Nothilfe

Flüchtlingsstrom im Kongo
Die gesamte humanitäre Arbeit von Medair wird von den zwei Kernkompetenzen Nothilfe und Wiederaufbau geleitet.
Was ist unter Nothilfe zu verstehen?
Das Centre for Research on the Epidemiology of Disasters (CRED) definiert den Begriff der humanitären Katastrophe als „... unvorhergesehenes und oftmals plötzlich eintretendes Ereignis, das grossen Schaden, gewaltige Zerstörung und enormes menschliches Leid verursacht.”[1] In vielen Fällen sind humanitäre Katastrophen die Folge von Naturkatastrophen, z.B. beim Erdbeben 2005 in Pakistan oder beim Tsunami 2004 in Asien.
Eine humanitäre Katastrophe kann auch bedeuten, dass Medair auf dringende Bedürfnisse in einem Land reagieren muss, in dem die Organisation bereits niedergelassen ist. So liessen sich zum Beispiel im Jahr 2006 45 000 Menschen, die vor den bewaffneten Auseinandersetzungen um das Dorf Gety in der DR Kongo geflohen waren, in einem überbevölkerten Gebiet nieder, wo sie mit Gesundheitsrisiken zu kämpfen hatten, die eine Versorgung mit unentbehrlichen Medikamenten erforderlich machten. Ein weiteres Beispiel sind Hilfseinsätze bei Epidemien oder Konflikten, durch die lebensnotwendige Dienste gefährdet werden.
Medair definiert Nothilfe als die Massnahmen, die ungefähr innerhalb des ersten halben Jahres nach einer Katastrophe oder Krise durchgeführt werden. Während dieser Zeit sind wir in erster Linie darum bemüht, rasch und effektiv Leben zu retten und Leid zu lindern.
Nothilfe mündet naturgemäss in Wiederaufbauhilfe, bei der die Verbesserung der Handlungskompetenz stärker im Mittelpunkt steht und die Infrastruktureinrichtungen bzw. Lebensgrundlagen wieder auf das vorherige Niveau oder ein höheres Niveau gebracht werden.
Kernkompetenzen von Medair im Aufgabenfeld Nothilfe:
Erfahrung
Medair verfügt über knapp 20 Jahre Erfahrung in der Durchführung von Nothilfemassnahmen in einigen der bedürftigsten Länder der Welt wie Somalia, Tschetschenien, Sudan, Uganda, DR Kongo, Afghanistan und Irak.
Rasche Reaktion
Entscheidend ist, dass wir schnellstmöglich in ein Katastrophen- oder Krisengebiet gelangen, um mit der Bedarfsanalyse, der Koordination mit den staatlichen und sonstigen Hilfsorganisationen sowie mit dem operativen Einsatz beginnen zu können. Da Medair relativ klein ist, sind wir flexibel genug, um rasch und effizient entscheiden zu können, wo und wie wir auf plötzlich eintretende Krisen reagieren wollen.
Vorbereitung
Der zweite für eine rasche Reaktion ausschlaggebende Faktor ist eine umfassende Vorbereitungsstrategie. Medair bereitet sich wie folgt vor:
Menschen
Ein Verzeichnis mit über 50 erfahrenen Medair-Mitarbeitern (u. a. Ärzten, Wasseringenieuren und Managern), die im Katastrophenfall binnen 48 Stunden in das Krisen- bzw. Katastrophengebiet reisen können.
Material
Medair verfügt am Schweizer Hauptsitz über einen Bestand an „Start-up Kits“ für den Beginn eines Hilfsprogramms. Zudem sind wir in der Lage, kurzfristig lebensnotwendige Hilfsgüter wie Zelte, Decken und Medikamente aus unserem vollen Lager in Brüssel auf den Weg zu bringen.
Mittel
Medair hat einen speziellen Nothilfefonds von über USD 400 000, mit dem wir neue Nothilfeprogramme initiieren können.
Rücksprache mit der Bevölkerung, nationalen Organisationen und der Regierung
Nach unserer Erfahrung können Nothilfemassnahmen nur dann erfolgreich durchgeführt werden, wenn sich die Helfer mit allen massgeblichen Entscheidungsträgern beraten. Medair spricht sich mit den nationalen und internationalen Hilfsorganisationen ab, wenn es darum geht, dort Hilfe zu leisten, wo diese am dringendsten benötigt wird. Wir arbeiten mit der Regierung des jeweiligen Landes zusammen, um die erforderlichen Genehmigungen einzuholen und sicherzustellen, dass sich unsere Hilfsleistungen nicht mit denen anderer Hilfsorganisationen überschneiden. Vor allem aber beraten wir uns mit der Bevölkerung, damit wir auch wirklich die Hilfe leisten, die von den Menschen benötigt wird.
Breites Spektrum an Fachkompetenz
Medair deckt mehrere Aufgabenfelder in der humanitären Hilfe ab, wodurch es uns sowohl in der Nothilfe als auch in der Wiederaufbauhilfe möglich ist, die am dringendsten benötigte Unterstützung zu leisten. Unsere drei Hauptkompetenzbereiche sind: Wasserversorgung und Sanitärmassnahmen, medizinische Versorgung sowie Notunterkünfte und Infrastruktur.
In der Nothilfe werden die Kräfte dieser Kompetenzbereiche gebündelt, sodass eine perfekt aufeinander abgestimmte Lösung für den dringenden Hilfsbedarf geschaffen wird. Darüber hinaus leisten wir bei Bedarf auch auf andere Weise Soforthilfe, so zum Beispiel durch Unterstützung im Bereich Ernährung und Nahrungsmittel oder durch die Verteilung von grundlegenden Hilfsgütern.
Fallstudie: Erdbeben in Pakistan, 2005
Fünf Tage nach dem Erdbeben war im abgelegenen Bezirk Poonch, in dem es keine andere aktive NGO gab, ein Hilfsteam von Medair voll einsatzbereit. 95% der Häuser und Wohnungen in Poonch waren beschädigt oder zerstört worden. Angesichts des nahenden Wintereinbruchs musste Medair eine Möglichkeit finden, um Tausende Familien schnellstmöglich mit lebensrettenden Notunterkünften zu versorgen. Das Medair-Team verteilte Bausätze für Übergangsunterkünfte, die mit vorhandenen Baumaterialien und dem Bauschutt aus den zerstörten Häusern ohne Weiteres zusammengebaut werden konnten.
Ergebnisse:
- 6 408 Familien erhielten Bausätze für Übergangsunterkünfte
- 1 273 Familien wurden mit Zelten versorgt
- 5 153 Familien erhielten grundlegende Hilfsgüter wie Kocher, Decken, Matratzen und warme Kleidung
- 11 500 Menschen erhielten Hygieneerziehung
Fallstudie: WatSan-Projekt in Malakal, Südsudan, 2006
Nachdem ein bewaffneter Konflikt in der Stadt Malakal die Mitarbeiter von Medair und anderen internationalen NGOs gezwungen hatte, das Einsatzgebiet zu verlassen, kam es zu einer schweren Krise im Bereich der Wasserversorgung. Es wurden zahlreiche Cholerafälle gemeldet, was darauf schliessen liess, dass das Flusswasser infolge des Konflikts verseucht worden war. Medair tat sich mit der UNICEF zusammen und schickte unverzüglich ein Hilfsteam nach Malakal zurück, wo es zwei mobile Wasseraufbereitungssysteme errichtete.
Ergebnisse:
- Zwei mobile Wasseraufbereitungssysteme installiert
- 80 000 Liter sauberes Wasser pro Tag bereitgestellt
[1] International Agreed Glossary of Basic Terms Related to Disaster Management (1992) UN-DHA, IDNDR, Geneva

