Medair

International Humanitarian Aid Organisation

Medair in Ihrer Nähe

Südsudan: Leben retten im Schein von Taschenlampen

Leben retten im Schein von Taschenlampen

Das Emergency Response Team (ERT) von Medair findet „unvorstellbare Zustände” vor, als es auf einen Seuchenausbruch im Südsudan reagiert.

Kaluak wusste, dass er krank, ja sogar sehr krank war. Auch sein Sohn war krank. Er kannte die Symptome: Ohne Behandlung würden sie möglicherweise sterben. Kala-Azar: Unzählige Familien im Südsudan leiden an dieser tödlichen Parasitenkrankheit, die von winzigen Sandfliegen übertragen wird. Kala-Azar führt zu Fieber, Gewichtsverlust, einer vergrösserten Milz, Hautausschlag, Blutarmut, Durchfall, Müdigkeit und bei Ausbleiben einer Behandlung zum Tod.

Doch Kaluak und seine Familie lebten weit vom Gesundheitszentren in Old Fangak entfernt. Er und seine Frau Nyaruach mussten einen ganzen Monatslohn ausgeben, um ein Boot zu mieten, mit dem sie, ihre vier Kinder und Nyaruachs ebenfalls kranke Schwester die dreitägige Reise nilabwärts unternehmen konnten.

Nach ihrer Ankunft in Old Fangak bot sich ihnen ein schockierender Anblick: Hunderte kranker, lethargischer Menschen hatten sich eingefunden. Einige von ihnen waren so dünn, dass sie kaum mehr am Leben waren. Familien, die in diesem winzigen, abgelegenen Dorf keine Unterkunft hatten und nichts anderes tun konnten, als auf ihre tägliche Behandlung zu warten, schliefen unter freiem Himmel und beteten für ihr Überleben.

Der Tod war allgegenwärtig in diesem winzigen Dorf. Obwohl sie sofort behandelt wurde, erlag Nyaruachs Schwester ihrer Krankheit bald nach der Ankunft. „Sie bekam Injektionen und Bluttransfusionen, aber nichts half”, sagt Nyaruach. „Die Blutung liess sich nicht stoppen, und schliesslich verblutete sie.”

Kala-Azar und die damit einhergehende Unterernährung lässt die Betroffenen stark abmagern und lethargisch werden.

Krise in Old Fangak
Im Gesundheitszentrum von Old Fangak waren Dr. Jill Seaman und ihre einheimischen Mitarbeiter Tag und Nacht im Einsatz, um Menschenleben zu retten. Doch da die Zahl der Neuankömmlinge täglich wuchs, wusste Dr. Seaman, dass zu viele Menschen zu behandeln waren, dass die Krise eskalierte und ausser Kontrolle geriet.

„Kala-Azar hat sich hier eindeutig zu einer katastrophalen Epidemie entwickelt”, sagt Dr. Seaman, eine internationale Kala-Azar-Expertin aus Alaska, die seit 21 Jahren für ihre NGO Sudan Medical Relief im Südsudan tätig ist.

„Die Klinik in Old Fangak ist für etwa 30 bis 40 Patienten am Tag ausgelegt”, erklärt sie. „Momentan behandeln wir aber 700 bis 900 Patienten, die sich jeden Morgen hier einfinden und unter Bäumen warten, bis sie an der Reihe sind.”

Dr. Seaman weiss besser als die meisten anderen, wie tödlich Kala-Azar sein kann. 1989 erlebte sie eine Epidemie, bei der über die Hälfte der Bevölkerung in ihrem Einsatzgebiet starb. „Zwar gab es seitdem weitere Epidemien, aber diese hier ist die schlimmste seit 20 Jahren”, berichtet sie. „Und nun breitet sie sich langsam auf bisher noch nicht betroffene Gebiete aus.”

Dr. Seaman wusste, dass sie Hilfe brauchte, und zwar schnell. Also wandte sie sich an Medair. „Ich kenne Medair schon lange”, sagt sie. „Medair verfügt im Gegensatz zu vielen anderen NGOs über die erforderliche Fachkompetenz für Notsituationen und kann sehr schnell reagieren. Es kamen sofort Mitarbeiter nach Old Fangak, um zu sehen, wo sie helfen konnten.”

Unvorstellbare Zustände
Medair-Mitarbeiterin Stella Chetham hat bereits mehr als genug herzzerreissende Szenen im Südsudan gesehen, doch auf das, was sie in Old Fangak erwartete, war selbst sie nicht vorbereitet.

„Die Zustände vor Ort waren unbeschreiblich“, berichtet Stella. „Die Klinik quoll über vor Patienten, von denen viele schwerstkrank waren. Bei dieser furchtbaren Krankheit werden die Patienten extrem geschwächt und sind dadurch anfällig für andere Infektionen. Viele sind bis auf die Knochen abgemagert.“

„Als wir die Klinik betraten, kam es mir so vor, als wären wir 50 oder 100 Jahre in der Zeit zurückgereist”, erzählt sie weiter. „Trotzdem leistet das Team mit den wenigen vorhandenen Ressourcen unglaublich professionelle Arbeit. Die Klinikangestellten arbeiten bis spät in der Nacht im Schein von Taschenlampen, die die baufälligen und stark heruntergekommenen Stationen kaum zu erhellen vermögen. Zwischen den Betten laufen kleine Kinder herum, die nicht wissen, wohin sie gehen sollen. Die meisten stationären Patienten sind völlig lethargisch und apathisch.”

Das ERT von Medair
Unser ERT machte sich rasch an die Arbeit. Wir unterstützten Dr. Seaman durch die Untersuchung und Behandlung von Kala-Azar-Patienten, die Belieferung mit dringend benötigten medizinischen Verbrauchsgütern, die Versorgung unterernährter Patienten, die Verabreichung von Impfungen, die Durchführung von Gesundheits- und Hygieneaufklärung sowie die Verteilung von Moskitonetzen zum Schutz gegen die Schwärme von krankheitsübertragenden Sandfliegen.
 
„Jeden Tag impft das Medair-Team die neu aufgenommenen Patienten. Das ist wirklich wunderbar“, sagt Dr. Seaman. „Die Medair-Mitarbeiter kümmern sich auch um die Ausgabe von Moskitonetzen, womit sie mich sehr entlasten. Und natürlich betreiben sie Gesundheitserziehung, indem sie den Menschen erklären, wie wichtig die Benutzung der Netze ist. Bisher waren wir nicht in der Lage, eine vernünftige Gesundheitserziehung zu betreiben.”

Bald begann Medair mit der Schulung Einheimischer, damit diese auch Impfungen durchführen können. „Ich habe etwas über sechs tödliche Erkrankungen und ihre Auswirkungen auf den Menschen gelernt“, sagt der frisch ausgebildete Impfhelfer Tito Dualchol. „Die meisten Menschen verstehen nicht, warum sie sich impfen lassen sollten. Wir gehen in die Dörfer der Umgebung und mobilisieren die Menschen, sodass sie es verstehen und ihre Kinder herbringen.“

„Am schlimmsten ist es für mich, wenn ich Menschen sehe, die erst in die Klinik kommen, wenn die Krankheit bereits fortgeschritten ist“, sagt Medair-Ärztin Dr. Joy Lomole, die an der Seite von Dr. Seaman arbeitet. „Besonders schmerzlich ist, dass man eher etwas hätte tun können, wenn die Betroffenen nur besser Bescheid gewusst hätten.”



Dr. Seaman und Dr. Lomole arbeiten bei der Behandlung eines kranken Kindes Hand in Hand.

Kala-Azar und Unterernährung
Zwei Tage lang ging Nyayiek zu Fuss durch Sumpfland, um zum Gesundheitszentrum von Old Fangak zu gelangen. Dabei trug sie ihren todkranken sechsjährigen Ruach. Als sie bei Dr. Seaman und Dr. Lomole ankam, war Ruach schwach und teilnahmslos geworden. Nyayiek befürchtete, dass er sterben würde.

Die beiden Ärztinnen wussten, dass es keine Zeit zu verlieren galt. Sie behandelten Ruach wegen Kala-Azar, vermuteten aber noch eine weitere Infektion wie Tuberkulose. Dank der Behandlung ging es Ruach allmählich besser, aber er war nach wie vor stark unterernährt.

Kala-Azar-Patienten leiden oft zusätzlich an Unterernährung und benötigen Ernährungshilfe, um genesen zu können. Nachdem Ruach zwei Wochen wegen seiner Unterernährung behandelt worden war, entwickelte er sich prächtig. „Er isst jetzt, und seine Wangen sind sichtbar runder und weniger eingefallen”, sagt Stella Chetham. „Alle Klinikmitarbeiter sind höchst erfreut, da sie nicht sicher waren, ob er es schaffen würde.”

Die Kala-Azar-Epidemie traf Old Fangak besonders schwer, doch kam es im ganzen Bundesstaat Jonglei zu einem plötzlichen Anstieg der Krankheitsfälle. Daraufhin entsandte Medair ERTs nach Jiech und Ayod, um die Gesundheitseinrichtungen während der Krise bei ihrer lebensrettenden Arbeit zu unterstützen.

Neue Probleme in Old Fangak
In Old Fangak erholten sich Kaluak und sein Sohn langsam von ihrer Kala-Azar-Erkrankung. Allerdings standen sie nun wie Hunderte andere Menschen vor einem anderen Problem. „Wie sollen wir danach überleben?” fragt Kaluak. „Mein ganzes Geld wurde durch die Reise aufgebraucht.”

Da so viele Kranke und ihren Familien gezwungen waren, in der Nähe von Old Fangak zu bleiben, war niemand mehr zu Hause, um die Felder zu ernten oder Geld zu verdienen. Und das in einer Region, in der viele Menschen bereits vor der Epidemie Schwierigkeiten hatten, ihre Familie zu versorgen. In Old Fangak brachte die wachsende Zahl der Patienten ohne Unterkunft und genügend Geld neue Probleme für die einheimischen Bewohner.

„Es sind 2000 bis 3000 Menschen mehr als sonst hier, die keine Unterkunft haben”, sagt Dr. Seaman. „Ich weiss nicht, was wir tun sollen. Die Latrinen sind voll; sie wurden letztes Jahr lediglich für den Notfall errichtet. Ausserdem trinken die Menschen das Wasser aus dem Fluss. Das Krankenhaus ist nicht dafür ausgelegt, rund um die Uhr Patienten zu versorgen.”

Um Abhilfe bei den überlaufenden Latrinen zu schaffen, reiste das für den WASH-Fachbereich (Wasser, Sanitäranlagen und Hygiene) zuständige ERT von Medair nach Old Fangak. Das Team errichtete 26 neue Latrinen und bildete 20 Dorfbewohner zu Hygieneförderern aus, die dabei helfen, die geschwächte Bevölkerung vor der Ausbreitung anderer tödlicher Krankheiten zu schützen.

Spürbarer Unterschied
„Ich wünschte, ich könnte alle, die ich kenne, hierher bringen, damit sie mit eigenen Augen sehen, was hier los ist. Das ist, fürchte ich, die einzige Möglichkeit, wie man sie dazu bringen kann, es wirklich zu glauben”, sagt Stella Chetham. „Es schockiert mich, dass es mancherorts so viel Wohlstand gibt, während andernorts so grosses Elend herrscht. Ich denke, dass vielen Menschen gar nicht bewusst ist, dass etwas so schlimm sein kann.“

„In dieser einen Klinik und bei diesem einen Projekt trägt jede Spritze, jede Impfung und jeder zusätzliche Helfer spürbar dazu bei, mehr Leben zu retten und Menschen zu helfen. So einfach ist das. Und die Menschen sind wirklich aus tiefstem Herzen dankbar, dass ihnen geholfen wird.”

Angesichts der anhaltenden Kala-Azar-Epidemie, die verheerende Auswirkungen auf die Familien im Südsudan hat, unterstützen die ERTs von Medair aktiv Gesundheitseinrichtungen im Kampf gegen die Epidemie in Jonglei und den Bundesstaaten am oberen Nil.

Möchten auch Sie entscheidend dazu beitragen, die Lebenssituation der Menschen im Südsudan zu verbessern? Zeigen Sie sich solidarisch mit den engagierten Helfern wie Dr. Seaman, Stella Chetham und Dr. Lomole, die unermüdlich im Einsatz sind und selbst im Schein von Taschenlampen Leben retten. Zeigen Sie Ihr Mitgefühl, und unterstützen Sie all jene, die so sehr leiden und dennoch mutig weitermachen – Väter wie Kaluak, Mütter wie Nyayiek und Kinder wie der kleine Ruach.

Bitte spenden Sie noch heute an Medair. Dank Ihrer Spende können wir überall dort auf Notsituationen reagieren, wo die Not am grössten ist.


_______________________________________________________________


Das Medair-Programm im Südsudan wird durch die E.K. Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz, den Common Humanitarian Fund, den Multi-Donor Trust Fund, die Schweizer Glückskette, den Basic Services Fund, die Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, „The Big Give“ (Vereinigtes Königreich) und private Spender unterstützt.

Seit 1991 hilft Medair den stark bedürftigen Menschen, insbesondere Frauen und Kindern unter fünf Jahren, im vom Konflikt betroffenen Südsudan. Derzeit sind wir im Bundesstaat Obernil (Bezirke Melut und Manyo) im WASH-Bereich (Wasser, Sanitäranlagen und Hygiene) und im Gesundheitsbereich im Einsatz, während unser Nothilfeteam schnelle und lebensrettende Hilfe bei Krisen in zehn südsudanesischen Bundesstaaten leistet.

Dieser Web-Beitrag wurde mit Mitteln erstellt, die Medair-Mitarbeiter vor Ort und am Hauptsitz gesammelt haben. Bei den darin vertretenen Meinungen handelt es sich ausschliesslich um die Ansichten von Medair; sie geben nicht unbedingt den offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen wieder.






Spenden Sie heute



Bleiben Sie informiert



Nachrichten von Medair

Das Herzstück unserer Arbeit

Somalia -

In den Lagern Somalilands kommen verschiedene Formen...

Brücken bauen

Kongo (DRC) -

Medair richtet einen lebenswichtigen humanitären...