Somalia: Die grösste Armut, die ich je gesehen habe

Stella Chetham von Medair besucht ein Flüchtlingslager in Somaliland.
Am Stadtrand von Burao leben Familien in überfüllten Flüchtlingslagern in unbeschreiblicher Armut. Viele von ihnen mussten aus ihren Häusern und ihrem bisherigen Leben fliehen, um der Gewalt im südlichen Zentral-Somalia zu entkommen. Hier sind sie zwar sicher, haben aber nichts; und nun müssen sie auch noch die schrecklichste Dürre überstehen, die diese Region je erlebt hat.
Als ich diese Lager besuche, bin ich erstaunt, was die Menschen hier alles verwenden, um ihre Unterkünfte zu bauen. Eine alte Jeans wird zu einem Teil des Dachs, leere Zementsäcke werden zu Wänden und eine Matratze auf Blechdosen wird zu einem Bett. Hier wird nichts weggeworfen.
In einem grossen Lager sitze ich mit Maryam Mohamad Ali zusammen, einer sechsfachen Mutter, die ihr 15 Tage altes Neugeborenes im Arm hält. Als Maryam ihre Geschichte erzählt, höre ich einfach nur zu.
„Ich komme aus dem Südwesten der Stadt Mogadischu“, erzählt sie mir. „Mein Mann kam vor zwei Jahren mit mir hierher, aber er hat mich verlassen und nun eine andere Frau. Ich bin also allein."
„Als der Krieg anfing, begannen die Milizen auch damit, Frauen zu vergewaltigen und ihnen all ihr Hab und Gut zu stehlen. Wir haben Getreide angebaut, um zu überleben, aber das haben sie uns weggenommen. Zwei Milizsoldaten kamen in mein Haus; der eine hat mich bedroht, der vergewaltigt. Die Kinder waren bei mir im Haus und begannen zu weinen. Es macht mich sehr traurig, wenn ich daran zurückdenke."
Maryam und ihre Familie sind zu Fuss aus Mogadischu geflohen. Fast einen Monat lang liefen sie ohne Unterbrechung und kamen letztendlich in Galkayo an: „Zwei Monate blieben wir in Galkayo, bettelten dort, um überleben zu können, und hofften auf eine Mitfahrgelegenheit nach Burao. In dieser Zeit wurde auch noch unsere Kleidung gestohlen."
„Seit wir hier sind, sind wir sicher. Wir haben ein beständiges Leben, aber nicht viel zum Überleben. Nahrung und Kleidung müssen wir uns erbetteln. Die Menschen in Burao helfen uns zwar, aber nun habe ich ein Kind bekommen und mein Mann ist weg. Im Moment kann ich nicht betteln gehen, weil ich gerade erst die Geburt hinter mir habe. Meine siebenjährige Tochter geht jetzt in die Stadt, um zu betteln, und verdient so das Geld, damit wir überleben können.“
Jeder hier im Lager hat eine Geschichte von Verlust und Leid zu erzählen. Zainab Abdi Nur, eine andere Mutter, die auch aus Mogadischu geflohen ist, erzählt mir von den schrecklichen Dingen, die sie gesehen hat: Gewalt gegen Frauen und Kinder, Kindersoldaten und Vergewaltigungen.
„Das Leben hier ist besser“, sagt Zainab. „Wir gehen in die Stadt, um zu betteln und etwas Geld und Essen zu bekommen, und von den Hilfsorganisationen erhalten wir einige nützliche Dinge. Das Leben ist also besser. Medair hat für uns Latrinen gebaut und uns Plastikfolien gegeben, und mein kleiner Sohn ist seit letzter Woche im Ernährungsprogramm.“
Ich bin tief bewegt, als die Frauen mir ihre Geschichten erzählen. Wie können sie sagen, dass das Leben hier besser sei, wo sie doch unter solch ärmlichen Umständen leben? Das zeigt nur, wie schrecklich ihr Leben vorher gewesen sein muss.
Die Menschen in diesen Lagern zu sehen und sie kennenzulernen hat mich tief beeindruckt. Im Westen ist es manchmal schwer, sich vorzustellen, wie echte Armut wirklich aussieht. Wenn ich es Ihnen beschreiben oder Ihnen ein Bild davon zeigen müsste, dann wäre es ein Bild aus diesen Lagern.
Aber ich weiss, dass wir mit Ihrer Hilfe hier eine grosse Veränderung bewirken können. Medair betreibt im Lager ein umfassendes Hilfsprogramm: Dazu gehört die Behandlung von unterernährten Kindern, eine Verbesserung des Zugangs zu Wasser, Latrinen und Hygiene und die Förderung der Müttergesundheit.

Medair-Mitarbeiter heben einen Graben für die Rohrleitung aus, die dann das Lager an die Wasserversorgung von Burao anschliessen soll.
Ich freue mich sehr, dass ich am Tag meines Besuchs dabei sein kann, wie die Wasserversorgung im Lager zum ersten Mal in Betrieb geht. Sauberes Trinkwasser zu finden war im Lager immer ein grosses Problem. Die Menschen mussten Wasser von Tanklastern kaufen oder weite Strecken zu Fuss gehen und hohe Preise zahlen, um ihre Kanister zu füllen.
Aber mit Ihrer Hilfe konnte Medair die Situation nun nachhaltig verbessern, indem unterirdische Rohrleitungen verlegt wurden, die zwei der grössten Lager an das Wasserversorgungssystem von Burao anschliessen. Jetzt haben die Menschen eine sichere und zuverlässige Trinkwasserquelle, und das ganz in der Nähe ihrer Häuser und zu einem Bruchteil der vorherigen Kosten. „Das Wasser ist günstiger, sodass wir jetzt mehr andere Sachen wie zum Beispiel Brot und Kartoffeln kaufen können“, erklärt Bunay.
Als ich das Lager verlasse, bleiben dort Menschen zurück, die jeden Tag in einer sehr prekären Situation leben müssen und nicht wissen, wie sie den nächsten Tag überstehen werden. Hier herrscht die grösste Armut, die ich je gesehen habe, aber in den Gesprächen lerne ich mutige, warmherzige und stolze Menschen kennen. Ich würde ihnen gern auf so viele verschiedene Weisen helfen, aber leider liegt das nicht in meiner Macht. Was ich aber für sie tun kann, ist, Ihnen davon zu berichten.
Bitte vergessen Sie diese Menschen nicht. Sie haben so viel Schreckliches erlebt und haben wirklich nichts mehr. Ich weiss, dass ihre Lage noch unerträglicher wäre, wenn Medair nicht vor Ort im Einsatz wäre.
Dank Ihnen können wir den Menschen hier in Bezug auf die grundlegendsten Dinge helfen, sodass sie sich waschen, sauberes Wasser trinken und sich um ihre Körperhygiene kümmern können und so etwas Würde zurückerhalten. Wir ernähren ihre unterernährten Kinder und leisten medizinische Versorgung für Mütter. Ich hoffe aufrichtig, dass wir noch weiter an der Seite dieser tapferen Menschen arbeiten können.
Bitte spenden Sie noch heute.
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Medair ist seit 2008 in Somalia/Somaliland tätig. In Burao, Somaliland, betreibt Medair ein umfassendes Hilfsprogramm, das sich um Ernährung, medizinische Versorgung und einen verbesserten Zugang zu Wasser, sanitären Einrichtungen und Hygiene für die Menschen kümmert, die von chronischer Dürre und Konflikten betroffen sind. Medair betreibt zudem ein zusätzliches mobiles therapeutisches Ernährungsprojekt im südlichen Togdheer, das unterernährte Kinder in den abgelegenen, ländlichen Gemeinden erreichen soll. Im August 2011 startete Medair ein Nothilfeprogramm im Bezirk Ceynabo in der Region Sool und im Bezirk Ceel Afweyn in der Region Sanaag.
Somaliland erklärte 1991 seine Unabhängigkeit von Somalia. Die Unabhängigkeit wurde jedoch von der internationalen Gemeinschaft nicht anerkannt.
Dieser Web-Beitrag wurde mit Mitteln erstellt, die Medair-Mitarbeiter vor Ort und am Hauptsitz gesammelt haben. Bei den darin geäusserten Meinungen handelt es sich ausschliesslich um die Ansichten von Medair; sie geben nicht unbedingt den offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen wieder.





