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Afghanistan: Freude in seinen Augen

Freude in seinen Augen

Lernen Sie Sufi Tayeb kennen, einen 85-jährigen Mann, der vor Kurzem zum ersten Mal in seinem Leben sauberes Wasser getrunken hat.

Das Leben ist hart in den Bergen im Nordosten Afghanistans. Im Winter liegen die Dörfer mehrere Monate unter einer dicken Schneeschicht begraben und von der Umwelt abgeschnitten. Während des Sommers arbeiten viele Familien unermüdlich, um wenigstens ein kleines Einkommen zu erzielen. Die meisten Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, was zu ernsthaften Gesundheitsproblemen führt.

 

Stellen Sie sich vor, Ihr ganzes Leben würde im jahreszeitlichen Rhythmus aus schwerster körperlicher Arbeit und häufiger Krankheit verlaufen. Im Alter von 85 Jahren wären Sie dann vielleicht zynisch, entmutigt oder zermürbt. Nicht so Sufi Tayeb.

 

Ich lernte Sufi Tayeb im August 2010 kennen. Unser Team besuchte das Bergdorf Qaber-e-shahid im Bezirk Kohistan, in dem rund 80 Familien leben. Wir trafen uns mit den Dorfältesten und ‑verantwortlichen, um unsere künftige Zusammenarbeit zur Verbesserung des WASH-Zugangs (Trinkwasser, Sanitäreinrichtungen und bessere Hygiene) für die Dorfbewohner zu besprechen.

 

Wir machten einen Rundgang durchs Dorf auf der Suche nach einem möglichen Standort für ein Wasserreservoir. Dabei folgte uns Sufi Tayeb langsam, auf den steilen Wegen bergab gestützt auf seinen Gehstock. Er zeigte echtes Interesse an allem, was wir sagten.

 

Als wir in der Nähe seines Hauses anhielten, zeigte sich ein breites Lächeln auf seinem Gesicht, das mich einfach ansteckte. “Ich hoffe, Medair wird das Wasserreservoir genau hier bauen, beim Apfelbaum neben meinem Haus!” sagte er.

 

Sufi Tayeb und die Dorfverantwortlichen gemeinsam mit dem Medair-Team auf der Suche nach dem geeignetsten Standort für den Bau eines Wasserreservoirs.

Sufi Tayeb und die Dorfverantwortlichen gemeinsam mit dem Medair-Team auf der Suche nach dem geeignetsten Standort für den Bau eines Wasserreservoirs.

300 Meter weiter unten glitzerte die Sonne im schnell dahinfliessenden Wasser des Flusses. Sufi Tayeb erzählte mir, dass er – den Gehstock in der einen, den Wasserkanister in der anderen Hand – mindestens dreimal am Tag den steilen Trampelpfad zum Fluss hinunter und wieder hinauf gehen muss. Bei Regen oder Schnee wird der Pfad schlammig und gefährlich.

 

Sufi Tayeb braucht das Wasser zum Trinken, Saubermachen und Kochen – er braucht es zum Überleben. Aber er weiss auch, dass das Flusswasser kein Trinkwasser ist.

 

Später am Nachmittag besuchte ich Sufi Tayeb zu Hause. Ich traf ihn unter dem Apfelbaum an, wo er mit seiner Enkelin im Arm sass. Sie sassen schweigend beieinander und betrachteten in Ruhe den Fluss im Tal. Das war ein wunderbarer Anblick.

 

Sufi Tayeb sitzt mit den Dorfkindern unter dem Apfelbaum.

Sufi Tayeb sitzt mit den Dorfkindern unter dem Apfelbaum.

Sufi Tayeb hiess mich herzlich willkommen. Er erzählte mir, dass er sein ganzes Leben in diesem Dorf verbracht habe. Seine Frau sei mittlerweile gestorben und er habe sechs erwachsene Kinder und drei Enkelkinder. Er erzählte mir auch, wie krank er durch das Flusswasser werde. “Das Wasser macht mich oft krank”, sagte er. “Ich habe häufig Durchfall.”

 

Während unseres Gesprächs versammelte sich eine Schar von sieben Kindern um uns. Ich fragte sie, ob sie schon einmal krank geworden seien, weil sie das Flusswasser getrunken haben. Alle sagten: “Ja.”

 

“Wenn sie das Wasser trinken und krank werden, müssen sie sich die ganze Zeit übergeben”, sagte Sufi Tayeb mit ernster Stimme. “Wenn jemand richtig krank wird, muss er in eine Klinik. Wer aber kein Geld hat, muss zu Hause bleiben und wird einfach noch kränker. Und möglicherweise stirbt er .”

Wir wissen aber, dass Durchfallerkrankungen weitgehend verhindert werden können, wenn Familien und kleine Kinder Zugang zu sicheren WASH-Infrastrukturen haben. Deshalb setzen wir uns sehr für die WASH-Bereitstellung in kleinen ländlichen Dörfern wie Qaber-e-shahid ein, von denen viele noch nie sauberes Trinkwasser hatten.

Als ein kleiner Junge zur Kinderschar um uns stiess, stellte mir Sufi Tayeb stolz seinen Enkel Ismail vor. Ich fragte, ob ich ein Foto von den beiden machen dürfe. Breit lächelnd holte Sufi Tayeb einen Kamm hervor und machte sich daran, seinen Enkel herauszuputzen.

 

Zum Abschied gab er mir ein Versprechen: “Wenn das Wasserreservoir eingeweiht wird, werde ich der Erste sein, der das Wasser trinkt!” sagte er mit einem Zwinkern und lächelte.

 

Sufi Tayeb kämmt seinem Enkel Ismail stolz die Haare fürs Foto.

Sufi Tayeb kämmt seinem Enkel Ismail stolz die Haare fürs Foto.

Zehn Monate später kehrte ich ins Dorf Qaber-e-shahid zurück. Der Grossteil der Arbeiten war bereits beendet, auch das Wasserreservoir, die Wasserhähne und die Hygieneschulung für alle Dorfbewohner.

 

Als Sufi Tayeb uns sah, lud er uns zu Tee und Naan-Brot ein. “Meine Familie lebt seit vielen Generationen hier”, sagte er. “Dieses Dorf gibt es seit vielen hundert Jahren, und jetzt haben wir zum ersten Mal sauberes Wasser.”

 

Nachdem er seinen Tee ausgetrunken hatte, führte er uns nach draussen und zeigte uns stolz die Wasserstelle, die bei seinem Haus errichtet worden war. “Der Hahn bei meinem Haus hatte als erster Wasser, da er dem Wasserreservoir am nächsten ist”, sagte er. “Und wie versprochen war ich der Erste, der Wasser aus dem Hahn trank. Es schmeckt sehr gut!”

 

Während Sufi Tayeb uns begleitete, schenkte er uns von Zeit zu Zeit ein breites Lächeln als Ausdruck seines Danks.

 

“Es hat sich hier viel verändert”, sagte er. “Das Leben ist viel besser geworden. Es gibt sauberes Wasser gleich neben meinem Haus. Wir haben genügend Wasser für alles: zum Waschen, Kochen und Saubermachen. Ausserdem wird keiner mehr krank vom Wasser.”

 

“Ich war der Erste, der Wasser aus dem Hahn trank!”

“Ich war der Erste, der Wasser aus dem Hahn trank!”

Bessere Neuigkeiten hätte es für uns nicht geben können. Ich war sehr gerührt zu hören, was sich alles durch unsere Arbeit verändert hatte und wie die Menschen ihre Hygiene durch die Benutzung neuer Hygieneartikel wie Seife und Zahnpasta verbesserten.

 

“Ich wünschte, ich hätte eher eine Zahnbürste bekommen”, sagte Sufi Tayeb verschmitzt. “Ich habe nur noch drei Zähne!”

 

An diesem Nachmittag haben wir viel zusammen gelacht, und als wir uns verabschiedeten, dankte Sufi Tayeb uns für unsere Arbeit. “Ich bin sehr zufrieden mit Medair und danke den Menschen, die Geld für dieses Projekt gespendet haben. Ihr habt Freude in unsere Augen zurückgebracht.”

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In den vergangenen zwei Jahren haben wir mit unseren Projekten mehr als 50 000 Menschen in entlegenen Dörfern Afghanistans geholfen. In den nächsten zwölf Monaten möchten wir weiteren 35 000 Menschen helfen. Wir erzielen greifbare Fortschritte bei der Verbesserung der Wasserversorgung und Hygienesituation im ländlichen Afghanistan, und diese Fortschritte verändern das Leben ganzer Dörfer grundlegend. Bitte helfen Sie uns dabei, diese lebenswichtige Arbeit fortzuführen.

 

Mit Beiträgen von Andrew Robinson, Medair-Einsatzkommunikationsleiter, Afghanistan

 

Für weitere Informationen über Afghanistan und die dortige Arbeit von Medair.

 

Dieser Web-Beitrag wurde mit Mitteln erstellt, die Medair-Mitarbeiter vor Ort und am Hauptsitz gesammelt haben. Bei den darin geäusserten Meinungen handelt es sich ausschliesslich um die Ansichten von Medair; sie geben nicht unbedingt den offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen wieder.

 

Quellen:

 

1. Levels and Trends in Child Mortality, Report 2011. UN Inter-agency Group for Child Mortality Estimation. www.unicef.org/media/files/Child_Mortality_Report_2011_Final.pdf

 

2. WHO Statistics 2011. http://www.who.int/whosis/whostat/EN_WHS2011_Full.pdf

 

3. The United Nations World Water Development Report 3: Water in a Changing World, Seite 89. (2009)





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