Haiti: Die „Ungesehenen“ von Côtes-de-Fer

Im Rahmen eines neuen Projekts leistet Medair dringend benötigte Hilfe für die bedürftigsten Bewohner der abgelegenen Region Côtes-de-Fer in Haiti.
Nachdem das Erdbeben ihr Haus zerstörte und einen einzigen Trümmerhaufen zurückliess, mussten die 39-jährige Linante, ihre zehn Kinder und ihr Partner Idenier alle zusammen in einem viel zu kleinen Raum leben, den sie zuvor als Küche genutzt hatten. Das war ihr neues „Zuhause“. Sie mussten in einem kleinen Verschlag leben und schlafen, der noch nicht einmal ein richtiges Dach besass, sondern nur von ein paar zerschlissenen Plastikfolien bedeckt war. Wenn es regnete, wurden sie nass, und manchmal wurden die Kinder krank und bekamen Fieber.
Zunächst dachte Linante, es sei nur vorübergehend. Sie hatten das Erdbeben überlebt und würden nun sicher einen Weg finden, um das Haus wieder aufzubauen. Und wenn sie es auch nicht gleich wieder aufbauen könnten, würde doch vielleicht jemand kommen, um ihnen zu helfen.
Linante und ihre Familie leben jedoch in einer der abgelegensten Bergregionen Haitis. „Durch das unwegsame Gebirge mit seinen vielen Flüssen führen nur wenige passierbare Strassen nach Côtes-de-Fer“, erklärt John Fixsen von Medair. „Wenn man abseits der Hauptstrasse in die abgelegenen Gebiete der Region reist, begegnet man selten mehr als zwei oder drei anderen Fahrzeugen am Tag.“
Und so leben Linante und ihre grosse Familie auch 16 Monate nach dem Erdbeben noch immer auf engstem Raum in unhygienischen Zuständen zusammen und werden immer verzweifelter. „Wir dachten nicht, dass wir so lange in diesem Haus leben würden“, sagt Linante. „Wir können es uns nicht leisten, das Haus wieder aufzubauen.“
Côtes-de-Fer ist eine isolierte und arme Gegend mit vielen kleinen Dörfern, in denen die grundlegendsten Versorgungsdienste wie Wasser und sanitäre Einrichtungen fehlen. Linante lebt im Dorf Gris-gris nahe der Stadt „Jamais Vu“, was wörtlich übersetzt so viel bedeutet wie „ungesehen“. Das ist eine passende Beschreibung für einen grossen Teil der Region Côtes-de-Fer, wo die Bewohner sich vor allem für die Aussenwelt als unsichtbar empfunden haben.
„Seit dem Erdbeben ist Medair die erste NGO, die zu uns kam, um mit uns über unsere Wohnbedürfnisse zu sprechen“, sagt Linante.
Als unser Team die Region besuchte, stellten wir fest, dass die meisten Häuser durch das Erdbeben beschädigt worden waren. Ganze Familien lebten nun in Unterkünften aus einem einzigen Raum oder wohnten noch in ihren gefährlichen, instabilen Häusern. Ein Mann lebte in einem Zelt, das er in seinem beschädigten Haus aufgestellt hatte, ein anderer in einem Raum von der Grösse eines Hühnerstalls. Die bittere Armut hatte es den Menschen zumeist unmöglich gemacht, ihre Häuser wieder aufzubauen.
„Wir haben keine sicheren Unterkünfte und kein Wasser“, berichtet Linante. In Côtes-de-Fer kann das Wasserholen in der Trockenzeit bis zu drei Stunden pro Strecke dauern. „Ich wasche unsere Wäsche im Fluss in Jamais Vu, und der liegt sehr weit von unserem Haus entfernt“, erzählt Linante. „Die Wäscheladungen sind schwer zu tragen.“
Die sogenannte offene Defäkation ist hier immer noch weit verbreitet. „Wir haben keine Latrine“, erklärt Linante. „Und die meisten unserer Nachbarn haben auch keine.“
Ohne Latrinen und einen Zugang zu Wasser in der Nähe sind Linante und die anderen Einwohner von Côtes-de-Fer grossen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Die Cholera ist immer noch eine ernste Bedrohung in Haiti und die ländliche Bevölkerung ist aufgrund der knappen Wasserressourcen, der schlechten Hygienesituation und des fehlenden Zugangs zu medizinischer Versorgung besonders gefährdet.
Ohne eine richtige Unterkunft sind die Menschen weiterhin schutzlos dem Regen und den Wirbelstürmen ausgeliefert und haben so auch wenig Hoffnung, ihr Leben wieder aufbauen zu können. Es gibt hier ohnehin wenige Arbeitsplätze, und das Erdbeben hat die Lage noch weiter verschärft. „Die lokale Bevölkerung kann gerade genug Nahrungsmittel zum Überleben produzieren. Wenn es mal eine schlechte Ernte gibt, müssen die Menschen hungern“, erklärt Francoeur Dalexis, Bürgermeister von Gris-gris.
Aufgrund der kritischen Lage und der Abgeschiedenheit der Region hat Medair beschlossen, ein umfangreiches, 30-monatiges Projekt durchzuführen. Wir werden die Menschen schulen und anleiten und Materialien zur Verfügung stellen, um die Unterkunftssituation sowie den Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen für die bedürftigsten Familien zu verbessern. Dadurch erhalten die Einwohner, die diese Arbeiten ausführen, gleichzeitig ein kurzfristiges Einkommen.
Wir werden für 250 bedürftige Familien neue, dauerhafte Unterkünfte errichten und an den Häusern von 750 weiteren Familien Ausbesserungen vornehmen, um diese besser gegen Erdbeben und Wirbelstürme zu schützen.
Bauen für die Zukunft
In Côtes-de-Fer möchte Medair die Familien und die Gemeinde im Rahmen eines auf Mitarbeit basierenden Konzepts in jeder Projektphase miteinbeziehen. Wir werden mit Einzelpersonen, Gemeindevorstehern und Basisorganisationen zusammenarbeiten, um zur Bildung einer Dorfentwicklungskommission (Village Development Committee) beizutragen und diese zu unterstützen. Wir werden Einheimische als Unterkunfts- und WASH-Berater für die Gemeinde ausbilden. Familien werden ermutigt, sich am Bau und an der Sanierung von Häusern zu beteiligen, und Einheimische werden als Unterkunftsbeauftragte eingesetzt, die die Anwendung nachhaltiger Bautechniken fördern.
„Es ist besonders ermutigend, dass wir hier Häuser wiederaufbauen und sanieren, aber auch, dass wir der Gemeinde nicht einfach nur bessere Gebäude hinterlassen“, sagt Vanessa Nicholson von Medair.
Zusätzlich zu Unterkünften, WASH und praktischer Schulung der Gemeindemitglieder wird Medair auch eine dringend benötigte Arbeitsmöglichkeit für die Einwohner schaffen. „Wir hoffen, dass der Zufluss an Geldern in die lokale Wirtschaft der Gemeinde langfristig Vorteile bringen wird“, sagt John.
„Medair wird hier gute Arbeit leisten“, sagt Bürgermeister Dalexis. „Sie entspricht den dringendsten Bedürfnissen der Gemeinde direkt, indem Unterkünfte entstehen, und indirekt, indem sie für Beschäftigung und Geld-für-Arbeit-Projekte sorgt.“
Sichere Unterkünfte und ein besserer Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen bedeuten eine positivere Zukunft für die Menschen in Gris-gris und Côtes-de-Fer.
„Ich hätte gern Hilfe beim Bau eines neuen Hauses“, erklärt Linante zum Schluss. „Ich hätte gern genug Geld, damit ich meine Kinder in die Schule schicken kann. Es ist wichtig, dass die Kinder in die Schule gehen, aber ich hätte zunächst lieber ein Haus, weil meine Kinder dort schlafen könnten. Und wo sollen sie sonst bleiben, wenn sie einmal krank sind?“
Medair hat bereits damit begonnen, den Menschen in Côtes-de-Fer zu helfen, aber unser Projekt ist noch nicht vollständig finanziert. Wir sind weiter auf private Spenden angewiesen, um dieses wichtige Programm durchzuführen und den bedürftigsten Familien dieser Region zu helfen. Bitte spenden Sie noch heute: für Linante und ihre zehn Kinder und für all die „ungesehenen“ Familien, die in Côtes-de-Fer ums Überleben kämpfen.
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Das Medair-Projekt in Côtes-de-Fer wird durch die Schweizer Glückskette und private Spender unterstützt.
Medair traf nur wenige Tage nach dem schrecklichen Erdbeben vom 12. Januar 2010 in Haiti ein. Bis heute hat Medair 2582 Behelfsunterkünfte errichtet, in denen in Jacmel und der ländlichen Umgebung 15 492 Menschen ein neues Zuhause gefunden haben. Das Unterkunftsprogramm in Jacmel wird bis Juli 2011 fortgesetzt und durch die Entwicklungshilfeorganisation der Vereinigten Staaten (USAID) ermöglicht sowie durch private Spender unterstützt.
Bei den in diesem Bericht geäusserten Meinungen handelt es sich ausschliesslich um die Ansichten von Medair; sie geben nicht unbedingt den offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen wieder.





