerstörten Haus, die ihr Freunde und Verwandte aus der Ukraine geschickt haben. Es ist der 9. November 2022, und sie sitzen im Full Market Centre in Rzeszów, Polen.

Irina schiebt hinterher: «Wir waren im Haus, als es passierte. Alles wurde dunkel. Ich weiss nicht, wie es möglich war, dass wir alle zusammen in der sichersten Ecke des Hauses landeten – vier Balken haben uns beschützt. Es ist ein Wunder. Ich kann das schreckliche Geräusch nicht beschreiben, das einsetzte, kurz bevor unser Haus einstürzte», sagt sie, während Tränen ihr Gesicht herunterlaufen. Irina holt tief Luft und wischt die Tränen weg. Auch Volodymyrs Augen sind feucht, aber es scheint, als würde er versuchen, die Fassung zu bewahren. Irina ist zu aufgewühlt, also fährt Volodymyr fort: «Wir lagen alle aneinander gedrängt auf dem Boden. Es war unglaublich, wie viel dicker Beton einfach eingestürzt war. Diese Bilder haben uns Freunde geschickt, die noch in unserer Stadt leben. Ich weiss nicht, wie meine Familie und ich das überlebt haben», sagt er leise.

«Als ich schliesslich merkte, dass es uns allen gut ging, musste ich meine Familie in Sicherheit bringen – beim zweiten Mal würden wir vielleicht nicht so viel Glück haben. Draussen war es dunkel. Ich konnte meine Hände nicht vor Augen sehen. In der Ferne hörte man nur die immer lauter werdenden Einschläge. Wir flohen aus unserer eigenen Stadt, während die Angriffe weitergingen. Ich weiss nicht mehr, was mir während der Fahrt durch den Kopf ging, aber ich wusste nur, dass wir für nichts und niemanden anhalten würden. Alles, was zählte, war die Sicherheit meiner Familie. Für meine Familie waren das die dunkelsten Stunden», sagt Volodymyr mit brüchiger Stimme.

A man stands in front of his booth at a reception centre.

Der 55-jährige Volodymyr, der mit seiner Familie aus der Ukraine vor dem Konflikt nach Polen geflohen ist, spricht am 9. November 2022 während eines Treffens im Full Market Centre in Rzeszów (Polen) mit Svetlana, einer Mitarbeiterin von Medair.

Irina, die jetzt wieder sprechen kann, fährt fort: «Unser Haus wurde uns von Volodymyrs Eltern hinterlassen. Sein Vater hat es mit seinen eigenen Händen gebaut. Seit dem 13. März sind nur noch Trümmer übrig. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir die Erinnerung an das Haus entgleitet.» Sie scheint wütend über sich selbst. «Auf unserer Fahrt nach Dnipro haben wir Freunde kontaktiert, bei denen wir für einige Zeit unterkommen konnten. Dort war es sicher, und es war schön, wieder etwas Normalität zu erleben. Wir blieben eine Weile, bevor wir wieder weiterziehen mussten. Unser zweites Ziel war Lemberg. Für ein paar Monate hat uns dort Volodymyrs Kollege beherbergt. Leider war das keine dauerhafte Lösung, also flohen wir schliesslich aus der Ukraine nach Polen – es ging nicht anders. Seit Juli sind wir nun in Polen aber wir tun uns schwer, den nächsten Schritt zu gehen. Wir haben gewaltige Schwierigkeiten zu bewältigen. Zuerst ist da die Sprachbarriere. Volodymyr bekommt keine Arbeit, weil er kein Polnisch spricht. Aber er nimmt jetzt Unterricht. Ich mache mir auch Sorgen um seine Gesundheit. Vor einiger Zeit erlitt er eine Kopfverletzung und einen Schlaganfall. Das hat ihn stark mitgenommen. Jetzt braucht er Medikamente und manchmal fällt es ihm schwer, zu laufen und sich zurechtzufinden. Wir müssen seinen Gesundheitszustand weiter beobachten. Trotzdem geben wir die Hoffnung nicht auf. Alles in allem geht es uns hier gut, aber es ist nicht Zuhause. Mein einziger Wunsch war, glücklich in Luhansk zu leben, nah bei unserer Familie. Doch jetzt ist niemand mehr da. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass es bald vorbei ist, damit wir nach Hause zurückkehren und neu anfangen können. Es ist schwer für uns, zu akzeptieren, dass wir unser Zuhause verloren haben», sagt sie mit einem traurigen Blick.

Am Schluss unseres Aufenthalts zeigen uns Irina und Volodymyr die Kabine, in der sie jetzt im Full Market Centre wohnen. Die Familie ist sehr dankbar für die Unterstützung, die sie von Medair erhalten hat. Sie sind derzeit auf einen längerfristigen Aufenthalt im Aufnahmezentrum vorbereitet. Alina und Svitlana, die Schutzbeauftragten von Medair, unterstützen Irina und Volodymyr mit Bargeld, vermitteln ihnen Kontakte zu lokalen Einrichtungen und informieren sie über weitere Hilfsangebote, die Familien von der polnischen Regierung zur Verfügung gestellt werden. Sie rufen sie monatlich an, um sich nach ihren Bedürfnissen zu erkundigen.

Community tables rest in a center with some daily essential items on them

Vorratskammer im Full Market Centre in Rzeszów, Polen, am 9. November 2022.

 


Die Arbeit von Medair in Przemyśl und Rzeszów wird von Tearfund New Zealand und Chaine du Bonheur (Glückskette, CdB) sowie vom AWC UK unterstützt.

Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.

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