Kongo (DRC): Ein Leben in Angst

Medair leistet medizinische Hilfe für Tausende Flüchtlinge, die mit der ständigen Angst vor Übergriffen bewaffneter Miliztruppen leben müssen.
Stellen Sie sich vor, Sie müssten hilflos zusehen, wie Ihre Töchter entführt werden. Stellen Sie sich vor, wie es sein muss, nicht zu wissen, ob sie überhaupt noch am Leben sind. Stellen Sie sich vor, sie dann wiederzusehen und erfahren zu müssen, dass die Entführer ihnen schreckliche Dinge angetan haben. Und stellen Sie sich dann vor, wie es sein muss, jeden Tag mit der Angst zu leben, dass diese bewaffneten Miliztruppen wiederkommen und sie erneut entführen könnten.
Im vergangenen Jahr war das für die 34-jährige Justine Misa bittere Realität. Sie lebt in Linakofo, einem Flüchtlingscamp etwa 10 km von der Stadt Dungu in der Region Haut-Uélé entfernt im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo. Anfang 2010 zwangen Angriffe von Miliztruppen Justine und ihre sechs Kinder zur Flucht aus ihrem Heimatdorf ins Lager Linakofo. Nur wenige Monate später wurden jedoch zwei ihrer Töchter in der Nähe des Camps von Rebellen entführt.
An einem Morgen im Mai waren Justine und ihre Kinder auf der Suche nach etwas Essbarem in den Wald gegangen. Sie wurden von Rebellen entdeckt und die 13-jährige Jolie sowie die 10-jährige Eliza entführt. „Ich war so traurig. Ich weinte jeden Tag, an dem sie nicht da waren, bis ich nicht mehr weinen konnte“, erzählte Justine. „Ich dachte, ich würde sie nie wiedersehen.“
Einen Monat nach der Entführung konnte Eliza entkommen und nach Linakofo zurückkehren. Eliza erzählt, wie sie und ihre grosse Schwester die ständigen körperlichen und sexuellen Übergriffe ihrer Entführer erlebten und wie sehr sie hofften, entkommen zu können. „Ein anderes Mädchen versuchte zu fliehen“, berichtete Eliza. „Als die Rebellen es erwischten, schlugen sie es brutal zusammen.“
Als Eliza floh, hatte sie nicht nur Angst um ihr eigenes Leben, sondern auch um ihre Schwester. Aber Jolie überlebte und konnte einen Monat später ebenfalls entkommen. „Es war ein Wunder, dass die Mädchen zurückkamen“, sagte Justine.

Justine Misa mit ihren Kindern, darunter auch Eliza (Zweite von links) und Jolie (Zweite von rechts)
Grausame Entführungen und Angriffe wie diese sind in der Region Dungu beinahe an der Tagesordnung. Üppige, wunderschöne Mangobäume und Palmen überragen das Flüchtlingscamp Linakofo, und dieser Anblick steht in krassem Kontrast zu den schwierigen und gefährlichen Lebensumständen der Menschen. Mehr als 1000 Menschen sind hierher geflohen, um Schutz zu suchen. Nun leben sie in notdürftig errichteten Unterkünften aus Palmblättern, alten Planen und Plastikfolien. Wegen der regelmässigen Rebellenangriffe in der Umgebung haben die Menschen Angst, das Camp zu verlassen und die Felder zu bestellen. Fast 300 000 Flüchtlinge in Dungu und der näheren Umgebung leben unter ähnlich unzumutbaren Zuständen.
In überfüllten und unhygienischen Camps wie Linakofo sind die Bewohner besonders anfällig für weit verbreitete Krankheiten wie Malaria, Durchfall oder akute Atemwegsinfektionen. Glücklicherweise ist die Krankenstation in Dungu May in dieser Situation eine Oase der Hoffnung für die einheimische Bevölkerung. Medair leistet in Zusammenarbeit mit der Generaldirektion für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der Europäischen Kommission kostenlose medizinische Versorgung für alle Binnenflüchtlinge in der Region. „Ohne Medair wären viele Menschen umgekommen, da die Kranken einfach zu Hause geblieben und dort gestorben wären“, sagte die stellvertretende leitende Krankenschwester in Dungu May, Amon Ndaima. „Das hat den Menschen wirklich geholfen.“
Medair unterstützt 13 Gesundheitszentren in den Regionen Haut-Uélé und Bas-Uélé, wo Familien wie die von Justine eine kostenlose Gesundheitsversorgung erhalten. „Wenn es das Gesundheitszentrum nicht gäbe, wären wir bereits tot“, sagte Justine.
Ein langer, beschwerlicher Weg zur Geburtsklinik
Merci Mborigie hat gute Gründe, für die von Medair unterstützte Klinik in Dungu May dankbar zu sein. An einem Abend im März 2011 war sie in Linakofo, als sie die ersten Wehen spürte. Ihr Mann organisierte schnell ein Fahrrad, um sie in die sechs Kilometer entfernte Klinik von Dungu May zu bringen.
„Es war schwierig“, erzählte sie. „Ich hatte starke Schmerzen, aber wir konnten nicht auf dem Fahrrad fahren. In meinem Zustand wäre das einfach zu schnell gewesen, daher schoben sie es nur vorwärts.“
Glücklicherweise erreichten sie noch am selben Abend sicher die Klinik, und Merci brachte einen gesunden Jungen zur Welt. Alle Kosten für die medizinische Behandlung wurden von der Klinik aus Mitteln des Medair-Gesundheitsprojekts beglichen. „Ich wüsste nicht, was ich ohne eure Hilfe getan hätte“, sagte Merci. „Ich hätte mein Kind wohl zu Hause bekommen müssen.“

Eine Krankenschwester und eine Ärztin besuchen Merci und ihr Neugeborenes im Entbindungsraum der Klinik von Dungu May.
Auch wenn die Krankenstation in Dungu May viele Leben in der Region rettet, ist sie immer noch sechs Kilometer von Linakofo entfernt. Das ist ein beschwerlicher Weg, wenn man krank ist oder eine Geburt kurz bevorsteht. Vor allem aber ist der lange Weg zur Klinik vielen Bewohnern von Linakofo zu riskant, da sie die gewaltsamen Übergriffe der Miliztruppen fürchten.
„Wenn wir eine Klinik hier im Camp hätten, wo sich jemand um die Kranken kümmert, wäre das sehr hilfreich“, sagte die Vorsitzende der Kommission für Binnenflüchtlinge in Linakofo, Modeste Saba Agimirungu.
Daher plant Medair nun den Aufbau einer Krankenstation in Linakofo. Wir haben bereits wichtige Unterstützung von der niederländischen Fundraising-Stiftung EO Metterdaad erhalten, sind aber immer noch auf private Spenden angewiesen, um diese Klinik bauen zu können, die den Kranken kostenlose medizinische Versorgung in der Nähe ihres Zuhauses anbietet, ohne dass sie Angst vor gewalttätigen Übergriffen auf dem Weg zur Klinik haben müssen.
Zudem wollen wir die Ausgabe von kostenlosen Moskitonetzen an Schwangere und Kinder unter fünf Jahren fördern, da Malaria immer noch die häufigste vermeidbare Todesursache in der Region ist. Schwangere werden Geburtshilfesets für eine hygienische Geburt erhalten. Auch wenn sie die Krankenstation nicht mehr rechtzeitig erreichen, haben sie so die nötigen Mittel, um das Kind unter hygienischen Umständen zur Welt zu bringen und das Risiko einer Infektion von sich oder dem Kind zu reduzieren.
Der grösste Wunsch der meisten Menschen in Linakofo ist, dass irgendwann der Frieden im Osten der D.R. Kongo Einzug halten wird und sie wieder ein normales Leben führen können. „Das Leben der Menschen hier ist von unfassbarer Not geprägt, die sie ertragen, ohne sich je zu beklagen“, sagte die Kommunikationsbeauftragte von Medair, Gloria Lihemo. „Mit einem geeigneten Zugang zu medizinischer Versorgung in der Nähe haben sie zumindest eine Sorge weniger.“
Sie können helfen, das Leben von Menschen wie Justine und ihren Kindern zu verbessern, die in Linakofo in Angst leben. Sie können uns mit einer dringend benötigten Spende unterstützen, dank der wir eine Krankenstation für die Menschen in Linakofo aufbauen. Sie können auch an unseren lebensrettenden Projekten in der D.R. Kongo oder einem anderen Medair-Projekt mitarbeiten. Bitte handeln Sie jetzt!
Die Medair-Programme in der D.R. Kongo werden durch die E.K. Generaldirektion für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz, die Entwicklungshilfeorganisation der Vereinigten Staaten (USAID), die Schweizer Glückskette, den Pooled Fund, den Global Fund, den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen und private Spender unterstützt.
Als eine der am längsten vor Ort arbeitenden internationalen NGOs leistet Medair seit 1997 Nothilfe und Wiederaufbau im Nordosten der D.R. Kongo. Medair ermöglicht pro Jahr die medizinische Versorgung von mehr als einer Million Menschen in den Bezirken Ituri, Bas-Uélé und Haut-Uélé durch die Unterstützung von mehr als 200 medizinischen Einrichtungen mit technischer Beratung und Leitung, Schulung des medizinischen Personals und Bereitstellung von Medikamenten und Material. Medair sorgt auch für einen verbesserten Zugang zu Wasser, sanitären Einrichtungen und Hygiene (WASH) in der Region. Medair weitet zudem die Programme für medizinische Versorgung und WASH in das abgelegene Gebiet Ango aus und saniert Brücken, um einen Transportweg zu schaffen, und verbessert damit gleichzeitig den Zugang zu der bedürftigen Bevölkerung.
Dieser Web-Beitrag wurde mit Mitteln erstellt, die Medair-Mitarbeiter vor Ort und am Hauptsitz gesammelt haben. Bei den darin geäusserten Meinungen handelt es sich ausschliesslich um die Ansichten von Medair; sie geben nicht unbedingt den offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen wieder.



