Südsudan: Nun herrscht Frieden

Medair leistet Soforthilfe für die Bedürftigsten der schätzungsweise 250 000 Menschen, die nach dem Unabhängigkeitsreferendum in den Südsudan zurückgekehrt sind.

Medair leistet Soforthilfe für die Bedürftigsten..

...der schätzungsweise 250 000 Menschen, die nach dem...

...Unabhängigkeitsreferendum in den Südsudan zurückgekehrt sind.
Asunta Awok erinnert sich noch lebhaft daran, wie sie im Alter von nur 20 Jahren aus dem vom Krieg zerrütteten Südsudan floh. Sie lief drei Tage lang ohne Unterbrechung und Schlaf. In den vergangenen 25 Jahren lebte sie in Khartoum im Norden des Landes. In dieser Zeit heiratete sie, gebar vier Kinder und begrub später ihren Ehemann. Jetzt mit 45 ist sie mit ihren Kindern in ihre Heimat zurückgekehrt und brennt darauf, sich ein neues Leben im jüngsten Land der Welt aufzubauen.
„Ich bin zurückgekommen, weil ich hier geboren wurde. Schon meine Grosseltern wurden hier geboren”, sagt Asunta. „Ich bin nur weggegangen, weil Krieg war. Aber nun herrscht hier Frieden.”
Hunderttausende Menschen wie Asunta haben voller Hoffnung auf ein besseres Leben die gefährliche Reise zurück in den Südsudan unternommen. Die Heimkehrer haben ihre Arbeit, ihr Zuhause und mitunter ihr ganzes Leben zurückgelassen. Viele von ihnen verkauften ihren ganzen Besitz, um sich die Heimkehr leisten zu können; anderen wurde er auf dem Weg gestohlen.
Asunta und ihre Kinder mussten eine lange, traumatische Busfahrt überstehen, um von Khartoum in den im nördlichen Südsudan gelegenen Bundesstaat Bahr el Ghazal zu gelangen. Auf der Fahrt wurde ihr Bus von bewaffneten Milizen angehalten, die eine Frau töteten, weil sie sich weigerte, ihnen ihr Kind zu überlassen.
Der Jahrzehnte anhaltende Krieg hat die Region verwüstet, sodass die Entwicklung der grundlegenden Wasser-, Sanitär- und Gesundheitsversorgung vor allem in den ländlichen Gebieten gelitten hat, in denen sich die meisten Rückkehrer niederlassen. Hilfsorganisationen wie Medair arbeiten eng mit der Regierung des Südsudan zusammen, um für eine sichere Wiederansiedlung der Rückkehrer zu sorgen.
„Es werden noch viel mehr Menschen aus Khartoum kommen”, sagt Asunta. „Uns wurde gesagt, dass es hier Wasser, Schulen und Krankenhäuser für uns gibt. Aber es ist nichts da.”
An den Grenzen der Belastbarkeit
Asunta stieg in der Siedlung Apata aus dem Bus, wo sie nun als eine von 11 000 in einem provisorischen Lager lebt. Bereits vor dem jüngsten Zustrom von Rückkehrern hatte die Grenzregion mit den Problemen einer wachsenden Bevölkerung zu kämpfen. Seit Jahren schon siedeln sich in der Region Binnenflüchtlinge aus der Konfliktregion Darfur an, wobei ihre Zahl in den vergangenen Monaten stark zugenommen hat.
„Es kommen unglaublich viele Menschen an, die hier praktisch nichts vorfinden”, erklärt Jesse Pleger, WASH-Berater von Medair. „Sie bleiben einfach sich selbst überlassen, kampieren unter Bäumen oder in der Nähe von Wasserstellen und belasten die ohnehin schon knappen Ressourcen an Wasser und medizinischer Versorgung noch zusätzlich.”
Das Leben in den Siedlungen ist schwierig. Die Wasserversorgung ist mangelhaft und aufgrund der Überbevölkerung und wegen fehlender Latrinen herrschen desaströse sanitäre Zustände. Cholera ist in der Gegend endemisch und die katastrophalen Zustände bieten einen idealen Nährboden für Seuchen.
Ein Wasserreservoir für die Siedlung Apata
Die Wasserversorgung hat sich zur dringendsten und vorrangigen Aufgabe entwickelt. „Alle Untersuchungen ergaben, dass das Wasserproblem bei Weitem das grösste ist”, erklärt WASH-Techniker Tim Liptrot.
„Natürlich kann man denken, dass ein Kilometer bis zu einem Brunnen nicht zu weit ist, aber die Menschen müssen auf dem Rückweg die vollen schweren Kanister schleppen”, sagt Tim. „Wenn man bedenkt, dass die meisten Familien zwischen fünf und zehn Kanister Wasser am Tag brauchen, heisst das, dass sie die meiste Zeit des Tages zum Brunnen und zurück gehen oder dort anstehen.”
Unser Emergency Response Team (ERT) für den WASH-Fachbereich ist daher in sieben Siedlungen in ganz Aweil Nord im Einsatz. Das ist der Teil des Bundesstaates mit den meisten Rückkehrern. Das Team repariert Brunnen und erhöht deren Fördermenge, errichtet provisorische Latrinen und bildet einheimische Gesundheits- und Hygieneförderer aus. Anschliessend wird das ERT nach Aweil West reisen, um dort 27 zusätzliche Bohrlöcher wieder instand zu setzten. Diese Arbeit wird durch die Unterstützung von privaten Spendern und des Europäischen Amts für humanitäre Hilfe ermöglicht.
In Apata sollte es laut einer Bedarfsermittlung von Medair mindestens 16 Brunnen geben, damit eine ausreichende Wasserversorgung für die Familien sichergestellt ist. Es gab jedoch nur drei. Für einen Kanister Wasser musste man jeweils zwei bis drei Stunden anstehen.
Als Sofortmassnahme installierte das WASH-ERT von Medair am Hauptbrunnen ein Verteilungssystem mit mehreren Wasserhähnen, sodass sechs Personen gleichzeitig Wasser holen können. „Als wir am nächsten Tag zum Brunnen zurückkamen, konnte man das Resultat schon von Weitem sehen”, berichtet Tim. „Statt einer langen Schlange von etwa 100 Personen standen nur einige wenige um die neuen Wasserhähne.”
Friedenslieder
Die meisten Bewohner dieser Siedlungen stammen ursprünglich aus dem Südsudan, aber es gibt auch Siedlungen mit Binnenflüchtlingen, die nicht von hier stammen, sondern vor dem anhaltenden Konflikt in Darfur geflohen sind.
„Wir wollen nicht zurückgehen, sondern hier leben”, sagt die fünffache Mutter Akon Malith. „In Darfur hatten wir zwar reichlich Essen und Wasser, aber es wurde ständig gekämpft, sodass wir nachts nicht schlafen konnten. Aber hier ist die Pumpe des Brunnens kaputt und wir müssen in die Stadt gehen, um Wasser aus den dortigen Flachbrunnen zu holen.”
Als Sofortmassnahme reparierte das ERT von Medair die beiden kaputten Brunnen in Akons Binnenflüchtlingssiedlung. Bis heute hat das Medair-Team bereits 16 Brunnen in Aweil Nord repariert.
„Hier können wir gut schlafen und sogar die Abende bei Trommelspiel und Tanz geniessen”, sagt Akon. „Wir möchten uns für ein weiterhin friedliches Miteinander verbünden. Darüber singen wir. Ausserdem bitten wir Gott in Liedern und Gebeten um Freiheit und dass es nie mehr Krieg im Sudan geben möge.“
In diesem Augenblick versammelten sich einige Flüchtlingsfrauen um das Medair-Team und begannen zu singen. „Wir wissen es zu schätzen, dass ihr zu uns gekommen seid und euch ein Bild von unseren Lebensbedingungen macht”, erklingen ihre Stimmen. „Wir danken der hiesigen Bevölkerung, dass sie uns aufgenommen hat. Wir danken allen!”
Wendepunkt
Medair geht davon aus, dass in den kommenden Monaten bis zur Unabhängigkeit im Juli weitere Rückkehrer und Binnenflüchtlinge in die Region strömen werden. Zwar stellen die Ressourcenknappheit und die nicht vorhandene grundlegende Infrastruktur eine grosse Herausforderung für den friedlichen Wiederaufbau des Landes dar, doch Medair ist fest entschlossen, dem Südsudan in dieser historisch wichtigen Zeit mit Soforthilfe- und Wiederaufbaumassnahmen zur Seite zu stehen.
„Es ist ein Privileg für uns, diesen Wendepunkt in der Geschichte dieses Teils von Afrika miterleben zu dürfen”, sagt die stellvertretende Medair-Landesverantwortliche Caroline Boyd. „Wir möchten den Menschen im Südsudan beim Übergang zu einem friedlichen neuen Land tatkräftig helfen.”
„Ich bin glücklich, hier im Südsudan zu sein”, sagt die 45-jährige Asunta. „Auch wenn wir nichts haben, bin ich glücklich. Ich hoffe, dass meine Kinder hier in die Schule und auf die Universität gehen werden, um Arzt oder Lehrer zu werden.”
Nach viel zu vielen Jahren des Konflikts sehen die leidgeprüften Menschen im Südsudan nun voller Hoffnung auf eine neue Ära, die ihrer Heimat Frieden und Wohlstand bringen soll. Doch damit dieser einst unerreichbare Traum in Erfüllung geht, müssen wir ihnen heute helfen und für die Übergangsphase eine lebensrettende Grundinfrastruktur aufbauen. Bitte spenden Sie noch heute an Medair.
Das Südsudan-Hilfsprogramm von Medair wird durch das Europäische Amt für humanitäre Hilfe, den Common Humanitarian Fund, den Multi-Donor Trust Fund, die Schweizer Glückskette, den Basic Services Fund, die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, The Big Give (UK) und private Spender unterstützt.
Seit 1991 hilft Medair den stark bedürftigen Menschen, insbesondere Frauen und Kindern unter fünf Jahren, im vom Konflikt betroffenen Südsudan. Derzeit sind wir im Bundesstaat Obernil (Bezirke Melut und Manyo) im WASH-Bereich (Wasser, Sanitäranlagen und Hygiene) und im Gesundheitsbereich im Einsatz, während unser Nothilfeteam schnelle und lebensrettende Hilfe bei Krisen in zehn südsudanesischen Bundesstaaten leistet.
Dieser Web-Beitrag wurde mit Mitteln erstellt, die Medair-Mitarbeiter vor Ort und am Hauptsitz gesammelt haben. Bei den darin vertretenen Meinungen handelt es sich ausschliesslich um die Ansichten von Medair; sie geben nicht unbedingt den offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen wieder.


