Südsudan: Zakarias Geschichte

Zakaria John Zaza arbeitete während des Nothilfeeinsatzes im Lager Mina als Dolmetscher für Medair. Er sprach mit unserer Korrespondentin Stella Chetham ganz offen über sein Leben und die Krise, die er zurzeit als Rückkehrer aus dem Norden selbst erlebt.
Warum hast du den Südsudan ursprünglich verlassen?
Ich floh 1990 aus dem Südsudan. Da war ich 17 Jahre alt. Zwischen den Nord- und Südstaaten des Sudan tobte ein schrecklicher Krieg. Deshalb flohen wir in die Zentralafrikanische Republik. Beim Angriff auf unsere Stadt (Yambio) wurden viele getötet, und die Menschen flohen in Panik. Ich war schockiert.
Meine Familie floh zu Fuss über die Grenze. Die Regierung dort schickte uns in ein Lager namens Mboki. Wir lebten zwei Jahre lang dort. Dann schickte uns die sudanesische Regierung ein Flugzeug, und wir wurden damit in den Norden des Sudan geflogen. Ich liess meine Mutter in der Zentralafrikanischen Republik zurück und machte mich allein auf den Weg in den Norden.
Wie war das Leben in Khartoum?
Als ich in Khartoum ankam, gab es dort ein Lager wie dieses hier. Es wurde von der UNO für die Flüchtlinge bereitgestellt. Nach sechs Jahren wurden uns die Grundstücke dort übergeben, und ich hatte mein eigenes Haus.
Ich lernte, wie man Kleider näht. Das sprach sich herum, und ich eröffnete meinen eigenen Laden. Ich arbeitete weiter als Schneider und heiratete die Mutter meiner Kinder.
Sie war Südsudanesin. Ich verliebte mich in sie, und kurze Zeit später stimmte sie einer Heirat zu. Unser erstes Kind, ein Mädchen, starb. Das zweite Kind war ein Sohn. Sein Name ist Michael [er zeigt auf seine Söhne neben sich], und da ist der Dritte, Peter, und das ist Nummer vier, Emmanuel, und das ist der letzte Sohn, William.
Das Leben wurde immer schwieriger. Die Lebensumstände verschlechterten sich von Tag zu Tag. Wir haben unseren Familien erzählt, dass wir wieder in den Südsudan zurückkehren wollen, und sie haben zugestimmt.
Ich habe meiner Frau erzählt, dass die Menschen nun wieder in den Südsudan zurückkehren, weil sich das Land vom Norden getrennt hat. Ich dachte nicht, dass unser Leben sich im Norden positiv entwickeln würde. Ich hielt es für das Beste, nach Hause zurückzukehren.
Meine Frau war dagegen. Sie sagte, sie wolle nicht in den Südsudan ziehen, da die Bedingungen dort zu schwierig seien. Ihre Mutter und ihr Vater leben im Norden. Sie weiss nichts über den Südsudan.
Was hast du gemacht, als deine Frau nicht mitgehen wollte?
Ich sagte: In Ordnung. Ich nahm meine Kinder und meine Koffer, und dann hat man uns hierher gebracht. Wir waren eineinhalb Tage unterwegs. Es war sehr voll. Die Kinder haben nichts verstanden, ausser der Älteste.
Als wir ankamen, blieben wir mehr als 19 Tage, bis meine Frau schliesslich nachkam. Sie verbrachte sechs Tage hier mit uns. Sie beschwerte sich, weil es keine Wasserleitungen und auch keinen Strom gab und der Fernseher nicht funktionierte. Hier müssen die Menschen das Wasser nach Hause tragen, und es gibt viele Moskitos… [seufzt]

Angela Jacinto aus dem Bundesstaat Western Equatoria trägt einen Wasserkanister auf ihrem Kopf durch das Lager Mina.
Wir sind nun seit zwei Monaten und 14 Tagen hier. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so lange warten müssen. Ich möchte arbeiten, um etwas Geld für meine Kinder zu verdienen, und gleichzeitig muss ich auch für sie kochen, ihre Kleider waschen, mit ihnen ins Krankenhaus gehen, wenn sie krank sind usw. Was soll ich sagen?
Wenn ich könnte, würde ich jetzt sofort auf der Stelle gehen. Ich würde sofort gehen! Auch zu Fuss, wenn das ginge. Ich würde die Kinder auf meine Schultern setzen und zu meiner Mutter gehen. Sie lebt daheim im Bundesstaat Western Equatoria. Sie ist sicher in unserem Haus. Ich kann jetzt nur warten. Wann wir endlich hier weg kommen, weiss nur Gott.
Die Menschen wollen nach Hause. Ja, wir sind vielleicht im Südsudan angekommen, aber die Menschen wollen in die Orte zurück, an denen sie geboren sind.
Es ist 21 Jahre her, seit du Yambio verlassen hast. Was erwartest du bei deiner Rückkehr vorzufinden?
In Yambio? [Macht eine Pause] Die Frage kann ich nicht beantworten. Das ist sehr schwer für mich [Stützt den Kopf in die Hände].
Wenn ich das beantworte, muss ich weinen. Tut mir leid.
Manchmal frage ich mich, warum ich nur in den Norden gegangen bin. Ich hätte einfach in der Zentralafrikanischen Republik bleiben sollen und dann von dort aus wieder nach Hause zurückkehren können. Die Reise von der Zentralafrikanischen Republik nach Hause dauert einen Tag. Jetzt versuche ich nach Hause zurückzukehren und es dauert zwei Monate und länger. Vielleicht kommen wir erst in fünf oder sechs Monaten weiter. [Schüttelt den Kopf] Es ist einfach zu schwer. Ich habe keine Antwort auf diese Frage, das ist einfach zu schwer für mich. [Kämpft mit den Tränen]
Auch meine Mutter. Wann werde ich meine Mutter wiedersehen? Ich weiss nicht, was bis dahin noch passiert. Es ist einfach zu traurig. [Seufzt] Tut mir leid. Weisst du, ich habe schon viele schwierige Situationen hinter mir, und mehr als das. Das ist eine einfache Frage, aber ich habe keine... ich... ich weiss nicht, wie ich die Frage beantworten soll.
Was ist deine Hoffnung für die Zukunft?
Meine Zukunft sind meine Kinder. Wenn ich zu Hause ankomme, dann möchte ich wieder lernen, mich weiterbilden und hart arbeiten und die Schulgebühren für meine Kinder zahlen, und ich möchte, dass sie... ich möchte, dass einer Ingenieur wird, einer Arzt oder so etwas. Und einer Lehrer und einer Apotheker. Hey William, willst du Arzt werden, wenn du gross bist? [Sagt er mit einem Lachen zu seinem zweijährigen Sohn William]
Meine Hoffnung für den Südsudan ist, dass Gott es gut mit uns meint. Wir wollen in unserem neuen Land nicht kämpfen, sondern als ein Volk friedlich zusammenarbeiten. Wir beten zu Gott, dass unser neues Land sich gut entwickelt. Wir brauchen ein Wasserversorgungssystem, Strassen, Flughäfen, Schulen, Universitäten, alles. Das ist meine Hoffnung für den Südsudan.
Das ist auch meine Hoffnung.
Deine Hoffnung ist meine Hoffnung.
Die Südsudanesen sind ein Volk wie jedes andere. Wie die Menschen in Amerika oder Australien lieben wir alle Menschen auf der Welt. Wir lieben die Welt. Wir wollen vor allem Bildung, medizinische Versorgung, Wasser und gute Strassen, damit wir sicher von A nach B kommen.
Ich konnte meine Schulbildung wegen des Krieges nicht beenden. Ich wollte Pilot werden. Vielleicht werde ich das auch eines Tages schaffen. Nichts ist unmöglich.
Gott sei mit dir.
_______________________________________________________________________________
Unternehmen Sie einen Rundgang durch das Lager Mina, wo Zakaria und seine Familie festsitzen und darauf warten, endlich in Zakarias Heimatstadt Yambio weiterreisen zu können.
Hier finden Sie eine Fotogalerie, die das Leben im Lager Mina in anschaulichen Bildern zeigt.
Die Nothilfeteams von Medair versorgen 20 000 Menschen in den Lagern Mina und Abayok mit Zugang zu Wasser, Latrinen und Hygieneschulungen. Zudem bietet Medair im Camp Mina und in der Stadt Renk kostenlose medizinische Versorgung an und verteilt wichtige Hilfsgüter wie Decken, Moskitonetze und Plastikplanen an Menschen ohne Unterkunft.
Dieser Web-Beitrag wurde mit Mitteln erstellt, die Medair-Mitarbeiter vor Ort und am Hauptsitz gesammelt haben. Bei den hierin geäusserten Meinungen handelt es sich ausschliesslich um die Ansichten von Medair; sie geben nicht unbedingt den offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen wieder.




