Unterkunft und Infrastruktur
Warum Notunterkünfte und Infrastruktur?
Einfache Notunterkünfte gehören neben Nahrung, Wasser und Bekleidung zu den wichtigsten Überlebensfaktoren. In vielen Gegenden herrschen klimatische Bedingungen, in denen der Mensch ohne ausreichenden Schutz vor den Naturgewalten nur wenige Tage überleben kann.
In den Dokumenten zum „Sphere Project“[1] heisst es:
„Notunterkünfte tragen massgeblich zum Überleben in der ersten Zeit nach einer Naturkatastrophe bei. Darüber hinaus sind sie für die persönliche Sicherheit, als Witterungsschutz und eine bessere Widerstandsfähigkeit gegen gesundheitliche Beschwerden und Krankheiten unerlässlich.”
Sobald das Überleben der Opfer gesichert ist, verlagert sich der Schwerpunkt zum Wiederaufbau und zur Instandsetzung der Infrastruktur, zum Beispiel öffentlicher Gebäude, kommunaler Einrichtungen, Strassen und Brücken.
Hilfsmassnahmen im Bereich Notunterkünfte und Infrastruktur finden sowohl im Rahmen der Nothilfe als auch im Rahmen der langfristigen Aufbauhilfe statt. Bei Nothilfemassnahmen werden in der Regel Plastikplanen bereitgestellt, mit denen sich die Menschen provisorisch ein Dach über dem Kopf errichten können. Ausserdem geben diese lebensrettenden Behelfsunterkünfte den oftmals verzweifelten Menschen Hoffnung zum Weiterleben. Bei Wiederaufbauprojekten wird beispielsweise der Bau von stabileren Dauerunterkünften unterstützt, die dazu beitragen, die Eigenständigkeit und Würde der von uns betreuten Menschen wiederherzustellen.
Aufgabenfeld Notunterkünfte und Infrastruktur

Bau eines Krankenhauses in Afghanistan
1991 führte Medair im Norden des Irak die ersten Hilfsmassnahmen im Bereich Notunterkünfte durch; seither hat sich dieser Bereich zu einem unserer wichtigsten Aufgabenfelder in der humanitären Hilfe entwickelt. Es gab bisher Projekte in Tschetschenien, Nordossetien, Afghanistan, Kosovo, Mosambik, Iran, Sri Lanka, Pakistan, Angola und der Demokratischen Republik Kongo.
Notunterkünfte
Wenn Medair nach einer Naturkatastrophe ein Länderprogramm initiiert, werden meistens Notunterkünfte am dringendsten benötigt. Die einfachsten Notunterkünfte, die Medair bereitstellt, sind Plastikplanen und Zelte.
Notunterkünfte für Haushalte können als einfache und provisorische Lösung oder als komplexe und dauerhafte Lösung bereitgestellt werden. Eine einfache Lösung kann z. B. so aussehen, dass Baumaterialien ausgegeben werden, sodass die Familien selbst provisorische Unterkünfte errichten können. So wurde beispielsweise nach dem Erdbeben in Pakistan vorgegangen, als der Winter mit eisigen Temperaturen bevorstand. Mit Unterstützung der lokalen Bevölkerung konnte Medair einen Bausatz für eine Notunterkunft entwickeln, der auf die speziellen Bedürfnisse der betroffenen Menschen zugeschnitten ist. In Sri Lanka baute Medair stabile Übergangsunterkünfte, die bis zu zwei Jahren halten. Ausserdem reparieren wir Wohnhäuser bzw. bauen diese wieder auf, z. B. nach dem Krieg im Kosovo und dem Erdbeben in Bam.
Infrastruktur
Da Medair mehrere Aufgabenfelder in der humanitären Hilfe abdeckt, sind wir gezwungen, alle Bedürfnisse einer Gemeinde zu berücksichtigen, insbesondere wenn die Infrastrukturverbesserungen eine nachhaltige Wirkung zeigen können. In den vergangenen Jahren hat Medair durch den Wiederaufbau von Gesundheitszentren, Schulen, Flugpisten, Brücken und Zufahrtsstrassen grössere Infrastrukturlücken geschlossen.
Darüber hinaus hat Medair Fachkompetenzen in Disaster Mitigation (Eindämmung der Auswirkungen von Naturkatastrophen) entwickelt. Wenn die Infrastruktur einer Gemeinde durch eine Naturkatastrophe beschädigt wurde, sorgt Medair dafür, dass die Wiederaufbaumassnahmen so gestaltet werden, dass das Risiko zukünftiger Schäden verringert wird. Dieser Ansatz wird in der humanitären Hilfe „Building Back Better” genannt. In Pakistan wurde 11 000 Menschen beigebracht, wie man erdbebensichere Unterkünfte baut. In Madagaskar führt Medair nach wie vor Kurse durch, damit die Brunnen zuverlässig gegen Überschwemmungsschäden geschützt werden, wenn Wirbelstürme über die Insel fegen.
Kernkompetenzen von Medair im Aufgabenfeld Notunterkünfte und Infrastruktur
Erfahrung
Seit über 15 Jahren steht Medair weltweit den von Katastrophen und Krisen betroffenen Menschen in den klimatisch und geografisch unterschiedlichsten Gegenden mit Notunterkünften und Infrastrukturlösungen zur Seite.
Innovation
Dank unserer Erfahrung finden wir innovative Lösungen bei den Notunterkünften. In Sri Lanka und in Pakistan konnten wir in Zusammenarbeit mit den Betroffenen einen neuen Typ von Behelfsunterkunft entwickeln. In beiden Fällen stellte sich die neue Bauweise als recht einfach und elegant heraus. Es wurden lokal verfügbare Baumaterialien verwendet, aber auch wiederverwertete Materialien wie Bauschutt aus den beschädigten Häusern der Betroffenen.Seit den Hilfsprogrammen in Bam und Pakistan hat Medair nun genügend Erfahrung und Selbstsicherheit, die uns unter Anwendung innovativer Bauweisen die Errichtung von Notunterkünften ermöglichen, die leichte bis mittlere Erdbeben überstehen.
Fachkräfte
Hilfsprogramme im Bereich Notunterkünfte und Infrastruktur können einerseits relativ einfach sein, andererseits aber auch recht komplex, wenn sie den Wiederaufbau von dauerhaften Wohnhäusern beinhalten. Medair ist sich bewusst, wie wichtig die Zusammenarbeit mit qualifizierten und erfahrenen Mitarbeitern in diesem Bereich ist. Indem wir beispielsweise für unser Iran-Team auf Fachkräfte zurückgriffen, die speziell im Bereich Wiederaufbau qualifiziert sind, war es uns möglich, den Wiederaufbau von 500 erdbebensicheren Wohnhäusern zu unterstützen.
Zusammenarbeit
Medair legt grossen Wert auf eine enge Zusammenarbeit mit der jeweiligen Regierung, mit sonstigen Behörden und Akteuren sowie mit den lokalen Lieferanten. Im Iran unterstützte Medair die lokale Verwaltung und führte die Massnahmen entsprechend der offiziellen Politik durch. Auch wenn diese Arbeitsweise für Medair manchmal schwierig war, wurde sie doch von der Regierung sehr begrüsst und führte letzten Endes zu einer äusserst produktiven Partnerschaft.
Beteiligung der Bevölkerung
Wie in anderen Kompetenzbereichen berät sich Medair während der Massnahmen auf dem Gebiet Notunterkünfte und Infrastruktur mit den Hilfeempfängern. Wir legen grossen Wert auf den Aufbau guter Beziehungen und auf einen ehrlichen Dialog. In den meisten Fällen bauen die Hilfeempfänger die Notunterkünfte selber auf, weshalb es auch so wichtig ist, dass sie an der Planung beteiligt sind.
Fallstudie: Sri Lanka
Nach dem Tsunami stellte Medair Übergangsunterkünfte für 2 500 Familien (bis zu 25 000 Menschen) bereit. Die Unterkünfte bestanden aus einem einfachen Metallrahmen mit Blechwänden und einem Dach aus Palmblättern, das die Hitze abhält. Betonböden und Stromversorgung wurden nachträglich eingebaut.
Fallstudie: Pakistan
Nach Beratungen mit den Überlebenden stellte Medair Bausätze für Übergangsunterkünfte für 6 408 Familien (bis zu 64 000 Menschen) zur Verfügung. Das Hilfsteam errichtete in jedem Dorf eine Übergangsunterkunft als Beispiel, an dem den Dorfbewohnern gezeigt werden konnte, wie sie ihre eigene Unterkunft bauen und dafür den Bauschutt aus ihren zerstörten Häusern als Baumaterial verwenden können. In den niedriger gelegenen Regionen, in denen kaum mit Schneefällen zu rechnen ist, stellte Medair stabile Zelte für 1 273 Familien bereit. Ausserdem baute Medair 24 Gesundheitszentren soweit wieder auf, dass sie provisorisch bis zum vollständigen Wiederaufbau im Frühjahr genutzt werden konnten.
[1] Humanitäre Charta und Mindeststandards in der Katastrophenhilfe. Das Projekt wurde 1997 von einer Gruppe humanitärer NGOs und der Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung gegründet.

