Südsudan: Mit kleinen Schritten in die Unabhängigkeit

Medair-Mitarbeiterin Stella Chetham verbringt einen Tag im Zentrum für medizinische Grundversorgung in der Stadt Melut.
Angor sitzt neben ihrer eineiigen Zwillingsschwester Nyachan auf dem Rand des Bettes. Aber die Kinder sehen sich kaum ähnlich. Tawel wartet auf die Behandlung ihrer unterernährten Tochter Nyachan (rechts), während ihre gesunde Zwillingsschwester Angor (links) neben ihr sitzt.
Nyachan ist 18 Monate alt und sehr krank. Sie liegt teilnahmslos im Bett, die Haut an ihren winzigen Armen und Beinen hängt schlaff herunter. Angor dagegen ist gesund und wohlgenährt. Sie ist fröhlich, spielt mit ihrer älteren Schwester und ist ein sehr aufgewecktes Mädchen.
Wenn Dr. Sarah Fry von Medair Nyachans Armumfang mit einem Plastikband zur Feststellung von Unterernährung vermisst, dann liegt das Ergebnis weit im roten Bereich. Rot bedeutet stark unterernährt. Nyachan braucht dringend eine Behandlung, um zu überleben.
Ein Tag in der Klinik von Melut
Ich besuche an diesem Tag das Zentrum für medizinische Grundversorgung in der Stadt Melut zusammen mit Dr. Fry, einer Gesundheitsmanagerin bei Medair. Sie besucht regelmässig unsere Kliniken im Bezirk Melut und berät, unterstützt und schult das medizinische Personal vor Ort.
„Viele medizinische Mitarbeiter sind sehr engagiert, aber wegen des Krieges haben viele nur die Grundschule besuchen können und eine neunmonatige Ausbildung zum medizinischen Mitarbeiter absolviert“, erzählt mir Dr. Fry. „Und bevor Medair hier tätig wurde, gab es nur wenige Möglichkeiten für die Ausbildung von medizinischem Personal, das dann hier vor Ort hätte helfen können.“
Zu Beginn unseres gemeinsamen Tages machen Dr. Fry und ich einen kurzen Zwischenstopp beim Bezirksgesundheitsamt, wo Hunderte Kisten mit dringend benötigten Medikamenten angekommen sind. Diese werden nun aufgeteilt und in die Gesundheitseinrichtungen im Bezirk gebracht, darunter auch sieben von Medair unterstützte Kliniken.
Bis vor Kurzem stellte Medair noch die Medikamente und medizinischen Behandlungssets für alle Kliniken zur Verfügung. Wir arbeiten jedoch mit den lokalen Behörden zusammen, die nun einen eigenen Versorgungsdienst auf die Beine gestellt haben. Die heutige Lieferung zeigt eine entscheidende Entwicklung, da die gesamte Belieferung der Kliniken des Bezirks vom Gesundheitsministerium organisiert wurde – ein grosser Schritt in Richtung Unabhängigkeit und weg von der Hilfe von aussen.
Bereits bei unserer Ankunft ist in der Klinik viel Betrieb. Und gleich zu Beginn treffen wir die kleine Nyachan und ihre Schwester sowie ihre Mutter Tawel. Die Familie wurde von der Klinik in Kaka aus dem Nachbarbezirk hierhergeschickt. „Nyachan wurde vor fünf Monaten krank“, erzählt uns Tawel. „Zuerst war Angor krank, aber sie erholte sich wieder. Dann wurde auch Nyachan krank, aber sie erholte sich nicht.“
Tawel und ihre Familie sind erst kürzlich aus dem Norden in diese Gegend zurückgekehrt, zusammen mit Hunderttausenden anderen, die zurückgekommen sind, um den neuen unabhängigen Südsudan aufzubauen. Jedoch hat der Zustrom an Rückkehrern, zu denen auch Tawel und ihre Familie gehören, dazu geführt, dass der Bedarf an medizinischer Versorgung in den bereits unterversorgten Regionen immer weiter angestiegen ist.
„Dieses Gesundheitszentrum bedeutet uns sehr viel“, sagt Tawel. „Wir sind nun seit fünf Tagen hier. Nyachan bekommt eine spezielle Behandlungsmilch und Plumpy’nut, und es geht ihr schon besser.“ Medair betreibt ein ambulantes Ernährungsprogramm in der Klinik von Kaka, was bedeutet, dass Nyachan nach der Entlassung ihre Behandlung zuhause fortsetzen kann.
Wo soll man auch sonst hin?
Während meines Besuchs in der Klinik von Melut kommen immer mehr Patienten. Wir behandeln drei Patienten, die an der Tropenkrankheit Kala-Azar leiden, einen siebenjährigen Jungen mit einer Magenerkrankung, eine Frau mit Rückenschmerzen und Blutarmut, eine Frau mit Zahnschmerzen und eine Mutter, die erst kürzlich eine Fehlgeburt erlitten hat. Während ich zusehe, wie einer nach dem anderen in den Behandlungsraum kommt, wird mir klar, dass sie alle mit ihren unterschiedlichen Krankheiten für die medizinische Versorgung nur in diese Klinik kommen können.
„Als Medair hier ankam, war der Zugang zu medizinischer Versorgung sehr beschränkt“, erklärt mir Dr. Fry. „Jetzt ist die Klinik jeden Morgen schon gut besucht, und viele Patienten kommen von weit her, da sie gehört haben, dass es einem nach dem Besuch in dieser von Medair unterstützten Einrichtung besser geht.“
Seit vier Jahren unterstützt Medair bereits das Gesundheitsministerium in der Bereitstellung von umfangreichen Gesundheitsdiensten im Bezirk Melut. Zusätzlich zur Hauptklinik unterstützt Medair sechs vom Gesundheitsministerium betriebene Einrichtungen zur medizinischen Grundversorgung in abgelegenen Regionen des Bezirks. Mit sehr wenigen anderen Gesundheitsdiensten im Radius von mehreren hundert Kilometern ist dieses Netz die einzige medizinische Versorgung für die Menschen hier.
„Es ist wirklich anders als die Arbeit im Westen“, sagt Sarah. „Hier fangen wir bei null an. Wenn das medizinische Personal die wichtigsten Symptome der häufigsten Krankheiten zu erkennen lernt und die Menschen entsprechend behandelt, dann ist das ein grosser Fortschritt gegenüber früher.“
Schulung ist wichtig
Im ambulanten Behandlungszimmer betreut Dr. Fry Lul, den neusten Mitarbeiter der Klinik. Wie viele medizinische Mitarbeiter ist auch Lul nach der neunmonatigen Ausbildung nur in der Lage, Diagnosen für die einfachsten Krankheiten zu erstellen und diese zu behandeln, aber er und die anderen Mitarbeiter zeigen grosse Lernbereitschaft.
Durch das Ausbildungs- und Beratungssystem von Medair werden allmählich Fortschritte sichtbar. So werden nach neun Monaten intensiver Schulung und Betreuung mehr Kinder richtig gegen häufig auftretende Krankheiten (Malaria, Lungenentzündung und Durchfall) behandelt. Anfang 2010 bekamen nur 40% die bestmögliche Behandlung. Dieser Wert hat sich Ende 2010 auf 73% verbessert.
„Ich arbeite seit 2008 hier und wir machen jetzt so viele neue Dinge“, sagt Margaret, die sudanesische Krankenschwester, die die Klinik leitet. Ich frage Margaret, ob sich ihre Kenntnisse seit der Zusammenarbeit mit Medair verbessert haben. Sie nickt heftig und zählt stolz eine Reihe an Fähigkeiten auf, die sie neu erlernt hat, zum Beispiel, wie man eine Infusion legt, Blutarmut erkennt und eine Anamnese durchführt.
„Letzte Woche wurde ein Mann in die Klinik gebracht, der jammerte und wegen seines hohen Fiebers fantasierte“, erzählt mir Dr. Fry. „Früher wäre das vom Personal vor Ort oft falsch diagnostiziert worden. Aber der sudanesische Dienstleiter James erkannte es sofort als zerebrale Malaria und half dem übrigen Personal, den Mann richtig zu behandeln. Am nächsten Tag ging es ihm so gut, dass er entlassen werden konnte.“
In dieser fast vergessenen Region des Südsudan ist die Arbeit, der ich heute beiwohnen durfte, ein wahres Zeichen der Nächstenliebe. Der Aufbau eines funktionierenden Gesundheitssystems in solch einer weitläufigen und unterentwickelten Gegend – wo zuvor kaum Gesundheitsdienste vorhanden waren, wo Krankheiten und Armut an der Tagesordnung sind und das Bildungsniveau sehr niedrig ist – ist eine wahre Herkulesaufgabe, die viele vielleicht als aussichtslos abgetan hätten. Aber das Medair-Team hat sich dieser Herausforderung gestellt, und langsam aber sicher sind unbestreitbare Erfolge zu sehen. „Das medizinische Personal der ganzen Region wird ständig geschult, und wir hoffen, dass dieses Wissen auch erhalten bleibt, wenn wir die Region verlassen“, sagt Dr. Fry.
„Das System von Medair, Leute aus einer Gemeinde in der Nähe für die Schulung der medizinischen Mitarbeiter einzusetzen, ist sehr gut“, sagt Margaret. „Das hilft uns sehr. Die Patienten erholen sich. Wenn es diese Behandlungen nicht gäbe, weiss ich nicht, was passieren würde.“
Medair unterstützt die umfangreiche primäre Gesundheitsversorgung in den Bezirken Melut und Manyo im Südsudan. Wir planen zudem eine Unterstützung des primären Gesundheitssystems in zwei weiteren unterversorgten Regionen des Südsudan. Bitte spenden Sie noch heute an Medair.
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Die Arbeit von Medair für die primäre Gesundheitsversorgung im Bezirk Melut wird durch den Basic Services Fund, den Common Humanitarian Fund, die Schweizer Glückskette und private Spender unterstützt.
Seit 1991 kümmert sich Medair um die Nöte der Bedürftigsten im Südsudan, insbesondere um Frauen und Kinder unter fünf Jahren. Zurzeit sorgen wir für die Bereitstellung von WASH- (Wasser, sanitäre Einrichtungen und Hygiene) und Gesundheitsdiensten im Bundesstaat Obernil (Bezirke Melut und Manyo), während unsere Emergency Response Teams bei Krisen schnelle lebensrettende Hilfe in den zehn Bundesstaaten des Südsudan leisten.
Dieser Web-Beitrag wurde mit Mitteln erstellt, die Medair-Mitarbeiter vor Ort und am Hauptsitz gesammelt haben. Bei den darin geäusserten Meinungen handelt es sich ausschliesslich um die Ansichten von Medair; sie geben nicht unbedingt den offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen wieder.





