Madagaskar: Wirbelsturm Enawo – Hautnah erlebt!

02 August 2017

Madagaskar: Wirbelsturm Enawo – Hautnah erlebt!

Enawo – diesen Namen werde ich nie vergessen. Er klingt exotisch und weckt Bilder von endlosen, menschenleeren Traumstränden. Doch Enawo war alles andere als paradiesisch: Am 7. März 2017 traf der Zyklon der Kategorie 4 den Nordosten Madagaskars mit voller Wucht. 

„Wir gehen davon aus, dass Enawo einer der heftigsten Wirbelstürme sein wird, der in den vergangenen fünf Jahren auf Madagaskar gewütet hat“, wurde der Zyklon in den Nachrichten angekündigt. Ich war angespannt, aber nicht in Panik. Denn Medair rüstet sich Jahr für Jahr bestens für die bevorstehende Wirbelsturmsaison. Unsere Mitarbeitenden in den Projektgebieten hatten wir bereits zurückgerufen. Das Dach des Büros wurde mithilfe von Seilen stabilisiert, die Ausrüstung in wasserdichten Behältern in Sicherheit gebracht. Auch für unsere Fahrzeuge, Motorräder und Boote fanden wir einen sicheren Lagerplatz – und füllten unseren Safes wieder auf, für den Fall, dass die Banken schliessen würden. Ich wusste, dass meine Kollegen diverse Zyklone erlebt hatten und entsprechend gut vorbereitet waren. Sie gaben mir viele gute Ratschläge, was mir half, innerlich ruhig zu bleiben. 

Am Abend verliess ich das Medair-Büro ein letztes Mal. Während meines Rundganges durch die Stadt sah ich, dass die Menschen einen sicheren Ort gefunden hatten. Es regnete in Strömen. Viele Familien suchten Schutz in Schulen und Kirchen. „Wir haben alles zurückgelassen“, sagte eine Mutter. Gemeinsam mit ihrer Familie hatte sie sich in einer kleinen Ecke in einem Klassenzimmer eingerichtet.

Mir fiel auf, dass der Flusspegel bereits deutlich gestiegen war. Uns allen stand eine lange Nacht bevor. 

Als ich zurück in meinem Zimmer war, wehte der Wind immer stärker, der Regen prasselte aufs Dach und peitschte gegen die Fensterscheiben. Erschöpft von der Hektik der letzten 24 Stunden fiel ich ins Bett – doch schlafen konnte ich nicht. Ich wälzte mich von einer Seite auf die andere und dachte an meine einheimischen Kollegen und Freunde. Hielten ihre Holzhäuser dem starken Sturm stand? Und würden sie vom Hochwasser verschont bleiben?

Als es dämmerte, blickte ich nach draussen: Der Flusspegel war mittlerweile um fast einen Meter angestiegen. Entschlossen stapfte ich durch die Tür – und stellte fest, dass ich meine Gummistiefel umsonst angezogen hatte: Das schlammige Wasser reichte mir bis über die Knie. Die Strassen waren zu Flüssen geworden. Schritt für Schritt watete ich zum Büro. Einige Häuser waren zerstört worden oder ihr Dach fehlte, die Mehrzahl war überschwemmt worden. Viele Wasserstellen waren ebenfalls überflutet und kontaminiert. Normalerweise brauchte ich fünf Minuten zur Arbeit – an jenem Tag waren es 20. 

Als ich die Tür zum Büro aufschloss, spürte ich grosse Erleichterung. Es war nicht überschwemmt worden, zumindest noch nicht. Nach und nach trafen meine madagassischen Kollegen ein. Viele berichteten mir, dass ihre Häuser geflutet oder beschädigt worden waren – oder beides zugleich. Ich war stolz auf meine Teamkollegen und erlebte einen enormen Energieschub. Sie hatten alles aufs Spiel gesetzt, um ihren Mitmenschen zu helfen.   

Menschenleben zu retten, dafür schlägt unser Herz. Unsere Teams verschafften sich ein umfassendes Bild von der Lage. Anschliessend halfen wir den Behörden, Menschen aus gefährdeten Gebieten zu evakuieren. 

In den darauffolgenden 48 Stunden waren wir ununterbrochen im Einsatz. Zu Fuss, mit dem Boot und dem Flugzeug waren wir unterwegs, um den entstandenen Schaden einzuschätzen. Die heftigen Winde und intensiven Regenfälle hatten Maroantsetra komplett auf den Kopf gestellt. Der Sandstrand war vor lauter Schlamm und Trümmer kaum mehr zu erkennen. Durch die Strassen flossen reissende Flüsse, die Geäst und lauter persönliche Gegenstände von Menschen trieben. 

Medair hatte im Vorfeld WASH-Sets (Eimer, Seife und Wasseraufbereitungslösung) an strategischen Orten gelagert. Dadurch waren wir in der Lage, sie im Anschluss an die Katastrophe umgehend bereitzustellen. Während der ersten 48 Stunden organisierten wir eine erste Verteilung dieser Nothilfe-Sets, um bedürftige Familien so schnell wie möglich mit sicherem Trinkwasser zu versorgen.

Obwohl meine Glieder schmerzten und meine Gedanken nicht zur Ruhe kamen, war ich voller Tatendrang. Wir hatten in den vergangenen zwei Tagen unglaublich viel geschafft. Das Medair-Team tat alles dafür, so viele Menschen wie möglich zu versorgen, insbesondere die madagassischen Kollegen, die selber direkt vom Sturm betroffen waren. Deren bemerkenswerten Einsatz während dieser schweren Zeit werde ich nie vergessen – und ihre besondere Geschichte sicher einmal meinen Enkelkindern erzählen. 

Im ganzen Land leiden rund 400 000 Menschen unter den Folgen von Zyklon Enawo. Die Stadt Maroantsetra wurde durch die Überschwemmungen besonders schwer getroffen. Bis Ende März 2017 verteilte Medair mehr als 2200 WASH-Sets und desinfizierte rund 400 Wasserstellen. So kann Zugang zu sicherem Trinkwasser geschaffen und der Ausbreitung von Krankheiten in Maroantsetra vorgebeugt werden. In 87 Dorfgemeinschaften führten wir umgehend Bedarfsanalysen durch und stellten die Ergebnisse den Behörden und anderen Partnern zur Verfügung. Das ermöglichte, rasch und geschlossen zu reagieren.

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Über die Autorin: Ketsia ist 30 Jahre alt und stammt aus Frankreich, obwohl sie den Grossteil ihres Lebens im Ausland verbracht hat (Mauretanien, Tschad, England, Uruguay). 2015 stiess sie als Logistikerin in Haiti zu Medair. Seit Februar 2016 arbeitet sie in Madagaskar, wo sie Rano Tsara 2 leitet – ein Wasserprojekt von Medair in Maroantsetra. Mit Enawo erlebte sie ihren ersten Wirbelsturm. 

Die Arbeit von Medair in Madagaskar wird ermöglicht von der Europäischen Union, der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), der Stiftung Glückskette, dem Zoo Zürich (CH), der Agence de l’eau Rhône Méditerranée Corse (FR), dem Kanton Aargau sowie privaten Spenderinnen und Spendern.

Die Inhalte dieses Artikels stammen von Mitarbeitenden von Medair in den Einsatzgebieten sowie am internationalen Hauptsitz. Die geäusserten Meinungen entsprechen ausschliesslich jenen von Medair und damit nicht unbedingt dem offiziellen Standpunkt anderer Hilfsorganisationen.


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