Geschichten

Auf der flucht entbinden

Eine schwangere Frau braucht Schutz – erst recht, wenn sie vor gewaltsamen Angriffen flieht, um ihr ungeborenes Kind in Sicherheit zu bringen?

Eine schwangere Frau braucht Schutz – erst recht, wenn sie vor gewaltsamen Angriffen flieht, um ihr ungeborenes Kind in Sicherheit zu bringen? Hivda erwartete ihr erstes Kind, als bewaffnete Gruppen im August 2014 ihr Dorf in der Region Sindschar im Irak angriffen.
„Ich war schwanger und wir hatten kein Auto.“
Hivda, die heute 21 Jahre alt ist

Sie war unter den 130 000 Menschen, die im Sindscahr-Gebirge Schutz vor den Angriffen suchten. Hoch in den Bergen sassen sie zehn Tage lang fest.
„Während der Flucht wurde ich krank. Auf dem Berg angekommen, gab es kein Wasser – schon gar kein sauberes. Dabei war es unglaublich heiss. Wir dachten, wir müssten sterben.“
Hivda

Später wurde ein sicherer Korridor geschaffen und man konnte über die Nordseite die Berge verlassen. Dennoch blieben mehrere Tausend Familien zurück. Sie wurden aber mit Essen, Wasser und Material für Unterkünfte versorgt. Auch Hivda harrte aus – und brachte auf dem Berg ihr erstes Kind zur Welt.

Über ein Jahr später verloren die bewaffneten Gruppen die Kontrolle über die Stadt Sindschar. Daraufhin entsandte Medair ein Team in das Gebirge, um die dringendsten Bedürfnisse zu ermitteln.

Hivda brachte ihr erstes Kind auf dem Berg Sindschar zur Welt.

In einer nördlich des Berges gelegenen Gesundheitsstation kamen wir mit einer Patientin ins Gespräch. Die ältere Frau erzählte uns, dass sie im vergangenen Jahr mitgeholfen hatte, fünf Babys sicher zur Welt zu bringen. 100 Frauen hätten seit den Angriffen in ihrem Dorf Kinder geboren, schätzte sie. Lediglich die Hälfte von ihnen sei dafür in das nächste, drei Stunden entfernte Krankenhaus gegangen. Die restlichen Frauen wären auf dem Berg geblieben – und hätten ohne professionelle Unterstützung entbunden. In der direkten Umgebung gibt es keine Gesundheitsmitarbeiterinnen. Das erhöht das Risiko der Frauen für Komplikationen während der Geburt enorm.

„Wir haben kaum etwas. Wir sind mittellos und befinden uns in einer sehr schwierigen Situation”, so Havin. „Wenn wir uns wenigstens an eine Ärztin wenden könnten, würde uns das schon sehr helfen.”

„Es gibt hier keine Hebammen. Wenn die Zeit knapp wird und das Baby schon unterwegs ist, sind wir auf uns allein gestellt”, so Havin, die zum sechsten Mal Nachwuchs erwartet. Sie lebt zusammen mit ihren Kindern in einem Zelt hoch oben in den Bergen. „Wir Frauen fürchten uns davor, hier auf dem Berg zu entbinden. Es kann sein, dass wir das Krankenhaus nicht rechtzeitig erreichen. Es kommt drauf an. Wenn die Wehen nachts einsetzen, schaffen wir es nicht.”

„Es regnete”, erinnert sich die 21-jährige Naza. „Dazu war es stockfinster. Da wir kein Auto hatten, brachte ich meine Kleine hier zur Welt. Fachpersonal war nicht anwesend – noch nicht einmal eine Hebamme. Mir ging es wohl deshalb danach nicht gut. Ich musste ins Krankenhaus.”