Kongo (DRC): Leben in Ango

Medair leistet Hilfe für bedürftige Menschen in einer fast vergessenen Region der Demokratischen Republik Kongo.
Bis September letzten Jahres lebte der 22-jährige Tanda mit seinen Eltern und seinen drei Brüdern zufrieden im Dorf Asa/Suduki. Er war ein ehrgeiziger Schüler, und das Lernen war sein Lebensmittelpunkt. Doch dann änderte sich alles schlagartig.
Ohne Vorwarnung überfiel eine Miliztruppe das Dorf, tötete dabei einen Einwohner und terrorisierte die übrige Bevölkerung. Tanda und seine Brüder flohen zu Fuss in die 65 Kilometer entfernte Stadt Ango. Ihre Eltern arbeiteten zum Zeitpunkt des Angriffs auf dem Feld und flohen daher in die Zentralafrikanische Republik. Sie hofften, ihre Kinder dort wiederzutreffen.
„Als wir in Ango ankamen, erzählte man uns, dass unser Haus und alles darin niedergebrannt worden war“, berichtet Tanda. „Früher mussten wir uns nur um die Schule Sorgen machen. Ohne unsere Eltern sind wir nun auf uns allein gestellt. Uns fehlen viele Dinge. Etwas zu essen oder Kleidung zu bekommen ist schwierig. Wir haben kein Geld.“
In den letzten zwei Jahren wurden häufig Dörfer in der Region um Ango im Bezirk Bas-Uélé überfallen, und so steht Tandas Geschichte stellvertretend für die unzähliger anderer, denen es ähnlich erging. „Wir haben alles verloren“, sagt der Vorsitzende des Binnenflüchtlingskomitees in Ango, Oscar Musi Sasa. „Wenn man in die verlassenen Dörfer zurückgeht, findet man nichts mehr vor. Es ist, als hätte dort nie jemand gelebt.“
Vor den Übergriffen hatte Ango etwa 8000 Einwohner, aber da jetzt Vertriebene und Rückkehrer hierher kommen und Schutz suchen, leben mittlerweile 20 000 Menschen in der Stadt. Das ist viel mehr als die vorhandene Infrastruktur versorgen kann. „Es war nicht immer so in Ango“, erzählt Oscar. „Früher konnten die Menschen genug anbauen, um ihre Familien zu ernähren, aber nun müssen sie zusätzlich noch die Flüchtlinge ernähren, und dafür reicht es einfach nicht.“
Je mehr Menschen nach Ango kommen, desto grösser werden die Bedürfnisse. Sie brauchen Nahrung, medizinische Versorgung, Medikamente, sauberes Wasser und sanitäre Einrichtungen. Bis vor Kurzem erhielten hier jedoch viele Flüchtlinge noch keine humanitäre Hilfe.
Das liegt daran, dass sich Ango in einer sehr abgelegenen Region der D.R. Kongo befindet. Es gibt nur eine sichere Strasse, die von der Provinzhauptstadt Isiro nach Ango führt, aber die Brücken auf diesem Weg sind in einem schlechten Zustand, und daher können schwere Lastwagen die Region nicht erreichen. Manchmal kann es aufgrund der schlechten Strassen Monate dauern, bevor medizinische Versorgungsgüter oder Baumaterialien in Ango ankommen – während der Regenzeit sogar noch länger.
Im Januar 2011 startete Medair drei lebenswichtige Projekte in der Region Ango: Sanierung von Brücken, um den Zugang zur Region zu verbessern, medizinische Notversorgung der Menschen und Verbesserung des Zugangs der bedürftigen Bevölkerung zu WASH (Wasser, sanitäre Einrichtungen und Hygiene).

Kilibinge, ein Krankenpfleger im Gesundheitszentrum Dafia, spricht mit Medair-Landesdirektor Geoff Andrews.
Das Medair-Team traf Tanda, als wir in Ango ankamen. Er lebt mit seinen drei Brüdern in der Stadt in einem kleinen Verschlag aus Lehm. Mehr als eine Mahlzeit am Tag gibt es für sie nicht. Tanda geht vormittags zur Schule, wenn er es sich leisten kann. Dann arbeitet er auf den Feldern anderer Leute bis es Abend wird, um so ein wenig Geld zu verdienen, damit er die Schule bezahlen kann. Am Abend erledigt er dann noch seine Schularbeiten.
Als Tanda vor ein paar Monaten Malaria bekam, konnte er es sich nicht leisten, für eine Behandlung in ein Krankenhaus zu gehen. Stattdessen borgte er sich Geld, um damit Paracetamol gegen seine Kopfschmerzen zu kaufen.
Der Zugang zu medizinischer Versorgung ist eines der dringendsten Bedürfnisse in Ango. Die Gesundheitseinrichtungen werden oft von Personal betreut, das nur eine grundlegende Ausbildung hat. Wenn Medikamente benötigt werden, müssen Kliniken häufig Menschen anheuern, die dann bis zu 600 Kilometer nach Kisangani fahren (eine zweiwöchige Reise auf dem Fahrrad), um die wichtigsten Arzneimittel zu besorgen. In den Gesundheitseinrichtungen kommt es oft zu gravierenden Engpässen bei Medikamenten, sodass keine angemessene Behandlung möglich ist.
„Am meisten schockierte uns bei unserer Ankunft in Ango, dass manche Kliniken völlig verlassen waren und in den meisten die grundlegendsten Medikamente und Ausstattungsgegenstände für eine ordentliche medizinische Versorgung fehlten“, sagt die leitende Medair-Koordinatorin in Ango, Donna Ngadjole. „Es war schon so, dass man kaum mehr von Qualität in der medizinischen Versorgung sprechen konnte, da einfach keine Qualität vorhanden war.“
Medair unterstützt nun ein Krankenhaus und fünf Gesundheitszentren in der Region Ango. Unsere beratenden Krankenschwestern fahren auf Motorrädern, manchmal auch durch ungesichertes Gebiet, um Kliniken in abgelegenen Gegenden zu erreichen. Wir stellen sicher, dass die Kliniken genug Medikamente haben, und schulen das Personal, um die Qualität der Versorgung zu verbessern.
Den bedürftigsten Mitgliedern bietet Medair eine kostenlose Gesundheitsversorgung.
„Mein Bruder ist krank“, sagt Tanda. „Er hat nun seit über einer Woche Bauchschmerzen und Malaria. Aber die Leute von Medair haben uns gesagt, dass wir kostenlos behandelt werden können.“

Medair und die Gemeinde vor Ort sanieren gemeinsam eine Brücke in Nangbongo auf der Strasse von Isiro nach Ango.
Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist ein grosses Problem in der Region um Ango. „Früher holten die Patienten Wasser aus dem vier Kilometer entfernten Fluss“, erzählt Kilibinge, ein Krankenpfleger aus der Klinik Dafia. „Das Wasser dort war schmutzig, weshalb wir in der Nähe der Klinik einen Brunnen gruben, aber das Wasser aus dem Brunnen ist nicht behandelt. Deshalb hatten wir schon viele verschiedene Arten von Durchfall hier.“
In Bezug auf sanitäre Einrichtungen ist es in der Region Ango noch schlimmer. Die meisten Menschen haben keine Latrinen und gehen deshalb in die Büsche, um ihr Geschäft zu verrichten. Wo es Latrinen gibt, entsprechen diese meistens nicht den Anforderungen an Gesundheit und Hygiene. „Hier verstehen die Menschen nicht wirklich, was Hygiene bedeutet“, erklärt Henri Mbolieko, der erst kürzlich zum Animator der Dorfgemeinschaft ausgebildet wurde. „Die Menschen verstehen nicht, warum es wichtig ist, sich vor dem Kochen oder Essen die Hände zu waschen.“
Medair arbeitet daran, den Zugang zu Trinkwasser und sanitären Einrichtungen an sechs Standorten in der Region Ango zu verbessern, wo die Bedürfnisse am grössten sind. Wir errichten oder sanieren Wasserstellen, unterstützen den Bau von 373 Latrinen für Privathaushalte, statten Kliniken mit Latrinen, Waschräumen und Einrichtungen zum Abfallmanagement aus und veranstalten flächendeckende Hygieneschulungen. „Das, was wir in den Schulungen von Medair gelernt haben, geben wir nun an andere weiter und verändern so die Art und Weise, wie wir hier leben“, sagt Henri.
Zudem baut und saniert ein Medair-Team zurzeit 15 Brücken zwischen Ango und Isiro, damit auch andere Hilfsorganisationen Ango leichter erreichen können. Hölzerne Stützpfeiler auf den drei grössten Metallbrücken sind entweder kaputt oder fehlen ganz, sodass neue angebracht werden müssen, damit Lastwagen darüber fahren können. Das Team arbeitet mit der Gemeinde vor Ort zusammen an dem Brückenprojekt, stellt Tagelöhner an und bezieht die Gemeinde in die Planung mit ein.
„Mit diesem Projekt erschliesst Medair das Gebiet für dringend benötigte humanitäre Hilfe und baut Brücken, die buchstäblich eine Verbindung zwischen Hilfsorganisationen und Tausenden isolierten Menschen darstellen, die dringend auf diese Hilfe angewiesen sind“, sagt Medair-Landesdirektor Dr. Geoff Andrews.
Tanda, einer der 52 Jugendlichen in Ango, die von ihren Eltern und Familien getrennt wurden, hofft einfach nur, genug Unterstützung zu erhalten, damit er und seine Brüder ausreichend zu essen haben, für die Schule bezahlen können und medizinisch versorgt werden, wenn sie krank sind.
„Wir würden natürlich auch gerne unsere Eltern wiedersehen“, sagt Tanda. „Aber das ist zurzeit einfach nicht möglich.“
Während die Übergriffe weitergehen, bleibt der Bedarf an Nothilfeleistungen in dieser unterversorgten Dschungelregion der D.R. Kongo hoch. Medair setzt sich dafür ein, Menschen wie Tanda und seinen Brüdern aktiv dabei zu helfen, zu leben und zu überleben, bis sie wieder in ihre Häuser zurückkehren können. Dank Ihrer Spenden können wir diese lebensrettenden Massnahmen durchführen. Bitte spenden Sie noch heute.
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Die Programme von Medair in der D.R. Kongo werden durch die Generaldirektion Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der Europäischen Kommission, die Entwicklungshilfeorganisation der Vereinigten Staaten, den Pooled Fund, den Global Fund und private Spender unterstützt.
Als eine der am längsten in der Region tätigen internationalen NGOs führt Medair bereits seit 1997 Nothilfe- und Wiederaufbaumassnahmen im Nordosten der D.R. Kongo durch. Medair ermöglicht für mehr als eine Million Menschen pro Jahr in Ituri und in den Bezirken Bas-Uélé und Haut-Uélé eine Gesundheitsversorgung durch die Unterstützung von mehr als 200 Gesundheitseinrichtungen mit technischer Beratung, Leitung, Schulungen für Gesundheitspersonal und Versorgung mit medizinischem und sonstigem Material. Medair sorgt auch für einen verbesserten Zugang zu Wasser, sanitären Einrichtungen und Hygiene (WASH) in der Region. Medair weitet zudem die Programme für medizinische Versorgung und WASH auf die abgelegene Region Ango aus und saniert Brücken, um einen Transportweg zu schaffen und damit gleichzeitig den Zugang zur bedürftigen Bevölkerung zu verbessern.
Dieser Web-Beitrag wurde mit Mitteln erstellt, die Medair-Mitarbeiter vor Ort und am Hauptsitz gesammelt haben. Bei den darin geäusserten Meinungen handelt es sich ausschliesslich um die Ansichten von Medair; sie geben nicht unbedingt den offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen wieder.




