Medair

International Humanitarian Aid Organisation

Medair in Ihrer Nähe

Südsudan: Das Leben ist ein Geschenk

Das Leben ist ein Geschenk

Medair-Mitarbeiterin Ruth Creber berichtet, wie eine 18-jährige junge Frau um ihr Leben kämpft.

Wie an jedem Morgen herrschte Hektik in der Klinik. Hunderte Patienten standen bereits Schlange, um ihre Injektionen zu bekommen. Drinnen warteten noch viele mehr auf die Sprechstunde.

So war es jeden Tag. Ich arbeitete in dem Kala-Azar-Behandlungszentrum, das unser Emergency Response Team in Jiech im südsudanesischen Bundesstaat Jonglei eingerichtet hatte, um dort gegen den Ausbruch der tödlichen Tropenkrankheit anzukämpfen.

Eines Morgens kam eine Gruppe Leute in die Klinik, die eine Trage aus Stöcken und Stoff trugen. Darauf lag eine junge Frau. Sie bewegte sich kaum noch.

Ruth Creber von Medair behandelt die todkranke Nyapieth.

Ruth Creber von Medair behandelt die todkranke Nyapieth.

Ich ahnte nichts Gutes. Immer wenn jemand auf einer Trage hergebracht wird, weiss man, dass es schlimm sein muss. Auch wenn die Menschen schon halb tot sind, schleppen sie sich normalerweise immer noch irgendwie auf beiden Beinen in die Klinik. Die junge Frau atmete kaum noch und hatte nahezu das Bewusstsein verloren. „Sie heisst Nyapieth“, erklärten mir ihre Freunde. „Sie ist 18 Jahre alt.“

Ich nickte. Ich hatte Angst um sie. Ich sprach es nicht laut aus, aber ich dachte: Warum bist du nicht vorher zu uns gekommen, Nyapieth?

Ich begann sofort mit der Behandlung. Sie hatte die schwerste Lungenentzündung, die ich seit Langem gesehen hatte. Zudem hatte sie hohes Fieber, war unterernährt und hatte Kala-Azar. Ich war mir wirklich nicht sicher, ob sie das überleben würde.

Wir trugen sie in die Behelfsunterkunft und legten sie in eine Ecke. Ich gab ihr eine intravenöse Rehydrationslösung und weitere intravenöse Mittel für schwere Fälle von Kala-Azar sowie Antibiotika.

Später half ich ihrer Mutter bei der Pflege. Nyapieths Mund war so trocken, dass die Lippen zusammenklebten. Ab und zu wurde sie unruhig und stöhnte, aber ansonsten gab es kaum ein Lebenszeichen. Ich sah immer wieder nach, ob sie noch atmete. Ich musste improvisieren. Ich nahm also eine Plastikflasche und baute daraus eine Vorrichtung, die ihr das Atmen erleichterte und mit der sie auch ihre Medizin besser einatmen konnte.

Am dritten Tag in der Klinik konnte man kleine Fortschritte bei Nyapieth erkennen. Sie konnte zwar immer noch nicht aus eigener Kraft aufrecht sitzen, sich aber bei ihrer Mutter anlehnen. Bald begann sie zu husten und ihre Lunge frei zu machen. Sie konnte auch etwas Suppe zu sich nehmen. Bei der Aufnahme in die Klinik war Nyapieth unterernährt gewesen, weshalb sie nun Plumpy'nut bekam. Dabei handelt es sich um eine spezielle, reichhaltige Nahrung, die ihre Mutter mit Wasser vermischen musste, damit Nyapieth die Mischung schlucken konnte.

Nyapieth war auch weiterhin sehr schwach. Sie hatte noch hohes Fieber und Schwierigkeiten beim Atmen, und sie war auch mental beeinträchtigt. In den ersten drei Tagen warnte ich ihre Mutter täglich, dass wir sie immer noch verlieren könnten.

Nyapieths Gesundheitszustand verbesserte sich jedoch im Laufe der nächsten zwei Wochen. Sie lag immer noch in der Ecke der Klinik, aber als sie wieder zu Kräften kam, schaffte sie es manchmal ohne fremde Hilfe auf allen Vieren zu den Latrinen. Allerdings war sie in diesen zwei Wochen immer noch verwirrt und nicht sie selbst, und ich hatte Angst, dass sie bleibende Schäden davontragen könnte.

Nyapieth ist glücklich; sie hat sich vollständig erholt und ist wieder ganz gesund.

Nyapieth ist glücklich; sie hat sich vollständig erholt und ist wieder ganz gesund.

Nach zwei Wochen begann die Rehabilitationsphase. Wir liefen jeden Tag ein kleines Stück zusammen, wobei ich sie immer noch stützte. Nach ein paar Tagen hielt sie bei unseren Spaziergängen nur noch meine Hand. Sie wollte immer weiter gehen.

Wenn wir so liefen, fragte sie oft „Gwalong?“, was „Gut?“ bedeutet. Ich antwortete immer: „Ja! Gwalong, gwalong, gwalong!“ Das waren wertvolle Momente, wenn wir Hand in Hand entlang der Flugpiste wanderten, ich „gwalong“ sagte und sie lächelte.

Das war der Wendepunkt. Sie war auf dem besten Weg zu einer vollständigen Genesung.

Eines Nachmittags ging ich während eines Sturms, der so stark war, dass der Wind mich fast umwarf, zur Klinik. Ein grosses Unwetter zog auf.

Ich war noch nicht weit gelaufen, als ich Singen und Trommeln hörte. Wer um alles in der Welt war bei einem solchen Wetter draussen und trommelte?

Auf einmal kam mir Nyapieth entgegen, die lachte und laut sang, während sie mit grosser Lust die Trommel schlug. Um sie herum liefen viele tanzende Kinder. „Mein Gott ist gut!“ sang sie.

Das war ein unglaublicher und wunderschöner Anblick. Mir steigen immer noch Tränen in die Augen, wenn ich daran denke.

Dass sie noch lebt, ist ein Wunder, und sie lebt dieses Wunder mit einer Freude, die nur jemand spüren kann, der weiss, dass das Leben ein Geschenk ist.

Es sind Ihre Spenden, die unsere Arbeit erst möglich machen. Herzlichen Dank!

_____________________________________________________________________

Das Emergency Response Team (ERT) von Medair hilft bei Krisensituationen in allen zehn Bundesstaaten des Südsudan. Im Rahmen unseres Kala-Azar-Einsatzes in Jiech haben wir ein Behandlungszentrum eingerichtet, wo wir das Personal vor Ort umfangreich schulen und betreuen. Wir liefern jede Woche Medikamente gegen Kala-Azar, medizinische Ausrüstung und Material an die Einrichtung.

Seit der Einsatz in Jiech im Dezember 2010 begann, wurden 1623 Kala-Azar-Patienten behandelt, geheilt und wieder entlassen. Unser ERT war auch bei einem Kala-Azar-Ausbruch im benachbarten Bundesstaat Obernil im Einsatz.

_____________________________________________________________________


Mit Aufzeichnungen von Ruth Creber, ERT Health Manager bei Medair, Südsudan.

Für weitere Informationen zur Arbeit von Medair im Südsudan besuchen Sie unsere Website unter http://www.medair.org/de/wo-wir-arbeiten/suedsudan/.

Dieser Web-Beitrag wurde mit Mitteln erstellt, die Medair-Mitarbeiter vor Ort und am Hauptsitz gesammelt haben. Bei den darin geäusserten Meinungen handelt es sich ausschliesslich um die Ansichten von Medair; sie geben nicht unbedingt den offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen wieder.





Spenden Sie heute



Bleiben Sie informiert



Nachrichten von Medair

Das Herzstück unserer Arbeit

Somalia -

In den Lagern Somalilands kommen verschiedene Formen...

Brücken bauen

Kongo (DRC) -

Medair richtet einen lebenswichtigen humanitären...