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Afghanistan: Im Gespräch mit Lalma

Seit Beginn der COVID-19-Pandemie hat Medair Mütter in Afghanistan darin unterwiesen, wie sie selber Unterernährung bei ihren Kindern erkennen können.

Die Frauen lernten, wie sie ein MUAC-Massband (Massband zur Ermittlung des Oberarmumfangs) verwenden konnten. Es handelt sich dabei um ein kleines Hilfsmittel, mit dem sich feststellen lässt, ob eine Person unterernährt ist oder nicht. Durch das Ausbildungsangebot und die Verteilung dieser Massbänder kann das Übertragungsrisiko von COVID-19 reduziert werden, da die Früherkennungsuntersuchung zuhause durch die Mutter des Kindes anstatt im Rahmen von Hausbesuchen durch unser Ernährungsteam durchgeführt werden kann.

Im Süden Afghanistans lebt Lalma*, Mutter von fünf Kindern einschliesslich der 17 Monate alten Diwa. Lalma wurde in der Anwendung des MUAC-Massbandes geschult und erzählt uns, welche Hilfe das für sie und andere Mütter in der Gemeinschaft ist.

Sie haben ein Massband bei sich. Wozu verwenden Sie es?

Lalma: Ich habe dieses Massband vom Ernährungsteam von Medair erhalten. Damit können wir prüfen, ob unsere Kinder unterernährt sind. Ist der Befund positiv, melden wir uns zu einer Behandlung in der Medair-Klinik an. Mit dem Massband bin ich in der Lage, zuhause die Fortschritte meiner Tochter Diwa zu überwachen, die aktuell bei Medair in Behandlung ist.

 

Können Sie uns zeigen, wie Sie mit dem Massband den Arm Ihrer Tochter messen?

Lalma: Hier können Sie sehen, dass die Farbskala des Bandes «Rot» anzeigt, wenn ich ihren Arm messe. Das bedeutet, dass sie zu dünn ist, dass sie Nahrung benötigt und eine Behandlung braucht

Lalma misst den Arm ihrer Tochter © Medair

 

Und was bedeuten diese Farben?

Lalma: Zahlreiche Mütter haben ihr MUAC-Massband und eine entsprechende Ausbildung erhalten. So können sie jetzt ihre Kinder selbst überwachen. Sie haben gelernt, dass «Grün» bedeutet, dass das Kind keine Zusatznahrung benötigt, dass es gesund ist. Ausserdem wurden wir Frauen von Medair auch darin unterrichtet, wie wichtig Hygiene, Sauberkeit, Stillen und Corona-Prävention sind.

Wenn die Farbskala «Gelb» oder «Rot» anzeigt, weist dies auf eine Unterernährung hin. Die Mütter wissen dann, dass ihre Kinder zu dünn sind, dass sie sie in die Medair-Klinik bringen müssen, um Zusatznahrung zu erhalten. Tun sie das nicht, wird sich der Zustand ihrer Kinder voraussichtlich verschlechtern und die Wahrscheinlichkeit, dass sie krank werden oder gar sterben, steigt.

Heute bin ich mit Warda und ihrer Grossmutter gekommen, da das Massband bei Warda «Rot» anzeigte, als wir sie prüften. Jetzt wird sie behandelt.

Ihre Grossmutter versorgt Warda mit Zusatznahrung, welche ihr das Ernährungsteam von Medair zur Verfügung stellt. © Medair

 

Wir danken dir so sehr für dein Engagement, Lalma. Die mobile Klinik von Medair ist hier, um euer Dorf zu unterstützen und Kindern wie Diwa und Warda die Versorgung zu bieten, die sie dringend benötigen. Heute erhältst du ein weiteres MUAC-Massband – damit kann die Ernährungssituation von Frauen überprüft werden, genauso, wie bei Kindern. Unser Ernährungsteam wird dir zeigen, wie es funktioniert. Herzlichen Dank noch einmal für deine Unterstützung und dafür, dass du dir heute die Zeit genommen hast, unsere Fragen zu beantworten.

Lalma: Auch ich möchte mich bei euch bedanken. Danke für all eure Unterstützung, durch die wir wichtige Dinge über die Erhaltung unserer Gesundheit lernen. Eine benachbarte Familie hat vor kurzem ein Hygieneset von eurem Team erhalten: Sie war total glücklich! Wir sind sehr dankbar für eure Hilfe.

WUSSTEN SIE, DASS

 

in Afghanistan 41 % der Kinder unter 5 Jahren aufgrund von Hunger unter Wachstumsstörungen leiden– dies ist einer der weltweit höchsten Werte 

mehrere Landesteile Afghanistans mit einem akuten Unterernährungsnotstand konfrontiert sind?

im Jahr 2019 25 von 34 Provinzen Afghanistans den Notfallgrenzwert für akute Unterernährung überschritten haben?

Diese beunruhigende Entwicklung hatte bereits vor dem Ausbruch von COVID-19 eingesetzt.

Landesweit arbeiten unsere Teams intensiv daran, Mütter und Kinder in abgelegenen Gemeinschaften mit dem Nötigsten zu versorgen, damit sie trotz der Pandemie gesund bleiben können.

Bereits Anfang 2020 waren wir mit einer äusserst komplexen Situation konfrontiert: Afghanistan ist gleichzeitig von so vielen verschiedenen Problemen betroffen, dass ein riesiger Bedarf an humanitärer Hilfe entstand. COVID-19 stellte uns zusätzlich vor neue und einzigartige Herausforderungen, so dass wir bereits jetzt wissen, dass die Auswirkungen all dieser kumulierten Probleme bis weit ins nächste Jahr hinein zu spüren sein werden. 2021 wird für das afghanische Volk wahrscheinlich ein kritisches Jahr werden, da es neben den bereits bestehenden Herausforderungen und der Unsicherheit mit den wirtschaftlichen Folgen von COVID-19 zu kämpfen haben wird. Dies alles trifft Kinder und Mütter, die am stärksten gefährdete Personengruppe, unverhältnismässig hart. Unsere Hilfe wird dringend benötigt – vielleicht mehr als je zuvor.

Anna Coffin

Leiterin von Medairs Afghanistan-Programm

Medair bekämpft die Hungerkrise an einigen der weltweit herausforderndsten Orte.

 *Aus Sicherheitsgründen wurden alle Namen geändert.

Medair ist eine humanitäre Hilfsorganisation aus der Schweiz, die Nothilfe und Wiederaufbaumassnahmen für Familien leistet, die durch Naturkatastrophen, Konflikte und andere Krisen in Not geraten sind.

Die Inhalte dieses Artikels stammen von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten sowie am internationalen Hauptsitz. Die Meinungen entsprechen ausschliesslich den Ansichten von Medair und damit nicht unbedingt auch dem offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen.


 

* https://www.unicef.org/afghanistan/nutrition

** UNICEF Afghanistan Humanitarian Situation Report (1 January – 31 December 2019)