Medizinische Versorgung
Warum medizinische Versorgung?
Gebiete, in denen am dringendsten Hilfe benötigt wird, sind meist jene Regionen auf der Welt, in denen Naturkatastrophen oder Kriege gewütet haben. Die grösste Gefahr für die Gesundheit der Opfer in diesen Gebieten sind in der Regel jedoch weniger die eigentlichen Gewalttaten bzw. Verletzungen als vielmehr Krankheiten und Seuchen. Laut einer Mortalitätsstudie, die 2006 in der Demokratischen Republik Kongo durchgeführt wurde, waren die meisten der 3,9 Millionen Toten im Zusammenhang mit dem Krieg von 1998-2004 auf Krankheiten zurückzuführen:
„Die meisten Todesfälle wurden durch vermeidbare und behandelbare Krankheiten und nicht durch Gewaltakte verursacht… Eine Verbesserung der Nahrungsmittelsituation sowie der Verfügbarkeit von grundlegenden Gesundheitsleistungen wie Impfungen, sauberem Wasser, insektizidbehandelten Moskitonetzen und Fallmanagement für typische Krankheiten kann erheblich zur Senkung der überdurchschnittlichen Sterblichkeitsrate beitragen.”[1]
In Kriegsfällen oder bei grösseren Abwanderungen nach einer Naturkatastrophe werden zwei Arten von medizinischer Hilfe benötigt: Die erste besteht in der sofortigen Behandlung diverser Verletzungen wie Schussverletzungen, Wunden durch Bomben und Landminen oder Quetschungen bei Erdbeben. Die zweite besteht darin, die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung mit besonderem Schwerpunkt auf der Prävention und Behandlung von Infektionskrankheiten sicherzustellen. Bei Massenabwanderungen sterben die Menschen vor allem an Durchfall, Atemwegsinfektionen, Masern, Malaria und Unterernährung. Diese Krankheiten sind vermeidbar und lassen sich normalerweise im Rahmen der medizinischen Grundversorgung problemlos in den Griff bekommen.
Aufgabenfeld medizinische Versorgung

Therapeutisches Füttern im Südsudan
Das Engagement von Medair im Bereich der medizinischen Versorgung begann im Gründungsjahr der Organisation mit dem ersten Projekt im ugandischen Soroti im Jahr 1988. Das Medair-Team half der Zivilbevölkerung mit Impfprojekten und medizinischen Evakuierungen und sorgte zudem für die künstliche Ernährung von Tuberkulose-Patienten. Seither haben wir unsere Hilfsmassnahmen im Bereich der medizinischen Versorgung weiter ausgebaut, sodass dieses Aufgabenfeld mittlerweile zu unseren drei Hauptkompetenzbereichen zählt.
Medair konzentriert sich in erster Linie auf die medizinische Grundversorgung
und hierbei sowohl auf die präventive als auch auf die kurative Versorgung. Bei der Durchführung unserer Gesundheitsprogramme legen wir Wert auf die unterstützende Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinden.
Präventive Versorgung
Die präventive Versorgung umfasst unter anderem Routineimpfungen von Kindern und Frauen, Pränatalkliniken, Gesundheitserziehung, Entwurmungskampagnen und die Verteilung von insektizidbehandelten Moskitonetzen mit Langzeitwirkung.
In Ländern wie der DR Kongo und Uganda übernimmt Medair die psychosoziale Betreuung von Menschen, vor allem Kindern, die durch den Konflikt traumatisiert wurden.
Kurative Versorgung
Die kurative Versorgung umfasst unter anderem die Grundversorgung in Bezug auf die häufigsten Krankheiten und – sofern möglich – die Überweisung schwierigerer Fälle in das nächstgelegene Krankenhaus. Die kurative Versorgung kann auch die Betreuung bei geburtshilflichen Notfällen und spezielle Seuchenschutzprogramme gegen Krankheiten wie Tuberkulose, Trachom und Dracontiasis umfassen.
Sowohl die präventive als auch die kurative Versorgung erfolgt in der Regel in stationären Kliniken. Sind diese schwer zugänglich oder ist die Sicherheitslage angespannt, kann sie aber auch über mobile Kliniken erfolgen. Bestimmte präventive Leistungen werden von ausgebildeten Community Health Workers in den Dörfern erbracht.
Nothilfe
Wir sind stets bereit, um auf Ausbrüche von Krankheiten wie Cholera oder Meningitis in Ländern zu reagieren, in denen diese Krankheiten ein grosses Problem darstellen.
In einigen Ländern führt Medair parallel Ernährungsprogramme für Kinder und Mütter durch. Dabei stellen wir sicher, dass sie auf Unterernährung hin untersucht und entsprechend behandelt werden.
Medizinische Sekundärversorgung
Medair konzentriert sich mitunter auch auf Aspekte der sekundären Gesundheitsversorgung, insbesondere auf die Müttergesundheit. Steht keine andere Hilfsorganisation mit dieser Fachkompetenz zur Verfügung, unterstützt Medair in sehr seltenen Fällen das lokale Gesundheitspersonal bei Notoperationen.
Kernkompetenzen von Medair im Aufgabenfeld medizinische Versorgung

Behandlung eines Patienten durch ein Doktor von Medair
Erfahrung
Seit der Gründung 1988 leistet Medair Hilfe im Bereich der medizinischen Versorgung. In den knapp 20 Jahren, die seither vergangen sind, haben wir ausserordentlich wertvolle Erfahrungen sammeln können und sind heute in der lebensrettenden medizinischen Versorgung von hilfsbedürftigen Menschen in abgelegenen und unsicheren Gebieten auf der ganzen Welt führend.
Bedarfsanalyse
Medair legt Wert auf verantwortliches Handeln und betreibt daher Planungsforschung zur Erhebung der Gesundheitsprobleme der Zielbevölkerung. Wir führen folgende Recherchearbeiten durch: Grundlagenerhebungen auf Haushaltsebene und Malariastudien, KAP-Studien (Knowledge, Attitude, Practice) zur Erforschung der Einstellung und des Verhaltens hinsichtlich der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen oder der allgemeinen Erkrankungsprävention, Studien zur Erforschung der konkreten Wirkung der Ausgabe von Moskitonetzen und Mortalitätsstudien zur Feststellung der Wirkung unserer Hilfsmassnahmen.
Feedback der Hilfsempfänger
Das Feedback der Betroffenen zu der von ihnen in Anspruch genommenen medizinischen Versorgung hilft Medair, die Qualität der Gesundheitsversorgung zu überwachen und festzustellen, ob sie für die am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen tatsächlich zugänglich ist. Dadurch können wir kulturelle oder sprachliche Barrieren beseitigen, die die Menschen davon abhalten könnten, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Zum Beispiel können wir in konservativen Gesellschaften für weibliches Gesundheitspersonal sorgen, damit auch Frauen der Weg in die Kliniken offen steht.
Flexibler Ansatz
Das Arbeitsfeld medizinische Versorgung umfasst alles, von der dringenden medizinischen Nothilfe bis zu langfristigeren Wiederaufbaumassnahmen mit präventiver und kurativer Gesundheitsversorgung. Folglich muss das Gesundheitsteam von Medair in der Lage sein, unverzüglich auf die verschiedensten medizinischen Bedarfsfälle zu reagieren. Unsere Flexibilität und unser engagiertes Personal ermöglichen es uns, effizient und effektiv auf schwierige und mitunter gefährliche Situationen zu reagieren.
Capacity Building
Medair stärkt lieber die lokalen Strukturen, sofern welche vorhanden sind, als eigene Kliniken einzurichten, die gänzlich von Medair und nicht vom staatlichen System abhängig sind. Uns ist wichtig, dass die medizinischen Kräfte in der Verwendung von standardisierten Behandlungsprotokollen und einer vernünftigen Verschreibungspraxis geschult werden. Auf diese Weise wollen wir die Qualität der medizinischen Versorgung verbessern und in die Zukunft der Gesundheitsversorgung in einer Region investieren. Indem wir den Gemeinden zur Seite stehen, gewährleisten wir nicht nur die Eigenständigkeit und Würde der von uns betreuten Menschen, sondern auch die Stabilität und nachhaltige Wirkung der Gesundheitsprogramme.
Einheitliche Standards und gleichbleibende Qualität der Gesundheitsversorgung
Wir sorgen für eine umfassende Kontrolle unserer Gesundheitsprojekte, unter anderem durch die regelmässige Überprüfung der Qualität der geleisteten Gesundheitsversorgung. Die von uns verwendeten Standardprotokolle und grundlegenden Medikamente entsprechen den nationalen und internationalen Empfehlungen.
Koordination mit anderen Akteuren
Medair steht nicht im Wettbewerb mit anderen Akteuren im humanitären Sektor, sondern arbeitet eng mit ihnen zusammen. Dadurch können wir bestmöglich und am effektivsten Unterstützung leisten. Dies gilt auch, wenn wir unsere Anstrengungen aufeinander abstimmen, um Synergien mit anderen Aufgabenfeldern von Medair wie den Bereichen WatSan oder Notunterkünfte und Infrastruktur zu schaffen.
Engagierte Betreuung der Not leidenden Menschen
Medair wählt Gebiete, in denen keine anderen Hilfsorganisationen Unterstützung leisten. Oft bedeutet das, dass wir an abgelegenen, schwer zugänglichen oder isolierten Orten arbeiten. Dies führt zu zahlreichen logistischen Herausforderungen, was den Transport der Mitarbeiter oder der medizinischen Verbrauchsgüter anbelangt. Die erfahrenen Logistiker von Medair sind hier eine unermessliche Hilfe, indem sie die medizinische Versorgung von Orten ermöglichen, die ohne sie nicht erreicht werden könnten.
Fallstudie: Sudan (Nord- und Südstaaten)
Medair unterhielt in Darfur bereits ein langjähriges Hilfsprojekt im Bereich der medizinischen Grundversorgung, als wir 2003 infolge von Angriffen auf Dörfer plötzlich gezwungen waren, unverzüglich auf Soforthilfe umzustellen. Medair unterstützt zwar weiterhin die medizinische Grundversorgung, muss sich aber nach wie vor um Ausbrüche von Malaria, blutiger Diarrhö, Meningitis und Masern unter den Vertriebenen im Sudan kümmern.
Fallstudie: Afghanistan
In Afghanistan stirbt etwa jede neunte Frau während oder kurz nach der Schwangerschaft – in abgelegenen Regionen ist das Verhältnis noch wesentlich ungünstiger. Die Provinz Badachschan im Nordosten weist die höchste Müttersterblichkeitsrate der Welt auf. Die Region ist streng islamisch geprägt. Aus diesem Grund war es für Medair besonders wichtig, weibliche Kräfte für den Gesundheitsdienst zu engagieren, damit Frauen in den Kliniken behandelt werden können. Da das nächste Krankenhaus für die meisten Einwohner unerreichbar ist, führte Medair ausserdem Qualifikations- und Unterstützungsmassnahmen in der Versorgung von geburtshilflichen Notfällen in der Zentralklinik durch.
Fallstudie: Demokratische Republik Kongo
Medair unterstützt die Bereitstellung von Medikamenten und die Durchführung von Schulungsmassnahmen in über 600 Gesundheitseinrichtungen im Nordosten der DR Kongo. Zwei besondere Schwerpunkte sind dabei die Malariaprävention und -behandlung sowie die Verwendung wirksamer Medikamente für die auf Derivaten von Artemisinin basierende Malaria-Therapie (ACT). Zudem reagieren die Teams regelmässig auf Ausbrüche von Cholera, Masern und gelegentlich Pest.
[1] Coghlan, B., Brennan, R., Ngoy, P., Dofiara, D., Otto, B., & Stewart, T. (2006). Republic of Congo: A nationwide survey.
[2] Maternal Mortality in Afghanistan: Magnitude, Causes, Risk Factors and Preventability.
Summary Findings. Linda Bartlett, MD, MHSc, UNICEF. 2002

