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Dem gewaltigen Sturm trotzen

Humanitärer Bedarf steigt im Jahr 2022

Es war ein ganz schön ereignisreiches Jahr, nicht wahr? Wie viele von Ihnen, gehe ich dem Ende des Jahres 2021, mit gemischten Gefühlen entgegen. Die düsteren Schlagzeilen reissen nicht ab. Die erhoffte Rückkehr zur Normalität ist immer noch nicht eingetroffen, und die Unsicherheit, die vor uns liegt, scheint nicht zu schwinden. 

Gerade als ich dankbar eine Pause einlegte, zeigt der kürzlich veröffentlichte Globale Humanitäre Überblick der Vereinten Nationen für 2022, dass der Bedarf an humanitärer Hilfe so hoch ist wie nie zuvor. Es wird erwartet, dass im nächsten Jahr 274 Millionen Menschen Hilfe benötigen werden – gegenüber 235 Millionen in diesem Jahr, was bereits ein enormer Anstieg gegenüber den Vorjahren war.  

Das Zusammentreffen mehrerer Faktoren führt zu einem noch nie dagewesenen Unterstützungsbedarf. Die anhaltende COVID-Pandemie, bei der immer neue Varianten auftauchen, während viele Menschen in einkommensschwachen Ländern noch immer keinen Zugang zu Impfstoffen haben. Die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels führen dazu, dass extreme Wetterereignisse immer häufiger auftreten. Brutale Konflikte fordern vor allem von Frauen und Kindern einen hohen Tribut, darunter ein beunruhigender Anstieg von sexueller Gewalt. Eine Rekordzahl von 82,4 Millionen Menschen – mehr als doppelt so viele wie vor einem Jahrzehnt – inzwischen mehr als 1 % der Weltbevölkerung – sind gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben worden. Nahezu die Hälfte von ihnen sind Kinder.

1 % der Weltbevölkerung wurde aus ihren Häusern vertrieben – darunter 4 Millionen Menschen im Jemen.

Die Liste ist lang. Der Hunger steigt sprunghaft an, und in mehreren Ländern kommt es zu hungersnotähnlichen Zuständen. Als Folge der Pandemie stehen die Gesundheitssysteme in vielen Ländern mit niedrigem Einkommen kurz vor dem Zusammenbruch. Schwer erkämpfte Fortschritte in Bereichen wie HIV, Tuberkulose, Malaria, Schwangerschaftsfürsorge und Kinderimpfungen sind inzwischen wieder zunichte gemacht geworden. Störungen der Weltwirtschaft und Engpässe in der Versorgungskette tragen nicht nur zu diesen Krisen bei, sondern behindern auch die Finanzierung und Bereitstellung humanitärer Einsätze. Der Zugang zu den Bedürftigen wird zunehmend eingeschränkt. Die humanitäre Arbeit ist nach wie vor eine gefährliche Unternehmung, bei der Einsatzkräfte regelmässig angegriffen werden.  

Man könnte sagen, dass dies alles auf einen gewaltigen Sturm hinausläuft. 

Wie können wir inmitten all dessen überhaupt noch Hoffnung finden?

Hoffnung schöpfe ich aus dem Wissen, dass wir genau da sind, wo wir sein müssen: Medair kümmert sich derzeit um die Bedürfnisse der Menschen in den acht schlimmsten humanitären Krisen der Welt. Nach Angaben der UNO handelt es sich dabei auch um die am stärksten unterfinanzierten Notlagen. Dazu gehören Afghanistan, Madagaskar, die Demokratische Republik Kongo, der Südsudan und der Jemen – Länder, in denen eine Hungersnot droht.

Medair ist in acht der schlimmsten humanitären Krisengebiete im Einsatz, einschliesslich Afghanistan. Wir konnten 50 000 Menschen mit Bargeld versorgen – eine Hilfe, die in den Wintermonaten Leben retten wird.

Ich schöpfe Hoffnung daraus, dass wir als Nothilfeorganisation Mitarbeitende haben, die engagiert und bereit sind, innerhalb von 24–48 Stunden zu neuen Krisen auszurücken. Hochqualifizierte professionelle Einsatzkräfte unserer Teams haben Menschen in 11 der 12 schwersten Notlagen der UNO unterstützt.

Ich schöpfe Hoffnung aus unserer grossartigen Covid-Taskforce, die immer auf dem neuesten Stand der Forschung ist und bei der Suche nach Lösungen für eine Covid-sichere Bereitstellung von Hilfe eine Vorreiterrolle spielt; aus der Unterzeichnung der Klima- und Umweltcharta für humanitäre Organisationen, über die ich im neuen Jahr gerne mehr berichten werde; und aus dem Engagement meiner Teammitglieder, die dafür sorgen, dass die Stimme und der Beitrag der lokalen Gemeinschaften immer im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen. 

Ich schöpfe Hoffnung aus den starken Partnerschaften, die wir in der gesamten humanitären Gemeinschaft, mit dem Privatsektor und Privatpersonen aufgebaut haben. Wir arbeiten effektiver denn je zusammen, um die Stärken der anderen zu ergänzen. Unsere Partnerorganisationen aus dem Privatsektor arbeiten mit uns zusammen, um eine Vielzahl neuer Instrumente zu entwickeln: von Frühwarnsystemen für Naturkatastrophen bis hin zu überschwemmungsresistenten Unterkünften und biologisch abbaubaren Planen. Wenn wir zur Deckung eines neuen Bedarfs um finanzielle Unterstützung bitten, finden wir immer wieder hilfsbereite Menschen. 

Ich schöpfe Hoffnung aus den bemerkenswerten Menschen, mit denen ich zusammenarbeiten darf, wie Yasmin in Bangladesch, für die die Unterstützung von Rohingya-Geflüchteten das Wichtigste ist, was sie sich vorstellen kann. Viele unserer einheimischen Mitarbeitenden haben sich dafür entschieden, andere Chancen auszuschlagen, um humanitäre Arbeit zu leisten – selbst in unsicheren Zeiten und angesichts der Kritik aus ihrer Gemeinschaft – und zwar aus Überzeugung, etwas Gutes zu tun.

Vor allem aber schöpfe ich Hoffnung aus den von uns unterstützten Menschen, wie z. B. einer Familie, die ich im Libanon kennengelernt habe und die mit ihrem behinderten kleinen Jungen auf der Flucht vor dem Konflikt in Syrien war. Ihr Einfallsreichtum, ihre Freude und ihr positiver Blick auf die künftige Entwicklung haben mich überwältigt, denn sie lebten in einem Zelt und besassen so gut wie nichts. Immer wieder treffe ich nicht auf Opfer, sondern auf Überlebende, die unsere Unterstützung annehmen und sie mit ihrer eigenen Widerstandskraft vervielfachen. 

Unsere Arbeit mit syrischen Geflüchteten im Libanon gibt mir Hoffnung – ich begegne Menschen, welche die von uns angebotene Unterstützung annehmen und sie mit ihrer eigenen Widerstandskraft vervielfachen.

Deshalb habe ich Hoffnung für das kommende Jahr. Die Herausforderungen mögen gewaltig sein, aber mit mehr als 30 Jahren Erfahrung und harter Arbeit an schwierigen Orten, ist dies, was uns definiert. Wenn wir weiterhin zusammenarbeiten, kann sich das künftige Leben vieler Menschen zum Besseren wenden. Ich bin also nicht bereit, den Glauben an eine bessere Zukunft aufzugeben.

Ich wünsche Ihnen allen Frieden, unauslöschliche Hoffnung und ja – sogar Freude für das Jahr 2022. 


Dieser Artikel wurde von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten und am internationalen Hauptsitz verfasst. Die vertretenen Ansichten sind ausschliesslich die von Medair und in keiner Weise auf offizielle Positionen anderer Hilfsorganisationen übertragbar.